Hans Christoph Buch: Sansibar Blues (2008).

Bild: (c) Michael Flötotto
Bild: (c) Michael Flötotto

„… und als du auf der Dachterrasse ein nasses Laken zur Seite schiebst, stockt dir der Atem beim Rundblick über die Stadt: Hinter rostroten Wellblechdächern blaut das Meer, dessen Brandung ein Fischerboot durchsticht, während eine Flotte von Dhaus vor der Hafeneinfahrt kreuzt, die bunt geflickten Segel von der Abendbrise gebläht.“

Hans Christoph Buch, „Sansibar Blues oder: Wie ich Livingston fand“, Die andere Bibliothek, 2008.

Ostafrika im Hirne,
Togo, der Amok tanzt:
das ist die weiche Birne
mit fremder Welt bepflanzt;
die istrisch dunklen Meere
vor dem großen Vestibül,
sein Vater fuhr eine Fähre:
historisches Lustgefühl.

„Ostafrika“ von Gottfried Benn, 1. Strophe.

Entstanden in den 1920er Jahren in einer Reihe von Gedichten, in denen Benn Sehnsuchtsorte umschrieb – geprägt vom „Exotismus“ und Vorstellungen, die auch die Intellektuellen in der deutschen Kolonialmacht umtrieben.

Sansibar – der Name klingt wie ein exotisches Versprechen, verheißt den Duft von Gewürzen, den Wind der Wüste, ruft Bilder von Inselparadies und lockendem Afrika hervor. Doch die Hauptfiguren in Hans Christoph Buchs Roman wollen vorwiegend eines: Nichts wie weg da.

Ein amerikanischer Diplomat und ein DDR-Gesandter, der zwar den sprechenden Namen „Hans Dampf“ hat, aber alles andere als ein solcher ist, eine Sultanstochter und ein Sklavenhändler, Che Guevara und Ryszard Kapuscinski geben sich in diesem Roman quasi die Klinke in die Hand. Durch die wechselnden Erzählstimmen und Zeitläufe ist die burleske, bunte Erzählung zwar nicht ganz einfach zu lesen, doch in sich geschlossen – die Fäden laufen zusammen, ergeben eine stimmige Komposition. Zumal sich der 1944 geborene Schriftsteller Hans Christoph Buch intensiv mit der kolonialen Vorgeschichte Afrikas auseinandergesetzt hat und den Kontinent wohl kennt wie seine Westentasche. Empfohlen sei von H. C. Buch, der, wenn er nicht auf Reisen ist, in Berlin lebt, auch sein Romanessay „Apokalypse  Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern“, erschienen 2011 in der Anderen Bibliothek.

Sansibar, die vor Tansania liegende Insel, spielte für Ostafrika lange eine bedeutende Rolle, vor allem als Zentrum des Sklavenhandels, der unter der Herrschaft des Sultans von Oman „florierte“. Kleine historische Anekdote am Rande, die auch von HCB entsprechend verarbeitet wird: Am 27. August 1896 kam es zum kürzesten Krieg der Weltgeschichte, dem nur 38 Minuten dauernden Britisch-Sansibarischen Krieg. Der Krieg begann um 9:00 Uhr morgens. Nachdem der Sultan von Sansibar gestorben (oder vergiftet worden) war, beanspruchte sein Cousin Khalid ibn Barghash den Thron für sich. Der britische Admiral Sir Harry Rowson ließ daraufhin nach einem Ultimatum so lange den Palast des selbsternannten Sultans von See aus mit Schiffsgeschützen beschießen, bis dieser die Flucht ergriff. Auch das zweite bedeutende historische Datum – der Sansibar-Vertrag von 1890, mit dem die Deutschen gegenüber den Briten ihre Gebietsansprüche über Sansibar zugunsten Helgolands fallen ließen – findet in der Blues-Romanze seinen Niederschlag.

Um so richtig in das Buch eintauchen zu können, alle Finten und Finessen, die HCB legt, erfassen zu können, um das Muster aus Fiktivem und Tatsächlichem zu erkennen, sind schon gewisse historische Kenntnisse und Erläuterungen notwendig – dies macht die Lektüre nicht einfach, ohne Hilfestellung und Hintergrund bleibt es bei dem Lesen einer vergnüglichen, amüsanten tour de force über das Eiland.

Marko Martin dröselte das Text-Gewebe in seiner Rezension bei Deutschland-Radio etwas auf:
Verbürgte Tatsache jedenfalls ist, dass eine der Töchter des Sultans Sayid bin Said Mitte des 19. Jahrhunderts mit einem Hamburgischen Kaufmann durchbrannte und als konvertierte Protestantin namens Emily Ruete ihre späteren Tage an der Nordsee und der Berliner Spree verbrachte. Von da brachen dann 100 Jahre später DDR-Diplomaten und Stasi-Experten nach Sansibar auf, um dem dort gerade installierten sozialistischen Regime marxistische Ideologie und effektives Foltern beizubringen, während gleichzeitig ein gewisser Ernesto Guevara de la Serna, genannt Che, auf Sansibar sein vorletztes Revolutions-Abenteuer vorbereiten sollte: eine Kongo-Expedition, die freilich genauso scheitern würde wie Dr. Livingstones oder Morton Stanleys Versuche, dem so genannten „schwarzen Kontinent“ sein Geheimnis zu entreißen.

Wem spätestens hier nun der Kopf schwirrt, sei beruhigt, denn Hans Christoph Buchs Stil ist von einer verführerischen (wiewohl doppelbödigen) Geschmeidigkeit, die dem ewigen menschlichen Tohuwabohu immer wieder eine elegant-subversive Note abzugewinnen weiß. Auch wenn in diesem versiertem Große-Jungen-Streich von Roman die Figuren-Psychologie öfters der Schnurre, der überraschenden Wendung und dem Plot geopfert wird – es ist ein pures Vergnügen, wie hier jemand Historisches auseinander nimmt und nach eigenem Gusto wieder zusammenfügt, ohne dass auch nur einmal staubtrocken Papierenes durch die Zeilen wehen würde.“

Zum Weiterlesen über den Autoren selbst empfiehlt sich dessen Internetseite:

http://www.hans-christoph-buch.de/

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

11 thoughts on “Hans Christoph Buch: Sansibar Blues (2008).

  1. San-si-bar. Aber z.B. auch Madagaskar. Namen so verheißungsvoll und schön wie ein Gedicht. Und die Welt ist so klein! Über Prinzessin Sanyyida, aus der dann Emily Ruete wurde, hatte ich schon im Zusammenhang mit der Hamburger Kaufmannsfamilie O’swald gelesen (die eigentlich Oswald hieß, das aber nicht international genug fand), die ebenfalls Geschäfte auf Sansibar machte. Die große Liebe…. So richtig glücklich ist die Prinzessin in Hamburg wohl nicht geworden. Ein paar Kinder hat sie Herrn Ruete noch geboren, bevor der in meinem Nachbarstadtteil unter eine Pferdebahn geriet und bald darauf an den Folgen des Unfalls starb.

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    1. Gibraltar, Galapagos. Dafür haben wir hier in AUX zur Zeit Grönland. Danke für deine Ergänzungen zur Prinzessin – die Geschichte fand ich packend, sowieso die Geschichten solcher Ehen. J. Roth z.B. war mit einer Fra liiert, die selbst Kind einer solchen Kolonialehe war und dann einen afrikanischen Fürsten geheiratet hat. Muss ich nochmals nachlesen: Andrea Manga Bell, gebürtige Hamburgerin.

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      1. Noch so eine spannende Geschichte, habe gerade mal schnell bei Wikipedia gelinst… Ach, Birgit, ich würd dir so gern ein paar Grade und Sonnenstrahlen aus den nördlichen Tropen ins südliche Grönland schicken – in Gedanken tu ich’s!

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      2. Liebe Maren,
        die Macht der Gedanken: Sonne spitzelte für einige Momente durch die Wolkendecke – es hat gewirkt! Danke Dir! Und mein Gemüt ist heute eh sonnig. Ja, die Partnerin von Joseph Roth – da müsste man noch recherchieren…Viele Grüße, Birgit

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  2. entschuldigt meine Lieben, wenn ich euer tête-à-tête kurz unterbreche nur um zu sagen, dass die afrikanischen Düfte sich bei mir im Wohnzimmer verbreitet haben, obwohl ich Emily Ruete nicht kenne.:)Cari saluti Martina

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