Birgit Vanderbeke: Alberta empfängt einen Liebhaber (1997).

11 Kommentare

2015-05-31 14.21

So sieht ein perfekter Lesenachmittag aus: Strahlend blauer Himmel, ein Wetterchen zum Faulenzen schön, in der Hängematte friedlich dahin schaukelnd, lesend und zwischendrin dösend. Und die beste Ehefrau von allen (die selbstverständlich ich habe, und nicht Herr Kishon) erlaubte mir sogar Einblick in ihr Bücherregal auf der Suche nach einer perfekten Kurz-Lektüre.
Ich gebe zu, neugierig war ich vor allem erst wegen des Covers mit einem Gerhard-Richter-Bild. Und dann steht da einfach so: „Eine Mizzebill“. Neugierde geweckt. Von der Sprache – trocken, lakonisch, komisch – gepackt. Und sofort drin in der Misere. Die ewige Misere von zweien, die miteinander wollen und doch nicht miteinander können. Die sich irgenwie lieben, anziehen und abstoßen, also das ganze Venus-und-Mars-Zeug, aber das mit Niveau. Und mit einem schönen Kunstgriff – die Erzählerin bindet die Geschichte von Nadan und Alberta in ihr eigenes Eheerleben ein, die Weiterentwicklung der unmöglichen Liebesgeschichte zwischen N. und A. wirkt sich aus auf die Ehe der Rahmenerzählung. Selbstreferentiell mit Unterhaltungsfaktor.

„Alberta empfängt einen Liebhaber“: Eine kleine Erzählung von Birgit Vanderbeke, kurz, aber knackig. 1997 erschienen, mit der Gerhard-Richter-Betty bei uns zuhaus als Fischer Taschenbuch im Regal.

Dass das übrigens nicht gut gehen kann mit zwei Leuten, die miteinander durchbrennen wollen und statt in Paris in einem Autobahnhotel bei Mannheim landen: Schon klar. Aber höchst unterhaltsam. Und für Männer lehrreich: Ich werde beim Zähneputzen künftig anders gurgeln. Und der ersten Bitte, die die beste Ehefrau von allen, wenn sie hernach heimkehrt, an mich stellt, prompt und widerstandslos nachkommen (Denn sie ist: meine Mizzebill, aber eine Mizzebill im besten Sinne). Weil über das Bitten das Folgende ich lernen durfte von Frau Vanderbeke:

„Bitten sind zwischen einem Mann und einer Frau ein Terrain, das man lieber weiträumig umgehen sollte, weil es vermintes Gelände ist, und ganz besonders voller Minen ist das Gelände, wenn es nicht so schwierige Bitten sind. Gerade die leicht erfüllbaren Bitten enthalten womöglich die größte Menge an Dynamit. Es ist für einen Mann möglicherweise ein leichtes, mit einem zwanziggängigen Fahrrad die Alpen hoch- und runterzufahren oder bis zum Nordpol zu wandern, aber sobald ihn eine Frau, die er liebt, darum bittet, um sieben Uhr anzurufen, rückt dieser Anruf aus dem Bereich des Machbaren ins Unmögliche. Es ist, wenn man bedenkt, wie leicht es einzusetzen ist und wie andauernd es überall eingesetzt wird, eines der interessantesten Kampfmittel, das, wenn es häufig eingesetzt wird, buchstäblich vernichtend sein kann, weil es den anderen zum Nichts macht.“

Es grüßt Euer Claudio – in den nächsten zwei Wochen der Vertreter der Chefin Birgit (i.A.), sofern die Hängematte nicht zu sehr zum Faulenzen verlockt !


Kurzrezension zu „Das Muschelessen“, Birgit Vanderbeke, 1990:

Ich habe gefragt, hört ihr denn nichts, hört doch mal. Das sind die Muscheln, hat meine Mutter gesagt, und ich weiß noch, daß ich gesagt habe, ist das nicht furchtbar, dabei wußte ich ja, daß sie noch leben, ich hatte mir nur nicht vorgestellt, daß sie das Schalenklappergeräusch machen würden, ich hatte mir gar nichts vorgestellt, als daß man sie kocht und ißt und fertig.“

„Das Muschelessen“ von Birgit Vanderbeke ist eine schmale Erzählung, doch wiegt sie schwer. Fast ohne Atempause, ohne Punkt und Komma, wird von der etwa 18jährigen Erzählerin von den Vorbereitungen auf ein Familienessen berichtet. Die Muscheln, ein Wunsch des abwesenden Vaters, sind angerichtet – doch der sonst so pünktliche Patriarch erscheint nicht. Während die Muscheln erkalten, reden sich Ehegattin, Tochter und Sohn langsam in Hitze – das Essen ist angerichtet, das Familienoberhaupt wird verbal hingerichtet. Sympathisch wirkt keine der Figuren, nicht nachvollziehbar erscheint es zunächst, warum die Rebellion gegen sein innerfamiliäres Diktat nur in seiner Abwesenheit stattfinden kann. Der Vater kommt nicht, dafür ein Telefonanruf, die Muscheln wandern kalt in den Müll – ein offenes Ende mit Symbolgehalt. Die Erzählung, 1990 veröffentlicht und mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, kann jedoch auch als Parabel auf die ehemalige DDR verstanden werden, die familiären Strukturen – Bespitzelung und Unterordnung – als bissige und bitterböse Beschreibung politischer Verhältnisse.

Birgit Vanderbeke, „Das Muschelessen“, Taschenbuch, 128 Seiten, Piper Taschenbuch.

11 comments on “Birgit Vanderbeke: Alberta empfängt einen Liebhaber (1997).”

  1. Soso. Hängematte. Bei Vertretungsdienst. Na, das können ja zwei gar lustige Wochen werden.😉

    Um Birgit Vanderbeke schleiche ich schon seit Monaten rum. Mich interessieren ihre ganz eigene Art, Personen und deren Verstrickungen miteinander zu schildern, und diese langen Schachtelsätze. Obwohl die ja eigentlich verpönt sind…

    Ich glaube, ich wage mich jetzt doch mal an den Sommer der Wildschweine.

    Herzliche Grüße von der Sonnenliege in die Hängematte

    Sonja

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    1. Madame!
      Vor einem Wildschwein-Sommer würde ich mir überlegen, von der Liege in die Hängematte zu wechseln – das sanfte Wippen taugt dazu, sich dem Rhythmus der Sprache zz überlassen und Schachtelsätze schön müsig zu entdröseln.
      Sonnige Grüße von Claudio

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  2. Die beste Ehefrau von allen – ein Satz der zahllose Leseerinnerungen weckt! Liest heute eigentlich noch jemand Kishon?
    Viel Freude weiterhin in der Hängematte, äh, bei der Ferienvertretung!
    Beste Grüße
    Norman

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    1. Ich glaube, die großen Zeiten von Kishon sind schon alng vorbei, der wird heut nicht mehr gelesen…war wohl mehr was für die Generation vorher.
      Viele Grüße, C.

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  3. Frau Vanderbeke ist in meinem Bücherregal sogar 2x vertreten, aber bislang ungelesen. Das muss ich dringend ändern, wie mir scheint 🙂 Wünsche eine fröhliche und sonnige Vertretungszeit!

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