Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts (2012).

Bild: Rose Böttcher
Bild: Rose Böttcher

November

„Adolf Loos sagt, dass das Ornament ein Verbrechen sei, und baut Häuser und Schneidersalons voll Klarheit. Alles ist aus zwischen Else Lasker-Schüler und Dr. Gottfried Benn – sie ist verzweifelt, woraufhin ihr Dr. Alfred Döblin, der gerade Ernst Ludwig Kirchner Modell sitzt, Morphium spritzt. Prousts „In Swanns Welt“, der erste Band von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, erscheint, den Rilke sofort liest. Kafka geht ins Kino und weint. Prada eröffnet in Mailand seine erste Boutique. Ernst Jünger, 18 Jahre alt, packt seine Sachen und geht zur Fremdenlegion nach Afrika. Das Wetter in Deutschland ist ungemütlich, aber Bertolt Brecht findet: Schnupfen kann jeder haben.“

Florian Illies, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“, S. Fischer Verlag.

Das Jahr 2013 neigt sich bald seinem Ende zu. Und ich habe noch rechtzeitig die Kurve zu „1913“  genommen. Glücklicherweise. Denn selten hat mich ein Sachbuch (oder wie auch immer man dieses Buch einordnen mag – ein langes Essay über ein Jahr? Ein literarisches Biopic? Ein „gewaltiger Teaser“, wie Gustav Seibt es in der Süddeutschen Zeitung nannte?)…jedenfalls hat mich selten ein „Sachbuch“ so oft laut auflachen lassen.

Der Kunsthistoriker und Journalist Florian Illies lässt dieses eine, dieses besondere Jahr Revue passieren – ein Jahr schwankend zwischen Hypernervosität und Lethargie. Ein wenig erinnert dies an die Jahresrückblicke, mit denen die Nation jeweils in den ersten Januartagen von sämtlichen Fernsehsendern beglück wird. ALLERDINGS: Weitaus klüger und amüsanter verfasst.

Monat für Monat rollt Illies das auf, was vor 100 Jahren vor allem die Intellektuellen, die Künstler und die Bohème umtrieb: Ein Reigen (ja, Schnitzler kommt auch vor), gegen den das öffentliche Beziehungstreiben unserer Stars und Sternchen heute geradezu verblasst. Das Buch spricht durchaus auch etwas Voyeuristisches im Leser an – wer mit wem und warum nicht mehr, das liest sich unterhaltsam und streckenweise auch verwirrend, weil, vor allem wenn Rilke ins Spiel kommt, eigentlich alle mit allen…

Es griffe natürlich zu kurz, würde man die knapp 320 Seiten nun als eine Art feuilletonistischen Tratsches interpretieren – andererseits ist „1913“ aber auch keine geschichtswissenschaftliche Analyse. Kluge Unterhaltung bietet es – und das sehr gut gemacht. Warum 1913? Alles scheint da auf dem Siedepunk in der Kultur: Brücke, Blauer Reiter, Secession, Expressionismus, Kubismus – das Neue löst das Alte ab, die Richtungen konkurrieren. Marcel Duchamp hat die Nase voll vom Malen und erfindet nebenbei das erste Ready Made. Auch in der Literatur werden die Väter abgemurkst, die Romantik begraben. Freud wird von Jung geschnitten, nicht das einzige Trauma und Beziehungsdrama, das in diesem Jahr über die Bühne geht. Die „Alten“ (Schnitzler, Hofmannsthal) und Mittelalten (Kraus, T. Mann) hadern mit privaten Angelegenheiten oder sind irgendwie beleidigt und geplagt von Zipperlein und Allüren, die Jungen (Brecht, Jünger, Tucholsky) scharren mit den Füßen.

Alles spitzt sich in der Kunst in hektischer Hypernervosität zusammen, als ob in komprimiertester Zeit  das Rad neu erfunden werden müsste. Wie es Duchamp dann ja auch tut. Demgegenüber erstarren Machthaber und Politiker in seltsamer Lethargie, selbst angesichts der Unruhen auf dem Balkan. Kaiser Wilhelm schießt zunächst lieber täglich auf Tausende von Fasanen, kann aber nur einen abends speisen. Eines dieser kleinen, feinen Beispiele für die Dekadenz einer untergehenden Klasse, die Illies bringt. Er muss nicht mit dickem Pinsel streichen – feine Striche genügen ihm, um das Bild dieses Jahres zu zeichnen.

Ein Meisterstück, forderte die Mahler, und sie würde ganz die Seine. Oskar Kokoschka malte die Windsbraut und bekam die Alma trotzdem nicht. Das war 1913.

Das ist die Stärke dieses Buches: Die ungeheure Menge an Daten & Fakten sind so fein ausgesucht, gesponnen und verknüpft, dass sich allein aus dem geschickten Mosaik das Bild einer untergehenden Gesellschaft herausschält. Und doch ist alles so lebendig erzählt, dass man beim Lesen das eigene Wissen davon, dass es ja ein böses Ende nehmen wird, zunächst hintanstellt. Man begibt sich mitten hinein in diesen Tanz auf den Vulkan – man weiß zwar inzwischen, dass der Kokoschka seine Windsbraut für die Mahler vergeblich malte, aber währenddessen hat der vor Eifersucht Wahnsinnige unser ganzes Mitgefühl. Zwei ausgesprochene „Lieblinge“ begleitet Illies mit feiner Ironie über das ganze Jahr hinweg: Den ewig zaudernden Kafka bei den Versuchen eines Heiratsantrages sowie den ewig kränkelnden Rilke, der dennoch Briefe schreibend eine Anzahl von Frauen, mit der er locker eine Fußballnationalmannschaft stellen könnte, vorzugsweise platonisch, aber auch leibhaftig lenkt.

Die heran dräuende Katastrophe wird in diesem Treiben bewusst kaum wahrgenommen. Wie geisterhafte Schatten huschen jedoch schon die Vorboten der zweiten, noch grausameren Katastrophen durch die Seiten – der Postkartenmaler Hitler und Stalin auf der Flucht in Frauenkleidern. Doch noch herrscht auf der Achse Wien-Berlin-Paris das Leben.

In manchen Feuilletons wurden Bezüge dieses Panoramas zum Jahr 2013 gestellt, Parallelen gezogen, Botschaften und Ermahnungen destilliert. Ich meine, damit wäre dieses Buch überfrachtet und überinterpretiert. Es zeigt das Bild eines besonderen Jahres – klug geschrieben, unterhaltsam zu lesen, fein gemacht. Das allein ist auch einmal ausreichend.

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

26 thoughts on “Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts (2012).

  1. Eine schöne Besprechung! Ich habe das Buch auch noch vor mir und mir ebenso fest vorgenommen, es noch vor dem Jahreswechsel zu lesen & bin quasi voller Vorfreude – gerade weil die Besprechung absolut so klingt, als sei das genau mein Buch. 🙂
    LG
    Alexander

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    1. Hallo Rita,
      das Buch ist eigentlich zeitlos interessant – also kein zusätzlicher Stress in der Vorweihnachtszeit. Das liest sich auch 1914, 1915 und ff. sicher noch mit Vergnügen, insbesondere wenn man Interesse an Kunst&Literatur hat. Grüße Birgit

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  2. Sehr schöne Rezension, liebe Birgit! Der Illies steckt auch in meinem Noch-ungelesen-Stapel und wandert jetzt ein ordentliches Stück nach oben. Bei so viel Zeitenwende peile ich einfach mal den Jahreswechsel an…

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    1. Danke…zum Jahreswechsel schreibt Illies: Was trägt die Frau an Silvester? Aus der „Welt der Frau“: Die Farbenfreude, die auch diese Saison auszeichnet, macht sich auch an den Toiletten für kleinere Festlichkeiten bemerkbar“. Welches Buch dazu man lesen sollte 1913, verschweigt er. 🙂

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  3. Hat dies auf Die Stadtbücherei Erkrath bloggt rebloggt und kommentierte:
    Liebe Leser,

    ich finde auch: So macht Geschichte lesen Spaß. Ein paar Bilder hätten gut zu jedem Monatskapitel gepasst.

    Aber dafür gibt es jetzt ein extra Buch, „1913. Bilder vor der Apokalypse“: http://tinyurl.com/1913-Bilder-der-Apokalypse ; „Ein bewegtes Jahr in Bildern. Zur Ausstellung im Franz Marc Museum, Kochel am See, 13.10.2013 – 19.01.2014.“

    Schade, dass Kochel am See so weit weg ist von Erkrath, das wäre eine Ausstellung ganz nach meinem Geschmack. War jemand von euch dort?

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  4. Ich hab mal einen schönen Beitrag drüber in B2 gehört und mir gedacht, genau das Richtige, in der Buchhandlung dann seitenweise reingelesen und festgestellt, dass ich es total öde finde. Kam mir irgendwie vor wie dieser Namedropping-Müll vom Hundertjährigen, der aus dem Fenster sprang, aber ich kann möglicherweise – wie immer – danebenliegen… 😉

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    1. Ach, jetzt lichte dein Scheffel mal nicht unters Korn oder so. Von wegen immer danebenliegen…Du hast halt einen anderen Geschmack wie wir Massentierchen, ganz einfach. Den Hundertjährigen habe ich gleich gar nicht angefasst, bei solchen Büchern bin ich immer skeptisch…der Illies ist zwar sicher voller Namedropping, aber ich fand es als lockeres Sachbuch, das den kulturhistorischen Background dieser Zeit so schon verknüpft, ganz amüsant.

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      1. Ja, nun…. völlig ok, wenn Du damit was anfangen konntest. Und ja, unbedingt die Finger vom Hundertjährigen lassen, ich hab den vor ein paar Jahren im Urlaub gelesen, blöderweise nix anders mehr dabei gehabt und deswegen ziemlich angegrätzt gewesen…. :-((

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