#VerschämteLektüren (18): Flattersatz bei Ninja und Co, ohne KG…

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Der Blog aus.gelesen ist eine wirkliche Fundgrube für alle wilden Leser: Da findet man Besprechungen zu Klassikern, zu Neuerscheinungen auch abseits des Mainstreams, zu Sachbüchern, beispielsweise über das wichtige Themenfeld der Trauer und des Abschieds von nahestehenden Menschen, zu Ratgebern (“Darm mit Charme”), Bildbänden, etc. - kurzum: Man kommt sich vor wie im Wohnzimmer eines beschlagenen und vielseitig interessierten Buchhändlers. Und vor allem informiert “Flattersatz” immer ausführlich, informativ und kompetent über das jeweilige Buch, und das eben auch mit Mut zur Kritik und zur eigenen Meinung - keine Allerwelts-Buchvorstellungen eben. Dass hinter dem Flattersatz jedoch auch ein literarischer Shogun oder “Ninja Turtle” steckt, wer hätte das wohl geahnt:
“Tja, in meiner Jugend Maienblüte, als die Knochen noch kräftig waren, die Gelenke noch geschmiert, hing ich den ostasiatischen Kampfsportarten an. Zum Teil als 2. Dan im Chipsverzehr auf der Couch nach ausreichender Beuteergreifung in der örtlichen Videothek (Stichwort: van Damme und Steven Seagal..), zum Teil auch im Dojo, wenn man die Turnhalle mal so hochtrabend bezeichnen will. Und dann eben auch literarisch (ähemmm… ).
Der gute Eric Van Lustbader war einer derjenigen, welcher sich dem Thema scham-4widmete. Vor dem Hintergrund der japanischen Geschichte kombinierte er  in den Geschichte um seinen Protagonisten Nicholas Linnear Verschwörung, Intrige, Liebe und Habgier zu Geschichten, die ich förmlich verschlungen habe. Ich glaube, wenn es notwendig gewesen wäre, wäre ich auch mit der Taschenlampe unter die Bettdecke gekrochen, aber aus dem Alter war ich dann doch schon ´raus. Mit anderen Worten, es waren total spannende Geschichten, pageturnig geschrieben und mit viel Details zum Thema alte japanische Kultur und Kampfkunst. Zugegeben, die intellektuelle Dimension kam etwas kurz (sag ich jetzt mal so aus der Erinnerung) - obwohl man natürlich nichts über die japanische Kultur erzählen kann, ohne daß hier auch philosophische Aspekte erwähnt werden. Schaut man sich die Vita des Autoren an, so sieht man, daß er sich auch privat zum Japanischen hingezogen fühlt - unter diesem Aspekt fühlt man sich noch nach Jahrzehnten gleich viel wohler in den Geschichten, liest sie mit ganz ruhigem Gewissen: man hat ja seinerzeit was für die Bildung getan…..
Lustbader war, wie man an den Bildchen sieht, nicht der einzige, der auf dieser Welle schwomm, was für ihn gesagt, gilt cum grano salis auch für Leute wie Olden, Charney, Bailey, Trevanian - Namen, die mir heute so gar nichts mehr sagen, damals fanden sie natürlich alle Eingang in mein Regal und ihren Platz dort haben sie behauptet… eine Erinnerung an g´schamige Zeiten, literaturmäßig, meine ich….
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 Ja, der Bushido, der Weg des Kriegers. Drunter ging´s damals nicht. War schon irgendwie was besonderes, wenn so ein Samurai sich vor den Augen seines in die Ferne starrenden Daimyō von den Klippen in den Tod stürzte, nur um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß zu Hause das Essen auf dem Tisch steht… ;-). Oder der gute, alte Musashi, der ja mal ganz groß in Mode war. Mit den Esstäbchen flugs die Fliegen im Gleichnamigen fangen und dann auf dem Weg zum Duell in aller Ruhe das Stirnband faltenscham-1. Aber es steckt teils, ernsthaft betrachtet, schon eine Menge Philosophie in diesen Geschichten, eine Philosophie, die unserer westlichen so fern war - und ist. Bei uns im Westen sind seinerzeit ja sogar Managerseminare im Geiste Musashi ausgerichtet worden, das schmale Bändchen neben dem Wälzer bietet dazu ein Konzentrat. (Ach ja, wer noch mehr verschämte Literatur entdecken sollte auf diesem Bildchen: alles nur Einbildung, in Wahrheit alles hochgeistig! Hinter dem Schutzumschlag muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.)
Tja, das war schon Äktschn pur. Fliegende Ninja, die durch Strohhalme atmend am Grunde des See überdauerten, bis ihr Einsatz kam. Sollte man mal probieren, so durch einen Strohhalm atmen. Fühlt sich nicht so sehr nach Ninja an, eher nach Mensch mit akuter Atemnot. Von daher sehr lehrhaft. Überhaupt war Tod, töten und sterben ein Hauptthema der Romane. Aber immer mit Stil. Da gab`s auch schon mal einen Dolch in den eigenen Bauch, um so etwas wie seine Ehre zu retten. Seppuku nannte sich das dann und war dem Fremden völlig unverständlich. Und dem gemeinen Volk, dem, das auch noch arbeitete, wurde schon gerne mal auf´s Haupt gehauen oder auch selbiges gleich ganz ab. Und`s Weibervolk: entweder Engel oder Teufel, Miko halt…mit allen Wassern (ausser Weihwasser) gewaschen, aber am Ende doch immer auf der Verliererstraße…
Hat irgendjemand, der schon lange genug auf diesem Erdenrund weilt, eigentlich den Shogun damals nicht gesehen? Richard Chamberlain alias Anjin-san und Fürst Toranaga mit der kehligen Aussprache? Ach, was zitterte man im Geheimen mit, wenn die scham-2mandeläugige Schöne (leider verheiratet) und der langnasige Fremde die Schmetterlinge im Bauch flattern fühlten… na ja, schließlich wurde John Blackthorne dann sozusagen Ehren-Samurai, samurai-iger als die Samurais. War eh klar. Wieso muss ich jetzt an die Dornenvögel denken?
Wirklich viel weiß ich natürlich nicht mehr von diesen Romanen, die ich einmal verschlungen habe. Aber ich schätze mal, das muss ich auch nicht wirklich bedauern, war halt so`ne Periode in meiner geistig-moralischen Entwicklung, durch die ich durch musste. :-) Und wenn ich mich in meinem Text so ein wenig lustig gemacht habe, ist das nicht allzu ernst zu nehmen, die japanische Hochkultur ist faszinierend, sie imponiert mir immer noch. Aber sie ist eben auch nur eine Facette des Landes, von den anderen hört man eher weniger und was man hört, ist nicht so glanzvoll….
Links und Anmerkungen:
.. gibt´s heute nicht. Hai-hai.”
Dafür aber nochmals einen Hinweis auf den lesenswerten Blog: http://radiergummi.wordpress.com/

Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen (2012)

„Und Viktor saß auf einem Stuhl neben dem Küchenherd, der einzige Platz im Haus, wo es warm war. Jeden Tag verfolgte er in der Times die Nachrichten über den Krieg, an Donnerstagen las er die Kentish Gazette. Er las Ovid, besonders die “Tristia”, die Gedichte aus dem Exil. Beim Lesen strich er sich mit der Hand über das Gesicht, damit die Kinder nicht sahen, welche Wirkung der Dichter auf ihn hatte. Er las beinahe den ganzen Tag über, außer wenn er seinen kurzen Spaziergang die Blatchingdon Road hinauf und zurück unternahm oder ein Schläfchen hielt. Gelegentlich ging er den ganzen Weg ins Stadtzentrum in Halls Antiquariat, wo der Buchhändler Mr. Pratley besonders freundlich zu Viktor war, während der die Bände von Galsworthy, Sinclair Lewis und H. G. Wells befühlte.
Manchmal erzählte er den Buben, wenn sie aus der Schule heimkamen, von Aeneas und seiner Rückkehr nach Karthago. Dort sind an die Wände Szenen aus Troja gemalt. Erst dann, konfrontiert mit den Bildern dessen, was er verloren hat, kann Aeneas endlich weinen. “Sunt lacrimae rerum”, sagt Aeneas. Es sind die Tränen der Dinge, liest Viktor dort am Küchentisch, während die Buben ihre Algebra-Aufgaben erledigen.“

Edmund de Waal, “Der Hase mit den Bernsteinaugen”, 2012, Zsolnay Verlag

Die Tränen des Aeneas kann auch Viktor Ephrussi teilen – so unendlich viel hat er verloren im von den Nationalsozialisten angeschlossenen Österreich: Seine Frau, Freunde und Familienmitglieder, sein Vermögen, Haus und Besitz. Aber vor allem auch sein Vertrauen darin, trotz der jüdischen Herkunft als vollwertiges Mitglied in der Gesellschaft angekommen zu sein. Edmund de Waal erzählt die Geschichte seiner Familie über Generationen und Lebenswege hinweg – von Odessa über Paris und Wien bis hin zu den Exilorten in England und Japan. Leitfiguren dabei bilden 264 Netsuke, Miniatur-Schnitzereien aus Holz und Elfenbein aus Japan.Sie liegen in der Vitrine des britischen Keramikkünstlers Edmund de Waal, Nachkomme der jüdischen Familie Ephrussi.

Auf welchen - teilweise abenteuerlichen - Wegen sie dorthin gelangten, schildert de Waal in diesem Familienalbum. Angekauft von einem kunst- und feinsinnigen Vorfahren im Paris der Belle Epoque wird die Sammlung der filigranen japanischen Kostbarkeiten im Wien der Jahrhundertwende vom Dekorationsobjekt und Liebhaberei zum Kinderspielzeug, das ein arisches Stubenmädchen schließlich versteckt in einer Matratze vor der Beutegier der Nationalsozialisten rettet.

Die Netsuke – der titelgebende Hase mit den Bernsteinaugen ist einer davon – sind der Leitfaden für diese dramatische Familiensaga. Sie sind auch ein Symbol dafür, wie eine jüdische Familie, gleich wo, ob Paris, Wien oder andernorts, und gleich viel, wie hoch der Preis für die Assimilierung war, immer wieder auf Antisemitismus stößt. De Waal unterlegt dies mit fundiert recherchierten Informationen – erschreckend zu erfahren, wie auch anerkannte französische Künstler, beispielsweise die Goncourt-Brüder, verbal gegen das Judentum hetzten.

Die Ephrussi, von denen de Waal erzählt, waren einst an Reichtum und Einfluss den Rothschilds ebenbürtig. Mit dem österreichischen Anschluss setzte der Niedergang ein – das Bankhaus und das gesamte Vermögen wurden arisiert, Teile der Familie ermordet, andere in die ganze Welt verstreut.

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ gleicht einem literarischen Netsuke: Auf kleinstem Raum komprimiert de Waal die Wanderungen einer Familie durch Europa, kombiniert Kunstreflektionen, Zeitgeschichte und Biographisches, zeigt die Entwicklung des europäischen Judentums exemplarisch an einer, an seiner Familie auf. Dies macht das Buch nicht unbedingt leicht lesbar – aber auch der Wert eines Netsuke erschließt sich nicht auf den ersten Blick.

Installation Lichtzwang, 2014, Edmund de Waal

Edmund de Waal, 1964 in Nottingham geboren, studierte in Cambridge. Er ist Professor für Keramik an der University of Westminster. „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ erschien 2011 im Original, die deutschsprachige Ausgabe dann beim Zsolnay Verlag und als Taschenbuch bei dtv.

Die kreativen Arbeiten des Autorenkünstlers de Waal kann man hier bewundern:  http://www.edmunddewaal.com/