Bummeleien: Staufen im Breisgau und der Fluch des Faust.

18 Kommentare

Staufen (6)

Nahe am Ortseingang empfängt einen Bacchus, eine Arbeit des vielfach ausgezeichneten Bildhauers Kurt Lehmann (1905 – 2000), der lange Jahre in Staufen lebte und dessen Spuren noch mehrfach in dem Breisgau-Städtchen zu finden sind.

Man könnte meinen, hier geht es weinselig und lustig zu. Zumindest aber idyllisch, schlendert man unterhalb der Burgruine weiter, die historische Altstadt an der Fußgängerzone entlang. Wären da nicht buchstäblich Risse in der schönen Fassade. Davon später mehr.

Auch bei mittelprächtigem Wetter tummeln sich hier Touristen, nicht die ganz jungen Hipster, vorzugsweise ältere Frau- und Herrschaften. Lokalitäten gibt es genug, Fladenkuchen, elsässische Leckereien, badische Weine, von der Sonne verwöhnt. Allerlei Ladenzeugs mit Krimskrams, Dekosachen, manches wirkt schon ein wenig angestaubt, touristischer Kitsch auch, vielerlei mit kunstgewerblichem Anstrich. Wer sich die Zeit anders vertreiben will kann das örtliche Stadtmuseum, ein Puppenmuseum, ein Keramikmuseum oder auch ein Tango- und Bandoneonmuseum unter die Lupe nehmen.

Mich zog es dagegen Richtung Stubenhaus: Dort hat das Deutsche Literaturarchiv Marbach einen kleinen Erinnerungsort für Peter Huchel und Erhart Kästner geschaffen – klein, aber fein. Huchel fand hier, nachdem er die DDR 1971 verlassen durfte, einen Ort des Exils, eine „Notherberge“. In Staufen lebte er bis zu seinem Tod 1981. In Erhart Kästner, der jedoch bereits 1974 starb, fand er in diesen Jahren einen Freund und Begleiter auf seinen Spaziergängen durch den überschaubaren Ort und die angrenzende Landschaft.

Einmal im Jahr rückt das Stubenhaus in den Fokus der Öffentlichkeit: Bei der Verleihung des Peter-Huchel-Preises für deutschsprachige Lyrik (mehr dazu unter diesem Link), der jeweils am Geburtstag Huchels, am 3. April, verliehen wird. Doch ansonsten sollte man sich als Literaturliebhaber vor allem für einen Staufen-Besuch die Donnerstage und Sonntage vormerken – denn nur dann hat die Ausstellung offiziell geöffnet.

Nach dem kulturellen Vergnügen könnte man nun den Spaziergang bei einem der riesigen Kuchenstücke bei der Konditorei auf der Deckerbrücke enden lassen. Den wenigsten Naschmäulern dürfte bekannt sein, dass sie hier „aber bitte mit Sahne“ an einem besonderen Ort genießen – der letzten erhaltenen gusseisernen Straßenbrücke in Deutschland. Alles schön hier … und doch mag einem der Kuchen nicht so richtig munden.

Denn: Staufen wirkt und wird buchstäblich zerrissen. Ein Symbol menschlicher Hybris? Der Faustsche Fluch? Das Ergebnis menschlichen Forscherdrangs, der die natürlichen Grenzen missachtet?

Faust_Staufen

Am Gasthaus Löwen am Marktplatz ist ein Hinweis auf jenen Johann Georg Faust zu finden, über den man biographisch jedoch nicht viel Gesichertes weiß. Ob er sich tatsächlich in Staufen selbst bei einem Experiment in die Luft jagte – auch das ist nicht ganz gewiss. Der verschuldete Burgherr Anton (jener mit der Ruine) soll den umherziehenden Wunderdoktor und Alchemisten in das Städtchen geholt haben, in der Hoffnung, da könne einer Gold machen. Zumindest machte er bei seinem Abgang Lärm:

Anno 1539 ist im Leuen zu Staufen Doctor Faustus
so ein wunderbarlicher Nigromanta [Schwarzkünstler] gewesen,
elendiglich gestorben und es geht die Sage,
der obersten Teufel einer, der Mephistopheles,
den er in seinen Lebzeiten lang nur seinen
Schwager genannt, habe ihm, nachdem der
Pakt von 24 Jahren abgelaufen, das
Genick abgebrochen und seine arme
Seele der ewigen Verdammnis überantwortet.

Anno 2007 schlug menschliche Experimentierlust anders zu: Geothermie-Bohrungen – eigentlich dafür gedacht, um die Heizung des Rathauses durch Erdwärme zu sichern – führten zu erheblichen Schäden im historischen Stadtkern. Fast 270 Gebäude sind davon betroffen, die Hebungen des Bodens, die in den Häusern zu enormen Rissen führen, halten bis heute an. Ein Haus, errichtet 1905, hob es einen halben Meter in die Höhe – wegen Einsturzgefahr musste es inzwischen abgebrochen werden. Eine Stadt droht zu zerbrechen.

Ironie des Schicksals: Früher kamen die Touristen, weil Staufen gar so lieblich war mit seinem überwiegend denkmalgeschützten Ortskern.
Heute kommen viele, weil es keinen anderen Ort der Welt nach einer missglückten Geothermie-Bohrung zerreißt so wie diesen.

18 comments on “Bummeleien: Staufen im Breisgau und der Fluch des Faust.”

  1. Was für ein schöner Ausflug! Da wäre ich gerne mitgebummelt durch diesen hübschen, beschaulichen Ort voll interessanter Geschichten.
    Aber die „Risse in der Fassade“ sind wirklich schockierend; schlimm, was da angerichtet wurde 😦

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Stefanie, und ich hätte Dich glatt mitgenommen 🙂 Wenn es Dich mal in die Ecke verschlägt (es gibt ja noch mehr sehenswerte Orte und v.a. viel Landschaft zum Wandern), dann schau Dir Staufen an – mein „Riss“-Foto ist noch harmlos, da gibt es noch weitaus größere Schäden, leider.

      Gefällt 2 Personen

  2. Als Bewohnerin des Ruhrpotts sind mir Schäden in Bergsenkungsgebieten nicht fremd. Auch habe ich mich im Studium ein bisschen mit Bodenmechanik beschäftigen müssen. Eingriffe in den Boden sind immer schwierig, wie auch der Einsturz des Kölner Stadtarchivs nach fehlerhaften Arbeiten beim Bau der U-Bahn zeigt. Da braucht es immer äußerst sorgfältiges Arbeiten und vor allem Fachwissen, was leider beim Bau oft aus Kostengründen sträflich vernachlässigt wird. Wo man hinguckt, gibt es Pfusch am Bau – und wenn das Unglück dann da ist, will’s keiner gewesen sein. Einer schiebt es auf den anderen. Es ist wirklich unglaublich – diese Ignoranz gepaart mit Profitgier, die auch mit Menschenleben spielt! Ich rege mich gerade sehr auf …

    Danke für den Bericht – von den Staufener Problemen hatte ich bis jetzt noch nichts gehört. Daher habe ich deinen Bericht sehr interessiert gelesen. Und habe mich auch weiter informiert.

    Dessen ungeachtet scheint mir die Region bei euch da unten auf jeden Fall eine Reise wert zu sein, wie deine Bummeleien eindrucksvoll belegen.

    Gefällt 1 Person

    1. Stimmt, ihr „da oben“ habt ja schon reichlich leidvolle Erfahrung mit einstürzenden Häusern, mit ganzen Stadt- und Dorfviertel, die plötzlich absinken …und Deine Aufregung teile ich, denn diese Profitgier kann auch Menschenleben kosten: Siehe beispielsweise die Katastrophen, die sich nach Erdbeben in der Türkei abspielten (und solche Beispiele finden sich weltweit noch viel, viel mehr), weil dort einfach billig gebaut wurde – obwohl man von den tektonischen Unsicherheiten wußte.

      Wegen der Region bei „uns da unten“: Gut gekontert 🙂 Das ist ja ungefähr genauso wenig eins wie das „ihr da oben“, will meinen, Staufen liegt von mir da unten im bayerisch-schwäbischen Augsburg ein ganzes Stück weg, für euch da oben ist es wahrscheinlich auch schwäbisch, da es zu Ba-Wü gehört, gegen diese Einordnung würden sich die Staufener wiederum vehement wehren, weil sie ja Badenzer sind. Alles klar?

      Also, ich erkläre dir das gerne mal bei einem Aufenthalt vor Ort 🙂

      Gefällt 2 Personen

  3. Fracking in der Nähe von Städten ist ein Unding!
    Sollen sie das doch in der Pampa in Sibirien oder sonst irgendwo meilenweit weg von Wohnsiedlungen machen!
    Was in Staufen passiert ist, das ist einfach nur furchtbar
    und durch nix zu entschuldigen!
    Liebe Sommergrüße
    vom Lu

    Gefällt mir

    1. Selbst weit weg von Wohnsiedlungen und in der Pampa weiß man ja nicht, welche Langzeitwirkungen solche Eingriffe in das Erdinnere mit sich bringen, was das langfristig auslöst, wenn der Mensch da rumpfuscht – ich meine, man sollte es komplett lassen, es gibt andere umweltschonende Energieressourcen, die man ausschöpfen kann.
      Aber wie du sagst: Durch nichts zu entschuldigen.

      Gefällt 1 Person

      1. Die machtgierigen Menschen sind Energiewahnsinnige,

        sie tun ALLES,
        um an irgendwelche Energievorräte in großen Mengen zu kommen.

        Und wer sich ihnen dabei in den Weg stellt, wird beiseite geschafft…

        Diese Leute können niemals gestoppt werden!

        Gefällt mir

  4. Blähton, das ist mir von einem Radiobericht über Staufen in Erinnerung geblieben, man ist auf Blähton gestoßen. Die Vorstellung, dass sich die ganze Stadt jetzt auf einem sich blähenden tönernen Fundament steht, und dass ein Brei aus Blähton sich irgendwann über die ganze Stadt ergießt, hat mich fasziniert. Eigentlich war ja alles gut gemeint-aber Umweltschutz geht manchmal auch nach hinten los.
    Die Aussicht auf große Kuchenstücke auf der Brücke würden mich reizen, mir da selber mal anzusehen. Außerdem finde ich es auch ein wenig entlastend, wenn eine allzu perfekte Idylle einen Riss bekommt. Danke für deinen Bericht.

    Gefällt 1 Person

    1. Na ja, ich mag nun auch nicht unbedingt die auf Hochglanz geputzten, geschleckten Touristenidyllenorte – aber in dem Fall ist das schlicht und einfach dramatisch für die Leute, die dort leben und die zum Teil schlicht und einfach auch in ihrer Existenz bedroht sind, weil ihre Läden, Unternehmen etc wegbrechen. Da sagt es sich etwas leichthin, dass ein Riss entlastend ist – schau dir Staufen mal an, dann siehst du, dass es dort schon um ein paar größere Risse geht.

      Gefällt 2 Personen

      1. Du hast Recht, für die Leute ist es natürlich eine Belastung, weil sie nicht wissen, was werden wird-Aber hier in Brandenburg baggern sie ganze Dörfer einfach weg, um an die Braunkohle zu kommen. Die Menschen sind dann entwurzelt.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s