Kurz & Knapp: Frauen schreiben

Empfehlenswerte Literatur von Frauen in diesem Herbst. Mit „Queenie“ von Candice Carty-Williams, „Alle Hunde sterben“ von Cemile Sahn, „Eine fremde Tochter“ von Najat El Hachmi, „Es wird wieder Tag“ von Minka Pradelski und „Es ist, wie`s ist“ von Lydia Davis.

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Bild: (c) Michael Flötotto

So viele empfehlenswerte Bücher habe ich in letzter Zeit gelesen, aber so wenig Zeit bleibt derzeit fürs Bloggen. Und nachdem die meisten der Romane, die ich heute kurz & knapp vorstelle, bereits von anderen Bloggerinnen und im Feuilleton besprochen wurden, gibt es einfach einmal wieder einen Schnelldurchlauf.

Beginnen wir mit einer Königin, die erst entdecken muss, dass sie eine ist:

„Queenie“ von Candice Carty-Williams als „schwarze Bridget Jones“ zu bezeichnen, wie es wohl in der Sunday Times geschah, ist ein wenig dämlich. Denn dieser Debütroman der Journalistin und Drehbuchautorin geht denn doch, trotz seines lockeren Tons, viele Schichten tiefer – er erzählt nicht nur, wie eine junge Frau erkennt, wie sehr sie sich selbst zum Opfer sexueller Ausbeutung macht, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die dazu führen, Rassismus und Chauvinismus. Im Gegensatz zur allseits bekannten Bridget macht Queenie eine Entwicklung durch, vergisst die Suche nach dem Märchenprinzen und konzentriert sich auf sich selbst.

Auch Petra Reich von Literaturreich sieht dies so:

„Der schnodderige Ton, in dem Queenie mit viel Selbstironie von sich erzählt führt zu viel Witz, das Buch ist teilweise wirklich schreiend komisch. Aber das hält nie lang an, dann bleibt der Leserin das Lachen im Halse stecken und sie fragt sich: Was machst du denn jetzt wieder Queenie? Ihre Geschichte ist trotz der Komik tieftraurig, tragisch und bitter.“

Ihre Besprechung in voller Länge: https://literaturreich.de/2020/09/22/candice-carty-williams-queenie/


„Die Zukunft ist klein, und das Gefängnis ist groß.“

Immer wieder trifft Cemile Sahin mit solchen kurzen, fast nüchternen Sätzen doch mitten ins Mark. Bereits in ihrem ersten Roman „Taxi“ thematisierte die 1990 in Wiesbaden geborene Künstlerin und Autorin den Krieg und seine Folgen. In ihrem aktuellen Roman „Alle Hunde sterben“ erzählt sie erneut davon, was Krieg, Gewalt und Folter aus uns Menschen machen. Erzählt wird aus der Perspektive von neun Personen, die in einem Hochhaus in der westlichen Türkei Zuflucht gefunden haben. Sie alle haben Gewalterfahrungen hinter sich, sie alle gehen auf unterschiedlichste Weise damit um.

Ein Buch, das mal leise, mal wütend, mal poetisch, mal verzweifelt klingt – und ein zutiefst politischer Roman. Eine Besprechung gibt es von Isabella Caldart auf ihrem Blog „novellieren“:

„Während „Taxi“ eine ironische Unternote hatte, bleibt „Alle Hunde sterben“ todernst und distanziert zugleich. Ihre Figuren erzählen ihre Geschichten einer übergeordneten, nicht näher beschriebenen Instanz, bleiben dabei nüchtern und ohne Sentimentalitäten, aber auch ohne Erwartung auf Verbesserung ihrer Situation, ohne die Aussicht, ihre verschleppten Familienmitglieder wiederzusehen.“

Zur Besprechung: https://novellieren.com/2020/10/07/cemile-sahin/


„Das Werk der katalanisch-marokkanischen Autorin kreist um die Themen Identität, kulturelle Verwurzelung, Entfremdung. Es gelingt ihr außerordentlich gut, die Zerrissenheit ihrer Heldin zu fassen, die LeserInnen an ihren Kämpfen teilhaben zu lassen. Die psychologisch sehr feinsinnige Verknüpfung von Innen- und Außenwelt, die Konflikte, die die Erzählerin mit sich selbst austrägt, und jene, die gesellschaftlichen Ursprungs sind, der Zwist zwischen den Wünschen des Individuums und den Erwartungen der traditionell lebenden Gemeinschaft wie auch der modernen Welt verdichten sich in der jungen Frau, die auch die Frage stellt: Wie frei und tolerant ist die westliche Welt wirklich?“

Diese Frage stellt sich Petra Lohrmann nach der Lektüre von „Eine fremde Tochter“ von Najat El Hachmi auf dem Hotlistblog. Und trifft damit auf den Punkt. Denn die Geschichte einer jungen Frau aus Marokko, die in Spanien aufwächst, zeigt, wie sehr vor allem junge Einwanderinnen nicht nur mit der Unterschiedlichkeit der Kulturen, sondern vor allem mit den verschiedenen Frauenbildern und – rollen zu kämpfen haben. Zu Beginn plant die Protagonistin, die allein mit ihrer Mutter in Katalonien lebt, sogar ihre Flucht aus dem Mutter/Elternhaus, geht dann jedoch eine arrangierte Ehe ein, bis sie, nach einem langen inneren Kampf, ihren eigenen Weg findet. Ein Buch, das einem die Augen öffnen kann.

Die Besprechung auf dem Hotlistblog: https://derhotlistblog.net/2020/10/28/najat-el-hachmi-eine-fremde-tochter-orlanda-verlag/


In eine andere Lebenswelt und Zeitebene führt die Autorin Minka Pradelski mit „Es wird wieder Tag“. Der Roman beginnt schon außerordentlich: Aus der Perspektive eines Säuglings, der gerade zur Welt kommt, das Szenario erweckt natürlich Erinnerungen an große literarische Vorbilder. Rita Obermann schreibt dazu bei Faust Kultur:

„Klaras und Leons Sohn ist der dritte Protagonist und zweifelsohne die literarische Hauptfigur des Romans. Die besondere Gestaltung des dritten Protagonisten ist dem Thema des Romans geschuldet. Trotzdem ist der Sohn mehr als nur ein künstlerisches Stilmittel. Vor allem der Wahrheit wird ein großer Tribut gezollt. Der Sohn ist ein richtiger kleiner Mensch, nicht, wie häufig in der älteren Literatur, ein ahnungsloses Übergangsglied zwischen Engel und Mensch. Weder ist er entwicklungslos noch total infantil wie z. B. der physisch abstoßende Oskar Matzerath. Das Gegenteil ist der Fall: Der Bromberger-Sohn ist ein Individuum. Er etabliert seine sinnstiftende Biographie als Stütze und Begleiter seiner Mutter. „

Der Bromberger Sohn ist das Kind jüdischer Eltern, die geprägt sind von der Verfolgung im Nationalsozialismus, er ist das erste jüdische Kind, das seit Kriegsende in einem Frankfurter Krankenhaus geboren wird. Ein Wunderkind also, das ein schweres Erbe trägt. Denn obwohl die Eltern Klara und Leon im Land der Täter bleiben, obwohl sie versuchen, neue Perspektiven zu finden, Erinnerungen an die Lager und die Verfolgung zu vergessen, holt die Vergangenheit die junge Familie ein. Bei einer Begegnung mit der Leiterin des Lagers, in dem Klara war, bricht alles wieder hervor – und dem Kind bleibt die Aufgabe, „Mutter zu beschützen und auf Vater zu achten“.

Mina Pradelski wurde selbst als Tochter Überlebender im DP-Camp Zeilsheim geboren, sie kennt die Last, die auf dieser Generation liegt und fasst sie in diesem Roman eindrücklich und berührend in Worte.

Die Besprechung bei Faust Kultur: https://faustkultur.de/4414-0-Buchkritik-Minka-Pradelski-Es-wird-wieder-Tag.html#.X50ilFAxm00


Literarisch am meisten begeistert hat mich in diesem Frauenreigen Lydia Davis. „Es ist, wie`s ist“ ist das bereits 1986 erschienene Debüt der Meisterin der kleinen Form. Kurzgeschichten, die so prägnant sind, dass sie sofort ins Schwarze treffen – und dieses schwarz ist buchstäblich gemeint. Denn Davis beherrschte bereits in ihrem ersten Buch die Kunst, schwarzen Humor, einen abgeklärten Blick auf die Welt und einen milden Zynismus zu vereinen. Häufig stehen in ihren Erzählungen Frauen im Mittelpunkt, die zwischen Selbstbestimmtheit und dem Wunsch nach einer funktionierenden Partnerschaft hin- und hergebeutelt sind – weil beides zugleich eben oft auch an den männlichen Gegenstücken scheitert. Eine klare Leseempfehlung für alle, die den lakonischen amerikanischen Erzählstil lieben!

„In diesem ersten (im Original 1986 erschienen) Band ihrer „Collected Stories“ ist die Autorin schon auf der Höhe ihres literarisch-verdichteten Könnens, verfügt bereits eindrucksvoll über die Fähigkeit, ihre Protagonisten mit den entscheidenden Fragen zu konfrontieren und Menschen genau wahrzunehmen in vertrackten Lebenslagen“, so Manuela Reichart im Deutschlandfunk.

Zur Besprechung: https://www.deutschlandfunkkultur.de/lydia-davis-es-ist-wies-ist-was-die-liebe-kostet.1270.de.html?dram:article_id=485248

2 comments on “Kurz & Knapp: Frauen schreiben”

  1. Danke sehr fürs Erwähnen. Ich bin immer noch überrascht, dass viele Leser:innen Queenie als oberflächlich ansehen. Ich finde wie du, das ist sie ganz und gar nicht. Viele Grüße!

    1. Sehr gerne!
      Ich kann das Leserinnenurteil schon nachvollziehen – das erste Drittel dachte ich zunächst auch, ich lege es wieder weg, es dauert etwas, bis man auf den Kern der Geschichte kommt.

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