Vögel im Kopf: Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher

Ehemalige und gegenwärtige Patientinnen und Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tübingen erzählen – von sich, ihrer Erkrankung, den ambivalenten Gefühlen, die ein Klinikaufenthalt auslöst. Ein Buch, das ein wichtiges Thema aus der Tabuzone holt.

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„Wenn man die Klinik betritt, betritt man eine andere Welt – in der manchmal die Zeit stillsteht, so könnte man meinen. Man grenzt sich aus, um sich selbst einzugrenzen und dazuzulernen. Um mit sich selbst wieder eins zu werden und an sich zu arbeiten. Das führt oft dazu, dass man in seiner Entwicklung, zumindest der Entwicklung, die von außen sichtbar ist, stillsteht. Man lernt, das Universum anders zu betrachten und sich neu in ihm zu orientieren. Wir entfliehen der Welt, um uns in ihr neu zu definieren.
Die Welt hingegen interessiert dies nicht und sie dreht sich einfach so weiter. Während wir hinter den gelben Fenstern lernen, zu fühlen, unsere Gedanken zu kontrollieren, unseren Geist neu auszurichten, lernen andere in unserem Alter Algebra, entdecken sich und ihren Körper, probieren sich aus.“

Aus: „Vögel im Kopf“, S. Hirzel Verlag, 2020

Wie für die heute 28-jährige Janine B., war und ist das Gebäude mit den gelben Fenstern für Generationen von Kindern und Jugendlichen zur vorübergehenden Heimat geworden. Zum Zufluchtsort, zum Ort, der Hoffnungen und zugleich das Gefühl der Niederlage verbindet, aber auch zu einem gefühlten Gefängnis, dem man entkommen möchte. Seit über 100 Jahren gibt es die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen: Das Haus mit den gelben Fenstern kennt unzählige (Lebens-)Geschichten, die nicht nur für ein persönliches Schicksal stehen, sondern auch ein Spiegel sind für den Umgang unserer Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen.

Der Förderverein Schirm e.V. gibt den Menschen hinter den Fenstern eine Stimme: „Vögel im Kopf“ ist ein aktuell erschienener Sammelband, der Texte von Patientinnen und Patienten, Angehörigen und Mitarbeitenden der Kinder- und Jugendpsychiatrie vereint. Die Unmittelbarkeit der Erzählungen treffen einen beim Lesen ins Herz und machen die Ängste und die verzweifelten Gefühle, die mit einer psychischen Erkrankung einhergehen, verständlicher.

„Früh aufstehen. Wiegen. 39 kg auf 172 cm. Ich bin vor kurzem 16 geworden. Aussichtslosigkeit, Schmerzen und Verzweiflung überwiegen in meinem Leben. Ich wollte mich nicht umbringen, wollte nicht sterben, nein, ich wollte nicht mehr sein und bin auch kaum noch. Wenn ich in den Spiegel sehe, ist da eine Fremde, ein Zombie, gruselig und ekelhaft. Tiefe Augenhöhlen. Eine dünne Schicht gespannte, blasse Haut über Knochen. Nicht zierlich, ein massives Skelett mit klobigen Gelenken.“

Wie Anita l., heute 37 Jahre alt, die ein knappes Jahr als Patientin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie war, stellen sich viele diese Frage: „Fühle ich mich wie auf dem Weg in ein Gefängnis, in ein Krankenhaus?“ Sie schildert eindrücklich ihre inneren Widerstände, die sie in den ersten Tagen begleiten – gegen die Klinik, gegen das Personal, gegen die Mitpatienten. Aber wie viele andere Geschichten in diesem berührenden Buch ist auch ihre eine der Hoffnung: „Vögel im Kopf“ erzählt nicht zuletzt auch davon, wie viele junge Menschen in der KJP lernen, mit ihrer Krankheit zu leben, mit ihr umzugehen, neue Perspektiven erhalten und ihr Leben meistern – so Ulrike S., die Jahrzehnte später selbst als Ärztin arbeitet und eine erfolgreiche Wissenschaftlerin ist.

In ihrem Nachwort betonten der Ärztliche Direktor der Klinik, Professor Tobias Renner und sein Stellvertreter Dr. Gottfried Maria Barth, ebendieses:

„In der Kinder- und Jugendpsychiatrie kommt eine sehr wichtige Besonderheit dazu. Es kann bei uns nicht nur um Symptomreduktion oder Heilung von Krankheiten gehen. Wir haben immer mit der gesamten psychosozialen Entwicklung zu tun. Und Heilung kann nicht nur Wegnehmen von Krankheit bedeuten, sondern Wege zu öffnen für eine gesunde seelische Entwicklung. Wir wollen mit unseren Patient*innen nach vorne blicken, mit großer Kreativität immer wieder neue Wege finden, wie bestehende Belastungen bewältigt werden können.“

So ist „Vögel im Kopf“ vor allem für die Betroffenen und ihre Umwelt selbst ein wichtiges Buch, ein Buch, das  Hoffnung macht und verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich Hilfe zu holen – wie bei jeder anderen Erkrankung auch. Aber dennoch wird durch die sensible Auswahl der Geschichten durch die Herausgeber, Ärzte, Therapeuten und Mitarbeitende der Klinik, auch auf die Schattenseiten und die Schwierigkeiten, die psychische Erkrankungen und ihre Behandlung mit sich bringen, eingegangen. Die Schuldgefühle und Versagensängste, die oftmals die Eltern plagen. Die Geschwisterrivalität, die entstehen kann, wenn der Fokus auf dem erkrankten Kind liegt. Das Gefühl, an seine Grenzen zu kommen, das auch erfahrene Therapeut*innen kennen. Aber vor allem die Angst vor Stigmatisierung. Robert, Vater einer erkrankten Tochter, schreibt dazu:

„Leider scheint mir, dass die »Umgangskultur« mit psychisch Kranken eine zusätzliche Hemmschwelle darstellt, ein ohnehin großes Problem zu überwinden, nämlich das Eingeständnis, krank zu sein und unter Umständen ohne fachliche Hilfe nicht mehr in eine gesündere Spur zu kommen. Interessant: Auch wenn es heute einerseits einen gefühlt offeneren Umgang mit dem Thema »psychische Erkrankung« gibt, spiegelt sich andererseits immer noch eine erschreckend aggressive Stigmatisierung im Sprachgebrauch wider: der »Mongo« und »Spasti« früherer Jugendgenerationen scheint heute dem »Psycho« gewichen zu sein. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand, der wegen Zahnschmerzen den Arzt aufsuchen muss, als »voll der Kario« oder »Dento« diffamiert wird. Auch ein atemschwacher »Pneumo« ist mir noch nie untergekommen.“

Dem Wunsch der Herausgeber, dass dieses Buch zum Lesen verlockt, vor allem aber, dass es Anlass gibt, über das Thema zu reden und damit einen Teil der Stigmatisierung und Tabuisierung aufzuheben, kann man sich nur anschließen. Zudem ist dieses Lesebuch auch wunderschön gestaltet – die „Vögel im Kopf“ begleiten die einzelnen Geschichten illustrativ, zudem werden die Erzählungen bereichert durch passende Gedichte und Zitate aus der Literatur und Philosophie.

Einige der Texte werden nach und nach auf der Homepage des Fördervereins Schirm e.V. veröffentlicht: https://www.voegel-im-kopf.de/

Informationen zum Buch:

Vögel im Kopf
Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher
Herausgegeben von: Gottfried Maria Barth, Bernd Gomeringer, Max Leutner, Jessica Sänger und Ulrike Sünkel
Hirzel Verlag, Stuttgart, 2020
Gebunden, 320 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-3-7776-2885-1

http://www.hirzel.de/titel/61998.html

6 comments on “Vögel im Kopf: Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher”

  1. Liebe Birgit, vielen Dank für den Tip, ich könnte gleich so vieles dazu sagen, komme ich doch aus einer Familie, da wir einige Kinder aus KJP bei uns aufgenommen haben, bzw. es die Eltern waren, die sich für diesen steinernen Weg der „Kinderrettung“ entschieden – mit allen Nebenerscheinungen – nicht immer einfach, das kann ich wohl sagen, zumal es bei einem, meinem Bruder, so überhaupt nicht „klappen“ wollte, er immer wieder zurückgebracht wurde, und was noch Ärger war: zu seinem leibeigenen Vater zurückgeholt wurde mit fatalem Ausgang – ich will das jetzt nicht auswalzen – habe auch schon häufig versucht, darüber zu schreiben – es ist mir immer missglückt. Jetzt gehe ich mir das Buch hier holen – mal sehen, ob es die von mir so sehr ersehnte Brücke zu einem nie wirklich in all seiner Breite begriffenen Lebensabschnitt schlägt. Besten Dank noch einmal! Und entsprechend herzliche Grüße!

    1. Lieber Clemens,
      danke für deinen offenen Kommentar. Ich wünsche Dir sehr, dass dieses Buch oder andere Erfahrungen, die du noch machst, diese Brücke ermöglichen. Wie sehr auch die Geschwister – ob leibliche oder nicht – mitbetroffen sind, das machen bereits die ersten beiden Geschichten zweier Frauen, Schwestern, deutlich, die sehr offen darüber schreiben, wie die Erkrankung der einen das Verhältnis belastete, wie sehr daraus auch Abneigung und Aggression entstanden. Die Offenheit, mit der sie dies schrieben, hat mich sehr berührt. Liebe Grüße, Birgit

      1. Ich bin gespannt wie ein Regenschirm (Oskar Maria Graf) – der übrigens, wo ich ihn hier zitiere, auch einen tollen Ton trifft – um das alles mal in Sätze zu bringen, braucht es viel Kraft. Ich hab das immer noch vor, aber jetzt besorge ich mir erstmal die Vögel im Kopf – toller Titel auch für das! Wenn es mir gefällt, weiß ich auch gleich die nächste, die das sicher nochmal aufarbeiten will: meine Schwester, die das noch extremer, weil impulsiver und empfänglicher, erlebt hat – ich kann aber auch Positives dazu sagen: das erlebt zu haben, macht auch fähig, vieles untereinander besser abzugleichen, du hast es ja im Lauf deiner Biografie mit vielen verletzten Menschen zu tun – und die in ihrer Kindheit so sehr im Stress waren, um es mal vorsichtig auszudrücken – haben es im Leben ungleich schwerer – allein die ersten vier Lebensjahre sind so wichtig – und gerade da geht vieles schief – es gibt auch einen sehr guten Film zum Thema : https://www.deutscher-filmpreis.de/film/systemsprenger/ – hat mich sehr berührt – so, jetzt ist gut für heute! Bin froh, dass Du diesen Blog betreibst – wäre möglicherweise sonst nie auf die Vögel im Kopf gestoßen. Beste Grüße und einen schönen Abend ! Clemens

      2. Lieber Clemens,
        den Film konnte ich mir nicht anschauen, ich habe nur Ausschnitte gesehen, und die haben mich schon ziemlich durchgerüttelt. Es gibt jetzt wohl mit Nina Hoss nochmals einen Film zum Thema Systemsprenger – sie spielt, wenn ich das richtig im Kopf habe, eine überforderte Pflegemutter, aber ich habs nur im Halbschlaf in einer Kinosendung wahrgenommen. Müsstest du mal googeln.
        Und danke für deine netten Worte zum Blog, Birgit

  2. Liebe Birgit,
    danke für Deine Buch- und Themenvorstellung. So schwierig es ist, wird es für alle betroffenen und beteiligten Autoren und Autorinnen hilfreich sein, ihrer Situation Ausdruck zu geben. Möge es die Leserinnen und Leser konstruktiv anregen und begleiten.
    Alle guten Wünsche
    und herzliche Grüße
    Bernd

    1. Lieber Bernd,

      herzlichen Dank – wenn einmal jemand der Autorinnen und Autoren zufällig auf diesen Beitrag stößt, ist dein Kommentar sicher auch sehr wohltuend. Herzliche Grüße, Birgit

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