Mut zur Unschärfe mit Iris Wolff

Als Kenner von Land und Leuten schätzt Ortwin-R. Bonfert die genaue Beobachtungsgabe von Iris Wolff, die einhergeht mit dem Mut zu Unschärfe und Phantasie.

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„Wie eine Ader schlängelte sich die Marosch durchs flache Land.“ Bild: Ortwin-R. Bonfert

In der „Unschärfe der Welt“ verknüpft Iris Wolff die Lebenswege einer Familie und deren Freunde über mehrere Generationen hinweg und schafft ganz nebenbei ein Hommage für die Menschen einer Kulturlandschaft in Rumänien. Ortwin-Rainer Bonfert, ein Kenner von Land und Leuten, zeigt die Besonderheiten dieses Romanes auf. Vielen Dank für diesen Gastbeitrag!

Eigentlich trivial: Junges Paar verschlägt’s aus der Stadt ins dörfliche Flachland, es kommt ein Kind, Freunde, Dorftratsch, Flucht, Tod und Glück liegen nah bei beieinander. Aber Iris Wolff erzählt nicht trivial. Was zeichnet diesen, ihren vierten biographisch geprägten Roman aus, der es zu mehreren Nominierungen etablierter Buchpreise geschafft hat?

Da wäre die Landschaft der Banater Tiefebene im Westen Rumäniens, mit der das Schicksal der Menschen eng verbunden ist. „Der Grad des Glücks wurde hier festgelegt“, in dieser Landschaft, die sich spürbar macht. „Es gab das Grau des Himmels. Den Fluss und die Weiden. Die weite Ebene und die Einsamkeit. Es gab den Rand und die Mitte. Das Ja und das Nein. Die Ungewissheit.“

Da wäre auch der Mikrokosmos einer multiethnischen Dorfgemeinschaft, vereint in ihrer Vielfalt. Da fragt eine Protagonistin: „Was meinst Du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?“

„Die Weizenfelder waren abgeerntet, der Mais stand hoch. Die Ebene reichte so weit man sehen konnte. Der Himmel beanspruchte den größten Raum, ohne den Widerspruch von Bergen…“ Bild: Ortwin-R. Bonfert

Die Bezeichnung Familienroman würde diesem Werk nicht ganz gerecht werden. Es gibt miteinander verwandte und bekannte Charaktere. Sie fallen durch ihr Handeln auf, aber noch prägnanter durch ihre Sichtweise. Iris Wolff gestaltet jedes Buchkapitel aus der Perspektive eines anderen Protagonisten. „Die Leute erzählten ihre Geschichten auf seltsam feststehende Weise. Als wären sie genau so passiert. Dabei war (…) jede Geschichte auf hundert mögliche Weisen passiert, und alle waren gleich wahr und nicht war.“

Doch der wesentliche Protagonist dieses Werkes ist der Leser selbst, mit eigener Perspektive und Lesart. „Die Erinnerung ist ein Raum mit wandernden Türen.“ Da hält man beim Lesen unwillkürlich inne, um sich das selber ausmalen zu können. Iris Wolff gibt ihren Leser*innen Raum, die Erzählungen ins Detail weiter zu denken und vermittelt bei aller Unschärfe ein überraschend deutliches Gefühl für den multiethnischen Mikrokosmos eines Grenzdorfes im Wandel der Zeit.

Und jene Zeit hatte es in sich. Die Welt war gespalten und dazwischen verlief der Eiserne Vorhang. Die Autorin läuft zur Höchstform auf, wenn sie den rumänischen Diktator und sein menschenverachtendes System mit einer gehörigen Portion Galgenhumor beschreibt: „Er war (…) ein Familienmensch. Was lag da näher, als alle wichtigen Ämter an Familienmitglieder zu verteilen?“

Worte werden zu Sätzen gereiht, die gelegentlich wie der Fluss Marosch von Seite zu Seite voller poetischer Leihgaben dahinströmen und nie langatmig wirken: „… die Karpaten. Ihre Gegenwart veränderte das Licht. Zu Mittag war es grünlich-violett (im Winter silbrig-blau), am Nachmittag ein Goldgelb, das am Abend ins Kupferfarbene überging.“ Treffsicher in der Wortwahl reichen Iris Wolff wenige Sätze, um in der Phantasie des Lesers ein Bild der Örtlichkeiten entstehen zu lassen.

Gönnen wir uns doch im Infomationszeitalter mehr Unschärfe. Gewähren wir neben dem Wissen der Phantasie mehr Platz. Ziehen wir doch mehrere mögliche Blickwinkel zum Geschehen in Betracht. Nehmen wir als rational denkende Wesen die Wirkung der umgebenden Landschaft auf uns hin. Leben wir gelassener unser Leben im Strom der Zeit. um politisch-sozialen Unwegbarkeiten mal ausweichend, mal trotzend zu begegnen, auch wenn das nicht unserem genauen Lebensplan entspricht. Akzeptieren wir den anders sprechenden Nachbar, selbst wenn wir ihn nicht so gut verstehen. Gönnen wir uns Toleranz und Unschärfe. Das Buch „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff ist jeden falls ein Lesevergnügen.

Preisnominierungen: Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020, den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik 2020 sowie den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2020.

Ein Gastbeitrag von Ortwin-R. Bonfert

Informationen zum Buch:
Iris Wolff
Die Unschärfe der Welt
Klett-Cotta Verlag, 2020
216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €
ISBN: 978-3-608-98326-5

 

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