Eine jüdische Emigrantin bringt die Achtsamkeitslehre nach New York

Christoph Ribbat erzählt in „Die Atemlehrerin“ das Schicksal der jüdischen Gymnastiklehrerin Carola Spitz.

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Bild Straßenschilder Bayreuth: Birgit Böllinger

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Aktuell wird ja viel über das Atmen geredet, weil es zu Pandemie-Zeiten ein Problem ist, dass wir es tun und dabei Aerosole verbreiten, die wiederum… wir wissen es. Allerdings sollten wir da, wo wir niemandem ins Gesicht schnaufen, unbedingt atmen, am besten durch die Nase ein und durch einen Strohhalm aus. Das würde unseren verspannten Körpern und Seelen guttun – davon jedenfalls ist man nach der Lektüre von Christoph Ribbats nonfiktionaler Erzählung Die Atemlehrerin überzeugt. Sie beschreibt das Leben der 1901 geborenen jüdischen Gymnastiklehrerin Carola Spitz aus Berlin, die in ihrem Studio am Central Park bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein die New Yorker in der Kunst des richtigen Luftholens unterwies.

Ein Buch also, das vor allem für unterbeschäftigte Achtsamkeitsfanatiker interessant ist, denen es Spaß macht, stundenlang auf Yogamatten herumzuliegen? Mitnichten. Ribbats ist Amerikanistik-Professor in Paderborn und hat für sein Buch mit wissenschaftlicher Akribie den Nachlass Spitz‘ ausgewertet, den ihm die amerikanischen Enkel überließen. Es liest sich dennoch spannend wie ein Roman, und zwar auch dann, wenn man mit selbstoptimierender Innerlichkeit nichts am Hut hat. Denn das Schicksal dieser sich emanzipierenden Frau, einer von vielen jüdischen Emigrantinnen, ist ebenso interessant wie die kleine Kulturgeschichte der körperlich-seelischen Ertüchtigung, die Ribbat hier entwirft.

Ermutigend war es jedenfalls nicht, was Carola Spitz als junges Mädchen von ihrer Mutter zu hören bekam: „’Einen Mann wirst du auch nicht kriegen‘, sagt ihr die Mutter. ‚Du bist nicht schön‘, sagt sie, ‚und nicht interessant, nicht besonders begabt…“ Diese Prophezeiung erfüllt sich nicht, denn Carola wird von ihrer frühen Begeisterung für Bewegung doch immer wieder heil durchs Leben getragen. Gegen den Willen der Familie bricht sie ihr geisteswissenschaftliches Studium ab und macht eine Ausbildung bei Anna Herrmann, einer von vielen Gymnastiklehrerinnen jener Zeit, die Körper und Seele in Einklang bringe wollen. Dann arbeitet sie für Elsa Gindler, schon damals eine Ikone der Atemtechnik, interessiert sich für die Psychoanalyse. Kreative, spielerische Körperarbeit ist Trend in der Weimarer Republik und soll der Not des von der Arbeit gestressten, verkrampften, hypernervösen Großstädters entgegenwirken – eine erstaunliche Parallele zur heutigen Zeit. Bald werden sich jedoch die Nazis diese Bewegung zu eigen machen und den vielen jüdischen Gymnastiklehrerinnen das Unterrichten verbieten.

Mit ihrem Mann, dem Zigarettenfabrikanten Otto Spitz, und ihrer Stieftochter flieht Carola gerade noch nach Amsterdam, Paris und, nach langem, qualvollem Warten auf ein Visum, nach New York. Es ist anrührend, wie Ribbat lakonisch die Haushaltsgegenstände auflistet, die bereits mit dem Container aus Europa eingetroffen sind – der Plattenspieler und das Limoges-Porzellan sind da, ebenso die Gymnastik-Utensilien: „ein Medizinball, ein Gummiball, fünf Springseile, sechs Keulen“. Der Autor schafft es, aus dem Archiv-Material heraus und mit Mut zur Leerstelle doch ein lebendiges Panorama der deutsch-jüdischen Emigranten-Szene der fünfziger Jahre zu entwerfen mit allem, was die unfreiwillig Verbannten quälte: Geldsorgen, Heimweh, Erschrecken vor dem Konkurrenzkampf in den USA, der Schmerz um die in Konzentrationslagern ermordeten Verwandten. Auch Carola Spitz‘ Mutter wird es nicht mehr aus Amsterdam herausschaffen und in Auschwitz „erstickt“ werden, wie Carola erst 1951 vom Roten Kreuz erfährt – „erstickt“, wie entsetzlich muss es ausgerechnet für sie gewesen sein, das zu hören! Da arbeitet Mrs Speads, wie sie sich inzwischen nennt, schon Jahre als Gymnastiklehrerin, von der die New Yorker zunehmend begeistert sind, während ihr Mann mehr oder weniger arbeitslos ist. Sie kämpft sich aus der Hausfrauenrolle heraus, in die der Neustart im fremden Land viele Frauen hineinzwingt, ernährt zeitweise die Familie. 1978 erscheint ihr Buch über das Atmen: Breathing: The ABCs. Wer richtig atmet, der kriegt auch das Leben auf die Reihe, das ist, etwas verkürzt gesagt, Carolas Botschaft an die Welt. Und so viele wollen jetzt in dieser hektischen Stadt mit der hohen Luftverschmutzung bei ihr atmen und lernen, achtsam mit dem eigenen Körper und der eigenen Seele umzugehen. Carola wird zu einer New Yorker Größe. Selbst nach einem Schlaganfall unterrichtet die Vierundneunzigjährige noch in ihrem Studio – halbseitig gelähmt.

Den richtig großen Erfolg allerdings hat eine andere: Carolas Berliner Jugendfreundin, die Gymnastiklehrerin Charlotte Selver, mit der Carola in den ersten zehn Jahren ihrer New Yorker Zeit zusammenarbeitet, bevor sich die beiden Frauen überwerfen. Selver zieht weiter nach Kalifornien, wird berühmt für ihr Konzept der sensory awareness, ist heute Teil der amerikanischen Kulturgeschichte. Das ist Carola nicht, und doch legt Ribbat Wert darauf, festzuhalten, dass die Achtsamkeitsbewegung, die seit den achtziger Jahren aus Amerika nach Europa schwappt – heute kommt ja keine Frauenzeitschrift mehr ohne dieses Zauberwort auf dem Titel aus – eigentlich zuerst über die Berliner Emigrantinnen in die Vereinigten Staaten gelangt ist.

Ribbat arbeitet mit harten Schnitten, lässt den Leser teilhaben an seiner Arbeit des Interviewens von Zeitzeugen und auch an seinen Zweifeln: Er belegt selbst einen Kurs in Berlin, der sich „Einführung in die Gindler-Arbeit“ nennt, um seinem Forschungsobjekt nahezukommen – und bricht nach einem Tag entnervt ab, weil er keine Lust mehr hat, seinem Atem ausgestreckt unter Stoffsäckchen nachzuspüren. Seiner Heldin hält er trotzdem die Stange. „Sie hat die Welt nicht verändert. Aber die Welt hat ihr dazu auch keine Gelegenheit gegeben“, schreibt der Autor. Wahrscheinlich ist aber genau dieses nicht ganz große Schicksal der Grund dafür, warum man das Buch mit Anteilnahme liest und die dort abgedruckten Fotos von Carola, ihrer Familie und ihren Schülerinnen am Ende betrachtet wie die von guten Freunden.

Von Veronika Eckl

Informationen zum Buch:

Christoph Ribbat
Die Atemlehrerin. Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm.
Suhrkamp Verlag, 2020
Gebunden, 191 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-518-42927-3

 

4 comments on “Eine jüdische Emigrantin bringt die Achtsamkeitslehre nach New York”

    1. Ja, Veronika Eckl bringt doch immer so etwas wie frischen Atemhauch bzw. Prise auf den Blog. Ein spannendes Buch, ich habe es mir jetzt auch bestellt.

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