LESARTEN: Ich wurde zur Leserin, weil ich einem Mann ans Bein pinkelte

Ich wurde zur Leserin, weil ich einen Ruhepunkt und eine Gegenwelt brauchte: Lesen auch als Meditation.

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Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Vor einigen Wochen fragte mich eine sehr belesene Frau, wie ich denn zur Leserin geworden sei. Sie hatte mir von ihren ersten Geschichten erzählt, wie sie mit Kater Mikesch aufwuchs, der ihr von ihrer Großmutter vorgestellt worden war.

Seither spukt mir diese Frage im Kopf herum: Wie wird man zur Leserin, was treibt einen dazu, welche Disposition führt einen zum Lesen, zur Literatur?

Es ist ja nicht so, dass mir diese Frage nicht schon früher gestellt worden wäre. Meist habe ich sie abgetan und nur kurz mit einem vor mich hingemurmelten „Ich lese eben gerne“ beantwortet. Oder die Vorzüge des Lesens gepriesen: Als Konzentrationsübung, als anspruchsvolle Beschäftigung und Hirngymnastik, Lesen zur Erweiterung des Horizonts, zur Vertiefung der eigenen Ideen, zur Auseinandersetzung mit der Welt. Hört sich prima an, beantwortet die eigentliche Frage aber nicht: Wie wird man zur Leserin und wieso?

Mal abgesehen davon, dass die Überschrift recht reißerisch ist und damit vielleicht ein wenig Aufmerksamkeit auf diesen Beitrag lenkt, sie birgt auch ein Körnchen Wahrheit. Denn ich hatte zwar keine vorlesende Großmutter mitsamt Kater Mikesch, aber eine Oma mit einem anstrengenden und zeitraubenden Beruf. Sie betrieb eine klassische Kleinstadtwirtschaft, in der es werktags gute Hausmannskost für die sogenannten „Abo-Esser“, Geschäftsleute, Handwerker und alleinstehende Herren aus der Umgebung, gab, mittags kamen die Stammtisch-Männer, abends und an den Wochenenden war ebenfalls immer Hochbetrieb. Als „Wirtschaftskind“ – meine Eltern waren in dem Betrieb voll eingespannt – verbrachte ich meine ersten Lebensjahre sozusagen öffentlich, immer mittendrin im Geschehen. Dem Vernehmen nach hatte ich einen der „Aboesser“ ganz besonders ins Herz geschlossen: Ein feiner, stiller, älterer Mann, Witwer und Inhaber eines kleinen Bekleidungsgeschäfts, der jeden Tag Punkt 12 an seinem angestammten Platz saß. Ich saß meist daneben, häufig aber auch, aus welchen Gründen auch immer, unter dem Tisch. Eines Tages verzichtete Herr D. ganz gegen seine Gewohnheit auf einen Nachtisch mit Kaffee und wollte sich förmlich davonschleichen. Meiner wachsamen Großmutter entging das nicht – ebenso wenig wie sein feuchtes Hosenbein. Ob denn ein Malheur passiert sei, wollte sie von ihm wissen. Herr D. gab mich wohl nicht sofort preis, erst nach längerem Drängen offenbarte sich die ganze Geschichte: Ich hatte wohl, aus welchen Gründen auch immer, unter dem Tisch, während er aß, einem natürlichen Bedürfnis nachgegeben.

Ab diesem Zeitpunkt war es vorbei mit unserem stillschweigenden Arrangement: Ich wurde verdonnert, am Tisch zu sitzen und das möglichst außer der Reichweite wichtiger Gäste. Man gab mir eine Handvoll Bilderbücher, die mit der Zeit von den Gästen zu einer ersten Bibliothek erweitert wurden, und verordnete mir Stillbeschäftigung am Katzentisch. Bei mir hat diese pädagogische Maßnahme offenbar gefruchtet: Wenn ich mich an meine ersten Leseversuche erinnere, dann sind sie immer mit diesen Bild verbunden – ich, allein mit einem Buch, am Rande einer mit Leben und Reden angefüllten Wirtschaft.

Es ist nicht so, dass ich diese Betriebsamkeit und Geselligkeit, die jeder Gastronomiebetrieb mit sich bringt, nicht mochte. Aber das Lesen wurde für mich zur Rückzugsmöglichkeit, zum Ruhepunkt. Ich, mein Buch, mein Platz, inmitten der Hektik eine Insel der Stille und ein Ort, an dem ich allein sein konnte. Interessanterweise erinnere ich mich an diese ersten Lesesituationen, nicht aber an die ersten Bücher – die kann ich nur an dem, was meine Eltern aufgehoben haben, rekonstruieren: Nach den Bilderbüchern kamen die „Hannis und Nannis“, die Kinderbücher von Erich Kästner, Spyris Heidi und einige andere Klassiker.

Ich wurde also zur Leserin, weil ich einen Ruhepunkt und eine Gegenwelt brauchte – und seither hat sich das nicht geändert. Wann immer mir meine Realität zu viel oder zu unwegsam wird, hilft es mir, mich in ein Buch zu versenken, auch als eine Art der Meditation. Und es ist mir so zur guten Übung geworden, dass ich an mir selbst feststelle, wie ich innerlich unruhig werde, wenn ich einige Zeit nicht zum Lesen komme – eine Begleiterscheinung der Corona-Zeit am Beginn der Pandemie übrigens, als sich das zu einem richtiggehenden Teufelskreis ausweitete: Ich war zu unkonzentriert zum Lesen, schaute wie besessen die Nachrichten, wurde dann aber wiederum völlig unruhig, weil ich nicht mehr zum Lesen kam … etwas, das auch andere erzählten, so Wibke Ladwig neulich in einem Blogbeitrag über die „Überwindung der Lesemüdigkeit“.

Was ich bis heute beibehalten konnte: Ich kann mich auch im größten Trubel noch in ein Buch versenken und so abschalten, dass ich die Welt um mich herum tatsächlich vergesse. Und das werde ich jetzt gleich anschließend wieder tun. Vorher aber erzählt ihr doch einmal: Wie wurdet ihr zu Lesern?


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10 comments on “LESARTEN: Ich wurde zur Leserin, weil ich einem Mann ans Bein pinkelte”

  1. Eine schöne Geschichte und toll erzählt, liebe Birgit, schon allein der TItel! Auch ich kann nicht sagen, welches meine ersten Bücher waren, auf jeden Fall aus der Bücherei, als ich schon lesen konnte. Vorgelesen wurde nicht, da hatten weder die Eltern noch die Verwandten Zeit dafür. Und auch ich musste lernen, mit viel Trubel um mich herum in ein Buch einzutauchen.

    1. Danke Ida, das freut mich sehr! Ja, das teilen wir: Auch bei uns war für das Vorlesen keine Zeit, aber dennoch sind wir zu Leserinnen geworden – da war wohl einfach der richtige Antrieb vorhanden. Liebe Grüße von Birgit

  2. Liebe Birgit,
    unter der anzüglichen Überschrift ist Dir hier eine überaus köstliche anamnetische Skizze gelungen. Wie Geschichten das Leben schreiben. Gibt es noch eine weitere Erinnerung der Wirtin-Enkelin, was aus dem Abo-Esser und Bekleidungsgeschäftler wurde? Aus Dir wurde eine feine Leserin, welche die Lesekunst und ihre Gegenstände hier im Blog wunderbar vermittelt. Inmitten des Online-Rummels hast Du Deinen gegenweltlichen und meditativen Platz eingenommen. Danke fürs Teilen mit Deiner Lesegemeinde!
    So gefragt, wie ich zum Lesen kam, beginnen die ersten Eindrücke mit unserem Vater und seinem unerfüllten Berufswunsch, Buchhändler zu werden. Er las still für sich von der Zeitung bis zu den Klassikern, hier von der Lieblings-Buchhandlung und regelmäßig aus der Stadtbibliothek. Kein Wunder, dass wir Jungs beizeiten in die Stadtteil-Bibliothek gelotst wurden und ein Heftchen bekamen, wo die Ausleihen mit Titel, Datum und Stempel eingetragen wurden. An den Inhalt erinnere ich mich nicht, weiß noch, das mich „Der Zauberer von Oz“ sehr beeindruckt hat.
    Gute Lese-Wünsche und herzliche Grüße
    Bernd

    1. Lieber Bernd, danke für deinen netten Kommentar. Dem älteren Herren bin ich, solange ich noch in meiner Geburtsstadt lebte, natürlich immer wieder über den Weg gelaufen, er blieb ja auch dem Essen meiner Oma treu. Schöne Erinnerungen hast du an deinen Vater, das ist doch auch sehr schön, wenn man so an das Lesen herangeführt wird. Herzliche Grüße Birgit

  3. Meine erste Lese-Erinnerung sind Pixi-Bücher. Eines handelte von einem kleinen Hund namens Susi, der immer größer wurde und aus allen Körbchen herauswuchs. Dann kam die „Kleine Hexe“, die ich mir dringend wünschte.
    Auch wenn das jetzt nichts mit Lesen zu tun hat: Deine Beschreibung des Wirtshaus-Lesens – im Trubel sein und doch am Rand – trifft genau das, warum ich mit meinem Mann so gern in Kneipen gehe: Zu zweit unter vielen sein.
    Und: Ich wünsche mir eine Kurzgeschichte über den Mittagsgast deiner Oma!

    1. Liebe Christiane, eine ganz andere Lesesozialisation. Pixis gab es bei uns meines Wissens nicht und die kleine Hexe habe ich erst als Erwachsene kennengelernt. Dafür bekam ich von meinem Opa, der uns ein Kasperltheater schreinerte, den Räuber Hotzenplotz vorgespielt … Liebe Grüße, Birgit

  4. Sehr interessant und sehr sympathisch! Ich weiß noch, dass ich als Kind Lesen nicht mochte – aus Gründen. Mit 12 habe ich dann die Bibliothek für mich entdeckt und war von da an Feuer und Flamme für geschriebene Wörter. Das hat sich nie geändert! Wenn ich in der U-Bahn war, habe ich immer gelesen. Und heute lese ich, wenn ich „einfach nicht mehr kann“ oder ich genug gearbeitet habe.
    Viele Grüße, Nora

  5. Liebe Birgit,

    eine echt schöne Geschichte und auch sehr schön erzählt. Dem Ganzen haftet etwas Romantisches an. Und die Fragestellung ist echt interessant und ich glaube jeder, der das Lesen so sehr liebt, hat da seinen eigenen individuellen Hintergrund.

    Liebe Grüße
    Tobi

    1. Lieber Tobi,
      danke für Deinen netten, wertschätzenden Kommentar! Es freut mich, dass sich die Geschichte auch gut liest. Und Du bringst mich auf eine Idee: Vielleicht wäre das mal wieder eine schöne Bloggerserie, in der Einzelne berichten, wie sie zum Lesen kamen. Wie war es denn bei Dir? Herzliche Grüße, Birgit

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