LESARTEN: Das Lesen geht weiter (I).

Die Buchbranche trotz(t) Corona: Ein erster Blick auf die Vielfalt an Neuerscheinungen, die uns der Büchersommer und der Herbst bescheren.

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Bild von Laci Döme auf Pixabay

Wenn in den vergangenen Wochen über den Buchmarkt geschrieben wurde, dann bildeten die Schlagzeilen eine Gefühlslage ab, die von tiefer Depression – so schrieb Ronald Düker in der Zeit über „Verlage am Abgrund“ – bis zu Zweckoptimismus reichte. Das „Denken in Alternativen“ erkannte beispielsweise Felix Stephan in der Süddeutschen Zeitung.

Eine abgesagte Leipziger Buchmesse, über Wochen geschlossene Buchläden, ein komplett weggebrochener Absatzmarkt, zudem die Dominanz von Amazon, wo Bücher in Zeiten der Pandemie einfach in die hinteren Regale verbannt wurden und nicht zuletzt die Entscheidung des NDR, ausgerechnet in diesen schwierigen Zeiten die Sendung „Bücherjournal“ einzustellen und der Literatur noch mehr Sichtbarkeit zu nehmen: Die schlechten Nachrichten rissen nicht ab. Und was mit der Frankfurter Buchmesse geschehen wird, steht ebenfalls noch in den Sternen.

Dennoch bin ich mir sicher: Das Buch als Kulturgut und als Element der geistigen Grundversorgung, es wird auch diese Krise überstehen. Vielleicht wird sich manches verändern, vielleicht wird, was sich während des Lockdowns abzeichnete, sich literarische Qualität gegen Massenware durchsetzen, vielleicht kehrt aber auch alles zurück zu den schnellen Umlaufzahlen der Neuveröffentlichungen. Wer weiß das schon?

Umso wichtiger ist es jedoch gerade jetzt, auf die Titel der kleineren und unabhängigen Verlage aufmerksam zu machen, die im Herbst erscheinen werden. Sie flattern wieder herein, die Herbstvorschauen, und ich kann nur an alle Mitlesenden hier appellieren, sich den Worten von Verleger Heinrich von Berenberg anzuschließen, der zu seiner Herbstvorschau schreibt:

„Die Verbreitung guter Laune, ich gebe es zu, wirkt Mitte April 2020 ein wenig wie das Pfeifen in einem doch recht undurchsichtig gewordenen Wald. Und trotzdem wollen wir Ihnen den Appetit auf neue Bücher machen, der zu Ihrer geistigen Grundausstattung gehört und das virale Geschehen hoffentlich unbeschädigt überstehen wird.“

So ist eines der Bücher aus dem Berenberg Verlag, „Die Dame mit der bemalten Hand“, der dritte Roman von Christine Wunnicke, einer der unbesehen auf meiner Leseliste landet, nachdem ich bereits von „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ restlos begeistert gewesen war. Ans Herz gelegt sei allen auch ihre im Frühjahr erschienene Novelle „Nagasaki, ca. 1642“.

Intelligent, komisch, mit einem staubtrockenen Humor: Das kennzeichnet die short stories von Lydia Davis. Übersetzt von Klaus Hoffer, erscheint im August der Band „Es ist, wie`s ist“ beim Droschl Verlag.

Neugierig bin ich auch auf das Romandebüt von Anar Ali, „Nacht der Bestimmung“, das im September bei Culturbooks herauskommt. Die Autorin schreibt über die Konflikte einer uganisch-südostasiatischen Einwandererfamilie in Kanada.

Über das geplante Gastland der wie auch immer stattfindenden Frankfurter Buchmesse erfährt man einiges auch von Marc Degens, Autor und Verleger des SUKULTUR-Verlags, der vier Jahre in Kanada lebte. Sein Buch „Toronto“ erscheint im Herbst erneut im mairisch verlag.

Fremd sein in der Fremde: Das thematisiert Dina Nayeri in dem erzählenden Sachbuch „Der undankbare Flüchtling“. Die gebürtige Iranierin kam mit ihrer Familie als Zehnjährige in die USA, inzwischen lebt sie in Paris. In der Vorschau von Kein & Aber heißt es dazu: „Dina Nayeri wurde im Laufe der Jahre zu einer hoch gebildeten, erfolgreichen Vorzeige-Migrantin. Und trotzdem blieb sie vor allem eines: ein Flüchtling.“

Ebenfalls zu diesem Themenbereich gehört „Eine fremde Tochter“ aus dem Verlag orlanda. Najat El Hachmi erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in Marokko geboren wurde und in Katalonien aufwächst. Während ihre Mutter eng mit der traditionellen, marokkanischen Lebensweise und muslimischen Religion verbunden ist, befindet sich die Protagonistin in einem permanenten Konflikt zwischen der katalanischen und marokkanischen Kultur und den Sprachen – ein Zustand, der ihre beidseitige Verbundenheit und zugleich ihre doppelte Fremdheit spürbar macht.

Die neu entflammte Debatte über Identität und Heimat inspirierte Elsa Koester, politische Redakteurin bei der Wochenzeitung „Der Freitag“ zu ihrem Romandebüt „Couscous mit Zimt“. Ihr Familienroman kreist um drei Frauen, drei Generationen und die Frage nach Herkunft und Verortung. Der Roman erscheint in der Frankfurter Verlagsanstalt.

Das 25-jährige Verlagsbestehen feiert der Verbrecher Verlag und geht dazu gleich mit einer neuen Reihe an den Start: Die „kurze form“ soll groß rauskommen, Erzählungen erhalten bei der Verbrecherei mit einem Titel pro Programm ein neues Forum. Der Auftakt kommt von der Trägerin des Deutschen Buchpreises 2019: Anke Stelling schreibt in „Grundlagenforschung“ Geschichten über die kurzen Momente der Erkenntnis.

Trotz Krise: Das Lesen geht weiter! Und auch hier: Eine Fortsetzung mit Blick auf die kommenden Veröffentlichungen folgt.

 

 

 

6 comments on “LESARTEN: Das Lesen geht weiter (I).”

  1. Liebe Birgit,
    danke für Deine Anregungen und Hinweise, von denen mehrere literarisch und thematisch interessant klingen.
    Nun war meine Lese-Erfahrung in der Corona-Zeit so, dass ich mir natürlich vorgestellt hatte, das ein oder andere Buch zu lesen. Eines mit Kurztexten, „Andere Orte“, passte ganz gut. Bei verstärkter Zeitungslektüre und weiterem Medien-Konsum fehlte allerdings die Muße, mich aufs Bücherlesen einzulassen. Hm, wie Du so schön schreibst, das Lesen geht weiter.
    Maien-Grüße von Bernd

    1. Lieber Bernd, das ging tatsächlich vielen Menschen so wie Dir. Ich habs von anderen gehört und an mir selbst festgestellt. Mittlerweile starre ich nicht mehr jeden Abend auf die Corona-Sondersendungen und Talkshows und habe zu meinem inneren Gleichgewicht zurückgefunden, eine wichtige Voraussetzung, um zu lesen. Viele Grüße und einen schönen Sonntag von Birgit

  2. Liebe Birgit,
    Anke Stellings Erzählungsband habe ich gerade vorhin in der Verbrecher-Vorschau gefunden. Darauf freue ich mich auf jeden Fall. Und ein weiterer Titel ist sofort auf meine Leseliste gehüpft, der von Iuditha Balint herausgegebene Band „Arbeit am Text“, der die Formen der Arbeit in der neueren Literatur beleuchtet.
    Und klar geht das Lesen weiter. Spätestens dann, wenn wir uns alle langsam gewöhnt haben an die vielen Veränderungen, wenn sich die vielen neuen Formen des (digitalen) Arbeitens, Bewegens und Einkaufens eingespielt haben. Wenn der unmittelbare Schrecken nachlässt udn wir nicht mehr ängstlich auf Zahlen schauen. Außerdem schafft Vorfreude ja auch eine positive Haltung. Also: Ran an die Vorschauen.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Ja, den Optimismus habe ich zwar für mich auch, dass das Lesen immer weiter geht – aber ich fürchte dennoch, dass der entstandene Flurschaden für Verlage, Buchhandlungen und vor allem für die Autorinnen und Autoren nicht ganz behoben werden kann.

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