Annette Stroux und Fred Reber im Gespräch: Das Gewicht von Nähe

Für #25tage25bücher sprach ich mit Verlegerin Annette Stroux über das besondere Konzept ihres Verlags, Autor Fred Reber gibt Auskunft über seinen Roman.

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Chris schluckt. Damals, als sie aus dem Krankenhaus zurück in Bens Wohnung kamen und die Ereignisse sie am Schlafen hinderten, hatte er zu ihm gesagt:
„Dad, das musst du aufschreiben. Das ist ja wie ein Krimi.“
„Wo denkst du hin. Das geht nicht.“
„Wieso?“
„Weil ich der Auslöser war für die ganze Geschichte.“

Fred Reber, „Das Gewicht von Nähe“

Die ganze Geschichte zwischen Ben und Nina endet drei Jahre zuvor: Am Beginn des Romans sehen wir einen Mann, der blutend an einer Bushaltestelle steht. Geflüchtet aus der Wohnung einer Frau, die ihn zunächst faszinierte und dann immer mehr durch ihr obsessives Verhalten irritiert. Fred Reber beschreibt in seinem zweiten Roman feinfühlig und mit viel Gespür für die Psychologie seiner Figuren die Entwicklung einer gestörten Beziehung.

Ben, der sich als Buchhalter durchs Leben schlägt, aber eigentlich von einem Leben als Schriftsteller träumt, lernt eines Abends in einer Hotelbar die attraktive Nina kennen. Erst später wird ihm bewusst, dass diese faszinierende Frau eine schwedische Schlagersängerin ist, für die er als Jugendlicher schwärmte. Ihr Ruhm ist jedoch schon längst verblasst, die Tage des großen Erfolgs lange schon vorbei.

Zu Beginn der Beziehung erscheint Ben alles im schönen Schein. Doch nach und nach stellt er fest, dass Nina in ihrer Vergangenheit gefangen ist. Ihre Idee, Ben solle eine Biographie über sie verfassen, wird schließlich zur Belastungsprobe, als Ben sich zurückziehen will, eskaliert die Situation. Fred Reber erzählt dies mit Gespür für die Psychologie seiner Figuren, insbesondere Nina gewinnt mehr und mehr an Kontur. Als wäre man an Bens Seite, erlebt man den einstigen Star zunächst als souveräne Frau, die im Laufe der Geschichte immer mehr Schattenseiten bis hin zu psychotischen Zügen zeigt. Das ist auch spannend zu lesen und gute Unterhaltungsliteratur mit Tiefgang.

Am Ende des Buches treffen wir Ben wieder: Er liest, drei Jahre nach den Vorkommnissen, an der Musikhochschule München aus seinem Roman, der ihm endlich den ersehnten Erfolg als Schriftsteller bescherte. Doch zu welchem Preis: Schließlich ist der Roman auch die Verarbeitung seiner dramatischen Liebesgeschichte.

Und hier schließt sich auch der Kreis zum Verlag, in dem Fred Rebers Roman „Das Gewicht von Nähe“ erschien: Denn in dem kleinen, aber feinen Programm der „STROUX edition“ (ein Verlagsportrait in der Süddeutschen Zeitung findet sich hier), erscheinen Bücher, die um das Phänomen der Erinnerung kreisen – seien es fiktionalisierte Geschichten wie das „Gewicht von Nähe“, seien es Familienportraits wie im beim „Bücherhamstern“ vorgestellten „Findelkind“.

Die Literaturagentur „Ehrlich & Anders“ hat dieser Tage die Aktion #25tage25büchergestartet,  um Bücher in dieser schwierigen Zeit für den Buchmarkt sichtbar zu machen. Für #25tage25bücher sprach ich mit Verlegerin Annette Stroux und Autor Fred Reber über den Verlag und den Roman.

Frau Stroux, Ihr Verlag widmet sich dem Thema „Erinnerung“ – es geht also um Autobiografisches, biografisches Erzählen? Wie und wann entstand die Verlagsidee? 

Annette Stroux: Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Erinnerung“ begleitet mich schon seit der Kindheit. In meiner Familie gab es immer wieder heftige Auseinandersetzungen über bestimmte Erlebnisse und die völlig unterschiedliche Bereitschaft und Fähigkeit, sich daran zu erinnern. Bei den einen wurde alles ausgeschmückt und fast als eine Art Waffe gegen jedes entspannte Beisammensein benutzt, die anderen rasteten aus, sobald an ihre Erinnerungen gerührt wurde. Irgendwann merkte ich, dass Erzählen und Schreiben aus der Quelle des Autobiographischen eine besondere Qualität haben kann – und daraus entwickelte sich mein Verlagsschwerpunkt.

Es gibt ja zunehmend mehr Menschen, die ihre Lebenserinnerungen festhalten und auch veröffentlicht haben wollen. Was zeichnet die Qualität eines Manuskriptes aus, was muss eine fiktionalisierte Lebensgeschichte mitbringen, damit Sie sich für eine Veröffentlichung entscheiden? 

Annette Stroux: Das Thema muss von allgemeinem Interesse sein. Eine meiner ersten Publikationen war ein (auto-)biographischer Roman über den Algerienkrieg (La grande Bleue). Das Buch finde ich fast exemplarisch. Aber es müssen nicht unbedingt historische Ereignisse sein – auch persönliche Extremsituationen und der Umgang damit interessieren mich sehr.

Herr Reber, in „Das Gewicht von Nähe“ geht es auch um das lose Projekt einer Biografie, eine Frau will die eigenen Erinnerung festhalten. Beim Lesen wurde mir deutlich, wie sehr man selbst auch dazu neigt, die eigene Vergangenheit zu verklären. War das mit ein Hintergedanke? 

Fred Reber: Vor Jahren war Nina ein großer Star. Sie hat ihre Karriere aus freien Stücken aufgegeben. Mich hat interessiert, wie sie reagiert, wenn ihr jemand wie Ben anbietet, ihre Biografie zu schreiben.Ich wollte zeigen, wie sie sich selbst wahrnimmt. Und ich fand es spannend, was es mit ihr macht, wenn ihre Wünsche und unerfüllten Sehnsüchte erneut geweckt werden.

Im Grunde weiß sie, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist, und dass sie ihren Teil dazu beigetragen hat. Sie will es sich nur nicht eingestehen und so fängt sie an, ihr früheres Leben zu verklären.

Steckt in der Erzählung auch ein autobiografisches Element?

Fred Reber: Ich war vor Jahren mit einer Frau befreundet, deren Leben ähnlich verlief, wenn auch in einem anderen Umfeld. Das war der Ausgangspunkt für den Text, der sich dann immer mehr verselbstständigt hat.

Wie kam der Kontakt zwischen Autor und Verlag in diesem Fall zustande, was hat Sie, Frau Stroux, an dem Manuskript fasziniert? 

Annette Stroux: Mit Fred Reber kam ich über eine Lesung in Kontakt. Mich hat einerseits interessiert, dass Fred Reber schon einmal einen Roman im Selfpublishing erfolgreich veröffentlicht hatte – und dann kam die Story dazu. Am Anfang und am Ende seines Romans stehen persönliche Grenzerfahrungen – und seine Erzählweise lässt erkennen, dass ihn die Frage nach dem „Was war da eigentlich?“ nie wirklich losgelassen hat. Man sagt ja, dass das autobiographische Gedächtnis das aktuelle Selbst immer besser bewertet als das Selbst der Vergangenheit und – dass Erinnern ein kreativer Prozess ist. Auch darüber erzählt „Das Gewicht von Nähe“ sehr anschaulich.

Informationen zum Buch:

Fred Reber
Das Gewicht von Nähe
STROUX edition, 2019
Gebunden, 268 Seiten, auch als E-Book erhältlich
ISBN 978-3-948065-04-1


 

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