Mutterzeit: Eine Autorin berichtet vom Glück, ihre Mutter beim Altwerden zu begleiten

Zutiefst berührt war Gastautorin Gudrun Glock von diesem Buch: Bärbel Schröder erzählt von den letzten Jahren ihrer Mutter, poetisch und ohne Pathos.

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Bild von Sabine van Erp auf Pixabay

Ein Gastbeitrag von Gudrun Glock

Die Autorin Bärbel Schröder wurde 1955 in Bonn geboren, arbeitet als Fernsehautorin und Regisseurin. Zwanzig Jahre hat sie ihre Mutter beim Altwerden begleitet und es als großes Privileg empfunden, ihr bis zum Abschied so nahe zu sein.

„Dem Tod kann man zustimmen, beim Sterben wird es schon schwieriger“, beschreibt die Autorin ihre Gespräche mit ihrer Mutter. Aber sie fügt auch hinzu „am Ende war alles ganz leicht“. Mit einfühlsamen Worten beschreibt Bärbel Schröder die Poesie des Älterwerdens. Und das macht sie so bezaubernd und ohne Pathos, dass es mich zutiefst anrührt. Und ich weiß nicht, was mich dabei mehr bewegt: Die Geschichte eines alten Menschen oder die Erkenntnis, dass wir alle dieser Mensch sind.

MutterzeitLass uns zusammenziehen, bevor es zu spät ist, bittet die Tochter ihre Mutter. „Das können wir machen, wenn wir alt sind“, sagt Schneckchen, wie die Autorin ihre Mutter liebevoll nennt. Leider haben sie den Zeitpunkt dann doch verpasst. Nach einem unvorhergesehenen Krankenhausaufenthalt, bleibt nur noch das Seniorenheim. „Ich hatte immer etwas Besseres für Mutter gewollt. Ein Umzug ins Altenheim stand nicht auf meiner Liste“, schreibt Schröder mit Bedauern. Ob Betreuerinnen, Pfleger, Heim-Clowns, Mitbewohnerinnen und -bewohner, Weihnachtsfeste oder Ausflüge, alles wird sehr lebendig vor dem inneren Auge des Lesers.

Anfangs fühlt sich die Mutter tatsächlich ganz wohl im Heim. Aber das angenehme Heimleben verändert sich immer wieder. Menschen kommen und gehen und auch geschlossene Freundschaften lösen sich. „Du, Bärbel, jetzt muss ich noch mal fragen, wo sind wir hier eigentlich?“. Obwohl hier die leichte Demenz der Mutter zum Ausdruck kommt, muss ich doch unvermittelt schmunzeln. Und wenn Schneckchen konstatiert, „ich bin 91, da wird man ein bisschen kresi“, macht sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breit.

Vieles lässt mich aber auch nachdenklich werden. „Tröste mich!“, bittet die Mutter beim allabendlichen Telefongespräch ihre Tochter und verrät ihr, dass sie so oft Heimweh verspüre, aber nicht wüsste wonach und selbst nicht verstehe, warum sie so traurig sei.

So achtsam sind die Worte gewählt, welche den Alltag der beiden beschreiben. „Das Schönste am Leben, Kindchen (…), ist doch nicht, was man erreicht hat, das Schönste ist, dass man lebt“, hat Schröders Mutter einmal gesagt. Das ist sehr berührend und lässt vieles in einem anderen Licht erscheinen.

Gudrun Glock

Gudrun Glock  lebt und arbeitet bei Augsburg, wo sie für ein Augsburger Magazin  Beiträge, Buchrezensionen und die Kolumne „Nahrungskette“ schreibt. Ihr Hauptinteresse und Betätigungsfeld gilt dem Ernährungsaspekt der Ayurvedischen Lehre. Sie sagt dazu: „Wir kommunizieren während des Essens. Und Essen selbst bedeutet Kommunikation. Deshalb könnte man auch sagen, das zentrale Thema meiner Arbeit ist die Kommunikation, denn das ganze Leben ist Kommunikation.“
Homepage: http://augsburg-ayurveda.de/ 

Informationen zum Buch:

Bärbel Schröder
Mutterzeit
Vom Glück, meine Mutter in ihren letzten Jahren zu begleiten
Knaur HC | Erscheinungstermin 01.04.2020
368 Seiten
ISBN: 978-3-426-21470-1

 

12 comments on “Mutterzeit: Eine Autorin berichtet vom Glück, ihre Mutter beim Altwerden zu begleiten”

  1. Das löst ganz viele Gefühle in mir aus. Ich befinde mich schließlich irgendwo dazwischen. Nicht mehr ganz jung und Mutter auf der einen Seite und die Tochter einer in die Tage gekommenen Frau und Mutter, wo ich auch nicht weiß, wie es in den kommenden Jahren weitergehen wird.
    Die Vorstellung des Buches ist sehr bewegend. Danke dafür.

    1. Das dachte ich mir auch. Wobei ich meine, dass in vielen Familien die Pandemie gerade auch dazu führt, dass die Generationen in den Familien aufmerksamer miteinander umgehen. Liebe Grüße Birgit

  2. Vielen Dank,
    ja, was wären wir ohne unsere Mütter? Und was bedeutet das Abschiednehmen. Wie geht dies aktuell im Pflegeheim? Hierzu findet sich gerade ein Beitrag auf meinem Blog.
    Gute Wünsche und viele Grüße
    Bernd

      1. Danke Birgit,
        für Deinen Beitrag, die Diskussion der Beiträge und die Verlinkung.
        Gute Wünsche für Deinen Familienbesuch
        und beste Grüße
        Bernd

  3. Danke, liebe Birgit,
    ich werde mir das Buch kaufen, gerade im Moment ist es sehr schwer, meinen Vater Trost zu spenden. Ich bin gespannt, wie das Domicil meines Vaters die neuen Kontaktlockerungen umsetzen wird. Ich befürchte, sie werden aus Sicherheit für ihre Bewohner das Kontaktverbot aufrecht halten.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne, ich hoffe, dass ihr eine gute und sichere Lösung findet, beieinander zu sein. Ich werde meine Eltern am Wochenende auch das erste Mal wieder sehen, ich bin schon sehr gespannt, wie das geht. Liebe Grüße, Birgit

      1. Liebe Birgit,
        ja, es ist irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, nach so langer Zeit wieder zusammenzurücken. Es hat auch etwas von „Ich weiss nicht so recht, wie ich mich jetzt verhalten soll….“
        LG Susanne

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