Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis

Auch in seinem zehnten Hunkeler-Fall zeichnet Hansjörg Schneider wieder ein ganz besonderes Sittengemälde der Schweizer Gesellschaft.

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Hunkeler blickt hinter die schönen Basler Fassaden. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Dies war die schönste Zeit des Tages, wenn er aus tiefer Nacht erwachte und erkannte, dass alles in Ordnung war. Die Welt der Träume, der er dann manchmal entstieg, war ganz und gar nicht in Ordnung. Er wusste das, obwohl er sich beim Erwachen kaum je an einen genau umrissenen, erzählbaren Traum erinnern konnte. Bloß an beängstigende Unordnung, in der alles Vernünftige aus den Fugen geraten war.“

Hansjörg Schneider, „Hunkeler in der Wildnis“.

Es hat etwas Beruhigendes, den Hunkeler zu lesen.

Beruhigungsfaktor Nummer eins: In seiner Bärbeißigkeit, seiner Misanthropie ist der Hunkeler eine Konstante. In seinem zehnten Fall nun zwar im Ruhestand, bleibt er immer noch genervt von den Kollegen, den Mitmenschen, den Umständen des Lebens überhaupt. Das Granteln und Grummeln deutet jedoch auf eine besondere Feinfühligkeit hin, die nur ausgeglichen werden kann durch weitläufiges Spazierengehen, stundenlanges Sitzen bei einem Wein vor dem Haus, durch Steingeschosse in die Fenster der laut feiernden Nachbarn (dass das Geschoss versehentlich das Fenster eines verschreckten alten Ehepaares zertrümmert, bringt die seelische Konstruktion wieder gefährlich ins Wanken).

Beruhigungsfaktor Nummer zwei: Manchmal schielt man neidvoll auf die eidgenössischen Nachbarn, bei denen so manches anders, aber nach außen hin immer so proper erscheint. Der Hunkeler mit seinem großen Verständnis für die Abgehängten, Abseitigen, Verwirrten, er nimmt einen mit hinter die Fassaden. Beispielsweise ins Basler „Milchhüsli“, eine Kneipe, wo schon einmal ein Betrunkener auf dem Boden pennt. Man lernt mit dem Alt-68er Hunkeler: Die Schweiz hat ihren Reiz, aber eben nicht für jeden. Jede Gesellschaftsordnung, die auf Konsum und Kapital basiert, produziert auch ihre Opfer. Um die sich der Hunkeler dann, Ruhestand hin oder her, kümmert.

Pressebild_hunkeler-in-der-wildnisDiogenes-Verlag_72dpiBeruhigungsfaktor Nummer drei: Hunkeler-Krimis zu lesen, das ist immer mehr, als „nur“ einen Krimi zu lesen. Das „literarische Gewissen“ darf sich beruhigend einlassen – das ist mehr als bloße Spannungsliteratur (das ist es im Grunde sogar am wenigsten), sondern immer auch Gesellschaftskritik, Philosophie, Lebenskunst. Meist rutscht der Kriminalfall nach hinten, in diesem, dem zehnten Fall sogar ein bisschen zu sehr: Der Tod eines Kritikers (das löst bei Walser-Lesern zunächst einen Schreckmoment aus) wird beinahe linker Hand aufgelöst, ist im Grunde nur der Rahmen. Hansjörg Schneider lässt seinen brummigen Ermittler diesmal mäandern durch Stadt (Basel), Land (Elsass) und Fluss (eine Runde im Rhein zu schwimmen, gehört da einfach dazu) und führt seine Leser somit in ganz verschiedene Lebenswelten, die von obdachlosen Ex-Kommunisten, streunenden Stadt-Indianerinnen, von Alkoholikerinnen und ätherisch scheinenden Künstlerinnen bewohnt werden. Geschickt verknüpft Schneider Gegenwart und Vergangenheit, zeigt auf, wie die Verstrickungen der Menschen während des Nationalsozialismus auch heute noch im Drei-Länder-Eck nachwirken.

Hunkeler zu lesen, das ist auch eine Übung in Entschleunigung. So unzulänglich einem die Welt da draußen auch erscheint, nach einigen Stunden mit dem philosophierenden Ex-Kommissar kommt man wieder in seine Mitte. Ohm. Ein Fazit, das auch Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau zieht:

„Allemal geht es bei Hansjörg Schneider mehr um Lebensphilosophie in schweizerischer Gelassenheit und leiser Melancholie, als um einen Whodunnit. Die Sache mit dem toten Kritiker ist bald nur ein Nebenbei. Und es stimmt schon, dass Hunkeler auch aufbrausend sein kann. Aber als Leserin kommt man mit ihm zur Ruhe, wird trotzdem nicht im Seichten unterhalten.“

Weitere Besprechungen gibt es bei:

Krimi-Couch
arcimboldis world

Informationen zum Buch:

Hansjörg Schneider
Hunkeler in der Wildnis
Diogenes Verlag, 2020
Hardcover, Leinen, 224 Seiten, € (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70
ISBN: 978-3-257-07097-2


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8 comments on “Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis”

  1. Dort, wo der Roman spielt, wollte ich dieses Jahr eigentlich meinen Sommerurlaub verbringen. Wahrscheinlich muss ich nun erst einmal mit dem Buch vorlieb nehmen. Auch nicht so schlimm…

    1. Lieber Christoph, ja, Urlaubspläne sind heuer schwierig – und die Gegend ist so schön! Aber das ist sie auch nächstes Jahr noch und wenn du dich mit dem Buch (und den weiteren neun Hunkelers) drauf einstimmen kannst, wächst vielleicht die Vorfreude… schönen 1. Mai Dir dennoch!

      1. Ja, mit der Reihe lässt sich sicher problemlos das Jahr überbrücken. 😉

        Dir auch einen schönen restlichen 1. Mai!

  2. Oh, das klingt spannend. Ich hab noch nie was von ihm gelesen, aber Basel mag ich sehr. Du hast recht, dieses Jahr müssen wir schön virtuell/ in der Phantasie reisen. Danke für diese Anregung! (Und Kompliment zum stimmungsvollen Photo!)

    1. Ja, Basel ist eine tolle Stadt – aber mit Hunkeler kam ich da auch an Ecken außerhalb des Münsterplatzes, die man als „Reingeschmeckte“ nicht so kennt – wenn du mit ihm reist, bin ich gespannt, wie du dein Basel wiedererkennst …

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