IM LYRIKRAUM: Alain Lance

Ein wacher Geist, eine kritische Stimme: Alain Lance ist einer der großen französischen Lyriker. Volker Braun besorgte eine gelungene Auswahl seiner Gedichte.

5 comments

LanceJedem Leben ist Honig und Galle bereitet, und
Jeglicher rudert allein seinem Ende entgegen, aber
Die Wasser mögen noch anderen Fahrgästen singen
Die in den Wipfeln die entschlossenen Schwärme sehn
Im steten Verblühen der Jahreszeiten.

Aus „Donau oberhalb von Budapest“, aus dem Französischen übersetzt von Volker Braun.

Alain Lance, „Rückkehr des Echos. Ausgewählte Gedichte.“

Ob nun in den erst 2019 erschienenen „Fantȏmémoires“ oder in dem bereits 1974 herausgekommenen Gedichtband „Les Gens perdus deviennent fragiles“: Da schlägt uns eine Stimme entgegen, die wahlweise zornig, bitter, ironisch und immer auch politisch ist. Und bis ins hohe Alter hinein frisch klingt: Der beinahe 81-jährige Alain Lance beobachtet die Welt mit wachem Blick und hadert mit ihr und dem menschlichen Treiben. „Europa geht aus dem Leim“ konstantiert er beinahe umgangssprachlich in seinem Gedicht „2017“ und schreibt unter dem Titel „Es brennt“ nur einige wenige melancholische Zeilen:

Kaum August schon fällt
Das Blattwerk in Schauern
sollen wir trauern
Um die untergehende Welt?

Man täte diesem Dichter jedoch unrecht, würde man ihn allein auf das Politische reduzieren. Volker Braun, verbindet eine beinahe lebenslange Freundschaft zu dem Franzosen, der sich auch in mannigfaltiger Weise um die deutsch-französischen Kulturbeziehungen (siehe hierzu ein Artikel von Peter von Becker in „Der Tagesspiegel“) verdient gemacht hat. Als Herausgeber hat Volker Braun eine gute Auswahl an Gedichten aus dem Werk seines Freundes getroffen, die dessen Entwicklung aufzeigen. Im Nachwort betont Braun auf ein Zitat von Gérard Noiret hin, der Lance als einzigen politischen französischen Dichter bezeichnet:

„So lese ich ihn nicht, das macht ihn nicht aus, es ist noch immer der robuste, turbulente, anspruchsvolle Geist des Quartier Latin: dieser erstaunlichen irdischen Mischung vom Leben. Nicht nur Résistance, sein Naturell lässt ihn immer wieder Renaissance erleben, wie das Gedicht für Renate wunderbar zeigt.“

Tatsächlich bietet dieser gelungene Auswahlband eine Mischung aus direkter politischer Lyrik ebenso wie Gedichter voller surrealer Bilder und gar dadaistischen Sprachspielereien. Und dazwischen eine Botschaft an den Freund V. B.:

Schreib über Bäume
Es ist kein Verbrechen mehr

Angaben zum Autor:

Alain Lance, geboren 1939 in Bonsecours/Normandie, studierte Germanistik in Paris und Leipzig. Von 1985 bis 1991 leitete er das Institut français in Frankfurt a. M., im Anschluss das Institut français in Saarbrücken und danach bis 2004 das Pariser Literaturhaus Maison des écrivains et de la littérature. In seinem 2009 veröffentlichten Buch Deutschland, ein Leben lang (2012, Matthes & Seitz) beschreibt er anekdotenreich seinen Lebensweg als Vermittler zwischen den Kulturen. Bereits 1977 erschien eine erste Auswahl seiner Gedichte auf Deutsch, schon damals herausgegeben und nachgedichtet von Volker Braun (zusammen mit Paul Wiens). Alain Lance ist neben seiner schriftstellerischen Arbeit auch als Übersetzer tätig, oft gemeinsam mit seiner Frau Renate Lance-Otterbein, u. a. von Volker Braun, Franz Fühmann, Ingo Schulze und Christa Wolf.

Informationen zum Buch:

Alain Lance
Rückkehr des Echos
Herausgegeben von Volker Braun
Mit Nachdichtungen von Volker Braun, Richard Pietraß, Gabriele Wennmer, Simon Werle und Ludwig Harig.
Faber & Faber, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 96 Seiten im Format 13,5 x 20,5 cm, 20.00 EUR [D], 20.60 EUR [A]
ISBN 978-3-86730-171-8
https://www.verlagfaberundfaber.de/


Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

 

5 comments on “IM LYRIKRAUM: Alain Lance”

    1. Die Funktion ist mit einem der letzten Updates leider „verschwunden“. Keine Ahnung wie das passiert ist … tut mir leid. Freue mich aber auch so, wenn ich sehe, dass die Beiträge gelesen werden… Schönen Sonntag, Birgit

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.