KURZ & KNAPP: Von Vagabunden, Dichterkindern und Denkerinnen

Die neue Reihe „Bibliothek der Archive“ wirft einen Blick auf die Vagabundenkultur, die in der Weimarer Republik eine Blütezeit erlebte.

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Bild: (c) Michael Flötotto

Über Literatur zu lesen, das ist wie hinter die Kulissen einer Theaterbühne zu schauen. Da findet man vielleicht längst vergessene Requisiten wieder, man kann die Schauspieler bei privatem Geplauder, bei dramatischen Auftritten hinter der Bühne und alltäglichen Querelen ertappen und über all dem schwebt, alle Fäden in der Hand haltend, eine weise Dramaturgin.

Also, Bühne frei für drei besondere Bücher über Literatur!

„Künstler, Kunden, Vagabunden“:

„Die größten Vagabunden sind die Sterne, ewige Vagabunden. Alle Himmelskörper wandern, vagabundieren durch ihre Sphäre, gebunden nur an ewige Gesetze, die für alle Sterne gelten bis zu ihrem Ende (…) Auch die Vagabunden hier, Menschen, Diesseitssterne, haben eine bestimmte Bahn – oder – sie sind nicht Vagabunden und Kunden.“

Als Rudolf Geist dies 1929 in der Zeitschrift „Der Kunde“ veröffentlichte, brach sich eine Alternativ- bzw. Gegenkultur Bahn, die heute fast vollständig vergessen ist. In den 1920er-Jahren bildete sich, vor allem um den „König der Vagabunden“, der die „Bruderschaft der Vagabunden“ und mit „Der Kunde“ die erste europäische Straßenzeitung gründete, eine Bewegung heran, die mit ihren Texten, Bildern und Veranstaltungen an die Öffentlichkeit trat. Diese Gruppe „radikaler Vagabunden“ wandte sich, so Walter Fähnders in seinem Vorwort, „kompromisslos gegen jedwede Rückkehr in die Gesellschaft“ und stilisierte ihre „vagabundische Existenzweise zur einzig akzeptierten Lebensform“.

Im Gegensatz zu einer fast schon verklärenden literarischen Verarbeitung, in der Vagabund für grenzenlose Freiheit steht, für Unabhängigkeit und Abenteuer, vereinen die Texte und Pamphlete der vagabundischen Bewegung in der Weimarer Republik Sozialkritik, politische Forderungen, die von einer Nähe zum Kommunismus sprechen sowie eine beeindruckende kreative Kraft der Vagabunden selbst.

Der Band „Künstler, Kunden, Vagabunden“ macht diese Fülle eindrucksvoll sichtbar. Die Herausgeber Hanneliese Palm und Christoph Steker konnten dafür auf die Sammlung des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt in Dortmund zurückgreifen. Dort sind die Zeugnisse der Vagabundenbewegung, die 1933 durch den Nationalsozialismus zerschlagen wurden, zu finden. Das mit zahlreichen Dokumenten und Abbildungen versehene Buch zeigt anhand von Originaltexten die Entwicklung der Bewegung auf, geht auf deren literarischen Stellenwert ein und rückt einige bildende Künstler wie Hans Tombrock, Hans Bönninghausen und Gerhart Bettermann in den Mittelpunkt. Aber auch die Beziehungen zu prominenten Freunden der Bewegung wie Else Lasker-Schüler und Hermann Hesse werden sichtbar.

„Künstler, Kunden, Vagabunden“ ist der erste Band in der Reihe „Bibliothek der Archive“ beim C.W. Leske Verlag, mit der außergewöhnliche Archivschätze einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden sollen. Ein spannendes Projekt!

Informationen zum Buch:

Künstler, Kunden, Vagabunden
Herausgegeben von Hanneliese Palm und Christoph Steker
Mit einem Beitrag von Walter Fähnders
Bibliothek der Archive, Band 1:
Fritz-Hüser-Institut für Literatur
und Kultur der Arbeitswelt, Dortmund
240 Seiten, Klappenbroschur, zahlreiche farbige Abbildungen, 18,5 × 24 cm
(D) € 28,00, (A) € 28,80, sFr 40,00 (UVP)
ISBN 978-3-946595-08-3


„Dichterinnen & Denkerinnen“

„Frauen, die trotzdem geschrieben haben“ ist der bei Reclam erschienene und wunderschön gestaltete Band untertitelt, in dem die kluge Bloggerkollegin Katharina Herrmann von Kulturgeschwätz eine ganze Reihe besonderer Frauen portraitiert. Initiativen wie #frauenzählen weisen darauf hin: Nach wie vor ist es um die Sichtbarkeit von Autorinnen in der gegenwärtigen Literaturszene nicht allzu gut bestellt. So hieß es zu der 2018 vorgestellten Studie:

„Autoren und Kritiker dominieren den literarischen Rezensionsbetrieb: Zwei Drittel aller Besprechungen würdigen die Werke von Autoren, Männer schreiben überwiegend über Männer und ihnen steht ein deutlich größerer Raum für Kritiken zur Verfügung, so drei Hauptergebnisse der Pilotstudie „Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ des Buchbranchenprojekts #frauenzählen in Kooperation mit dem Institut für Medienforschung an der Universität Rostock.“

 Wie war die Situation da erst für die Frauen in den vergangenen Jahrhunderten? Beispielsweise für Luise Adelgunde Victorie Gottsched (1713 – 1762), die mit ihrem Mann das Theater modernisierte? Oder für Sophie von La Roche, der „Erfinderin des Frauenromans“? Sind diese beiden Schriftstellerinnen zumindest noch Leserinnen und Lesern der klassischen Literatur bekannt, so sind andere Frauen, die Katharina Herrmann vorstellt, inzwischen in Vergessenheit geraten. So wie Carolina Auguste Fischer (1746 – 1842), „die mit den meisten Regeln brechen sollte, die für Frauen ihrer Zeit galten“. Sie ließ sich zweimal scheiden, lebte in „wilder Ehe“, erstritt sich das Sorgerecht für ihren Sohn, lebte zum Teil vom Schreiben und starb verarmt: Sie hinterließ gerade einmal sechs Taler.

„Autorinnen mussten unter grundlegend anderen Bedingungen schreiben als Autoren“, macht Katharina Herrmann in ihrem Vorwort deutlich. „Sie hatten in der Regel weniger Zugang zu Bildung (…) Ihr Raum war in der Regel das Private. Von der Familie und von den Ehemännern hing es maßgeblich ab, ob sie schreiben durften oder nicht. So bedeutet von Autorinnen zu erzählen auch immer, von ihren Familien und Ehen zu erzählen.“

Beides gelingt Katharina Herrmann ausgezeichnet: In lebendigen und informativen Portraits werden die Dichterinnen und Denkerinnen greifbar, längere Zitate aus ihren Werken unterstreichen deren Leistungen. Das Buch spannt einen Bogen von der Klassik bis zur Moderne mit Autorinnen wie Vicki Baum, Marieluise Fleißer und Anna Seghers. Der Band ist zudem wunderbar illustriert von Tanja Kischel, die die Dichterinnen und Denkerinnen schön in Szene setzt.

Informationen zum Buch:

Katharina Herrmann
Dichterinnen & Denkerinnen
Frauen, die trotzdem geschrieben haben
Illustriert von Tanja Kischel
Gebunden, Format 12,5 x 20,5 cm, 237 S., 20 €
ISBN 978-3-15-011243-4


„Dichterkinder“

Sie zählten im Grunde zur „lost generation“: Die Dichterkinder, in deren Mittelpunkt das Beinahe-Zwillingspaar Erika und Klaus Mann stand. Das Tun und Treiben des Freundeskreises, der sich um die beiden ältesten Kinder von Thomas Mann sammelte, gäbe auch heute noch genügend Futter für die Klatschpresse. Klaus Mann, der seine Homosexualität offen lebte, während Erika Mann Pamela Wedekind liebte, die sich wiederum aber mit Klaus verlobte, um dann doch den wesentlich älteren Carl Sternheim zu heiraten. Dieser jeder, der unter anderem auch seiner Stieftochter Mopsa nachstellte, war bereits geprägt von seiner psychischen Zerrüttung. Erika ehelichte derweil Gustaf Gründgens, der Klaus Mann zur Folie für seine berühmteste Figur, den in „Mephisto“ dargestellten Hendrik Höfgen, wurde. Zum „inner circle“ zählte später dann auch die begabte Journalistin und Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach.

All die jungen Leute hatten vieles gemeinsam: Sie waren ungeheuer kreativ, begabt und talentiert. Aber ebenso haltlos und orientierungslos, Kinder ihrer Zeit: Geprägt von den fast rauschhaft freien Jahren der Weimarer Republik und dann mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in das Exil gedrängt, immer auf der Flucht, zum Teil vor dem Regime, zu einem großen Teil auch für sich selbst.

Der Autor Armin Strohmeyr vermeidet einen voyeuristischen Blick auf diese prominenten Vertreter der „roaring twenties“, sondern erzählt mit sympathischer Zurückhaltung, sachlich, umfassend informiert und mit viel Hintergrundwissen von den Schicksalen der Dichterkinder. Dies alles mit einer engen Anbindung an deren literarisches und kreatives Werk sowie mit Bezug auf die politischen Entwicklungen. In mehreren Kapiteln werden auch die berühmten Eltern – die Manns, Frank Wedekind und seine Frau Tilly, die als Schauspielerin brillierte, Thea Sternheim, die schwerreiche Fabrikantentochter, die zu ihrem Unglück dem Dramatiker verfiel – portraitiert. So wird das Buch auch zu einem umfassenden Gesellschaftsbild jener Jahre, empfehlenswert für alle, die an dieser aufregenden Epoche interessiert sind.

Informationen zum Buch:

Armin Strohmeyr
Dichterkinder
Piper Verlag
384 Seiten, Broschur, 12,00 [D], € 12,40 [A]
EAN 978-3-492-31534-0


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4 comments on “KURZ & KNAPP: Von Vagabunden, Dichterkindern und Denkerinnen”

  1. Das Vagaäbundenthema hat mich schon immer interessiert. Es klang aus den Erzählungen meine Großeltern durch, dass es „vor dem Krieg“ umherziehende Männer ganz normal waren. Mal als Kesselflicker oder Scherenschleifer einem einem als unseriös geltenden Gewerbe nachgehend, manchmal einfach Lebenskünstler oder Bettler. Danke für den Tipp.

    1. Wobei man da jedoch differenzieren muss, wie auch der Begleittext zum Buch deutlich macht: Es gab eben deutlich mehr Obdachlose wie heute (und wer weiß, wie sich unsere Welt dahingehend noch wandelt), die aus sozialen Gründen auf die Straße getrieben wurden. Übrigens auch Frauen. Die Lebenskünstler waren da vermutlich in der Minderzahl. Dass diese sich jedoch tatsächlich auch zu einer Art kreativen Szene zusammenschlossen – es gab einen Kongress, Ausstellungen, etc. – finde ich schon enorm, welche Kraftanstrengung das bedeutet hat, auch im Kampf gegen die Behörden, wird aus den Originaltexten deutlich.

  2. „Dichterkinder“ klingt spannend für mich. Es ist doch immer wieder interessant, sich vorzustellen, wer gleichzeitig auf der Welt war und wie viele Verbindungen und Verstrickungen es da manchmal gab. Und irgendwie scheinen manche Jahre besonders begünstigt gewesen zu sein, kommt es mir vor: Raffael/Leonardo/Michelangelo. Felix und Fanny Mendelssohn/Robert und Clara Schumann. Der Blaue Reiter. Virginia Woolf/Lytton Strachey/E.M.Forster und so viele andere in diesem Zirkel. Überhaupt, die Zwanziger Jahre, die ja auch bei Dir anklingen. Als hätte es da besondere Energie-Konstellationen gegeben, oder?

    1. Liebe Martina, das dachte ich mir auch schon, dass es manchmal so Epochen gibt, in denen einfach viele begabte Geister zu einander finden. Beispielsweise wie sich Dadaismus und Surrealismus in mehreren Ländern auch unabhängig von einander entwickelten – aber das lag vielleicht einfach auch daran, dass die Zeit solche Kulturen brauchte…

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