IM LYRIKRAUM: Marcus Hammerschmitt

Sprachlich sind diese Gedichte wunderbar kraftvoll, das sind Metaphern, die erst einmal einschlagen mit einer eigenartigen Wucht.

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HammerschmittPsalm

Ich gehe unter Blüten,
denn so ist es sicher.

Fällt mich dort ein Raubtier an,
ein Heiliger mit seinem Glück,
die Zähne werden stumpf,
das irre Lächeln schwindet,
der Blütenschnee macht sie ermatten.

Auch Borke, Rinde, Federvieh.
Alles was sich weiß und rosa
in die Lüfte windet. So sänftigt
die Natur das Gift des hohen Säugetiers.

Es duftet. Es ist weich.
Federn, Blüte, Haargesichte.
Wir hätten was zu essen
und fühlten uns geliebt.
Das gute Ende der Geschichte.

Marcus Hammerschmitt, „Psalm“ aus „Der Brief des Nachtportiers“.

Vielleicht sind dies die passenden Gedichte für Tage wie diese, in denen Sicherheiten schwinden und es keine Eindeutigkeiten mehr gibt. Alles wirkt „klassisch halb“, wie Marcus Hammerschmitt eines seiner Kapitel nennt. „Manchmal ist alles beseelt“, doch diese Momente sind selten. Meistens ist nichts, wie es scheint, und jedes Ding hat seine zwei Seiten:

„Ich trag ihn rum und zeig ihn vor,
den köstlich verrotteten Jahrgang.“

Die Zyklen in diesem Gedichtband führen in die Ferne, in das mauretanische Zouerate unter anderem, und führen zurück in die Heimat, die „Verschränkung“ ist. Dazwischen Fein- und Grobalchemie und „Sexy Science“. Eine große thematische Bandbreite, die unter dem Mikroskop jedoch wiederkehrende Themen offenbart – wie der Mensch sich Natur aneignet, wie er versucht, eine ungezähmte Materie zu bändigen, die sich ihm aber immer wieder aufs Neue entzieht. So heißt es in dem Gedicht „Der Mond ist auf“:

„Die Nacht erzwingt den Wald.
Der Wald erzwingt die Gedanken.
Scherenschnitte erzwungen.“

Sprachlich sind diese Gedichte einfach kraftvoll, das sind Metaphern, die erst einmal einschlagen mit einer eigenartigen Wucht und dann Gedankenströme freisetzen. „Der Brief des Nachtportiers“ erzwingt keine Scherenschnitte, sondern Lesenächte, in denen man die Zeilen gedanklich wiederkäut, enträtselt, weiterschreibt. Wunderbar!

Der Autor, Schriftsteller, Journalist und Fotograf, gibt Selbstauskunft auf seiner Homepage: http://marcus-hammerschmitt.de/

„Der Brief des Nachtportiers“ ist sein erster Lyrikband, veröffentlicht bei der „Edition Monhardt“, wo 2016 auch sein Erzählband „Waschaktive Substanzen“ erschien.

Informationen zum Buch:
Marcus Hammerschmitt
Der Brief des Nachtportiers
Edition Monhardt, 2019
Gedichte, 84 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen, 21,00 Euro
ISBN 978-3-9817789-6-0

Trailer zum Gedichtband: https://www.youtube.com/watch?v=7PjtSmmsy0E


 

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3 comments on “IM LYRIKRAUM: Marcus Hammerschmitt”

    1. Lieber Bernd,

      freut mich, wenn dir der Psalm gefällt – ich fand, in seiner Doppelbödigkeit passt er sehr gut zu diesem Frühling…

      Bleib gesund! Birgit

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