Jasmin Schreiber: Marianengraben

Ein warmherziger Roman, der mit viel liebevollem Humor ein trauriges Thema auffängt: Wie gehen wir mit dem Verlust eines geliebten Menschen um?

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Bild von Peter Kraayvanger auf Pixabay

„Was mich dem Leben immer ein bisschen misstrauisch gegenüberstehen lässt: Die Unvorhersehbarkeit, also eigentlich das, was den meisten Menschen so gut gefällt. Sie finden es spannend – ich finde es nur beunruhigend, denn unvorhersehbar ist nicht nur der Überraschungsbesuch der besten Freundin, die wir seit Jahren nicht gesehen haben, unvorhersehbar sind auch all die Enden, die auf uns warten. Das Ende der Freundschaft, der Liebe, des Lebens des kleinen Bruders – dein Ende. Beile, die in die Angelschnüre fallen, die uns alle miteinander verbinden. Beile, die auch unsere Angelschnur zerrissen haben, deine und meine.“

Jasmin Schreiber, Marianengraben.

Nein, für das Unvorhersehbare ist die Biologiestudentin Paula ganz offensichtlich nicht gemacht – eine Nachdenkliche, eine Grüblerin, eine Einzelgängerin. Und doch trifft sie das Schlimmste, was einen treffen kann: Der Verlust eines Menschen, den man liebt, der einem am nächsten ist. In Paulas Fall ist das Tim, ihr zehnjähriger Bruder, beim Urlaub mit den Eltern im Meer ertrunken, mitten aus dem Leben gerissen. Auch Paula ertrinkt: In einem Meer an Selbstvorwürfen, Trauer und Depression.

Und dennoch, so widersprüchlich es scheint, ist dieser Roman einer, der einen auch schmunzeln lässt, lauthals lachen, der einem das Gefühl beinahe greifbar vermittelt, dass das Leben eben nicht nur unvorhersehbar ist, sondern dass neben der Trauer auch Freude und Hoffnung ihren Platz haben. Ein herzerwärmendes Buch, ein leichtes Buch trotz seines schweren Themas. Ein Roman, der durch Melancholie und liebevollen Humor besticht, der von Lebensfreude spricht und von der menschlichen Kraft des Weitermachens.

Auch wenn einer der skurrilen Protagonisten, ein Huhn namens Lutz, einen grausamen Tod stirbt: „Marianengraben“ ist ein Buch der Hoffnung. Das liegt zum einem an der leicht fließenden Sprache von Jasmin Schreiber, die einen durch den Roman trägt. Sie hat das Talent, lebendige Dialoge voller Sprachwitz zu gestalten, ohne dass dies zu platt oder umgangssprachlich klingt. Und zugleich beweist sie mit ihrem Debütroman ihr Geschick für außergewöhnliche Geschichten.

Jasmin Schreiber bringt Paula mit Helmut zusammen: Ein wahrhaft ungleiches Paar. Die junge, übergewichtige Studentin, mitten in einer tiefen Depression, und der wortkarge, mürrische Rentner, der buchstäblich seine letzten Atemzüge vor sich hat. Und doch verbindet sie ein gemeinsames Schicksal: Beide trauern sie um ihre liebsten Menschen.

Der Zufall führt sie nachts auf einem Friedhof – eine von jenen leicht skurrilen Szenen, an denen dieser Roman nicht arm ist – zusammen. Aus der grabräuberischen Begegnung wird eine Fahrgemeinschaft: Mit einem altersschwachen Wohnmobil machen sie sich von Frankfurt auf zu einer Reise in die Berge, wo Helmut die Asche seiner ehemaligen Frau in deren Heimatort bringen will. Ganz langsam die beiden sich dabei näher, werden Freunde über Alters- und Erfahrungsgrenzen hinweg:

„Meinen Freunden oder Eltern konnte ich sowas nicht erzählen, alle machten sich permanent Sorgen um mich und beobachteten mich wie ein Pantoffeltierchen unter dem Mikroskop, bereit, bei den kleinsten Anzeichen abnormen Verhaltens – was auch immer sie damit genau meinten – sehr, sehr besorgt zu sein und mir das auch genauso zu sagen. Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“

Wie der an Lungenkrebs leidende Helmut, der selbst nicht gerade ein Sonnenschein ist, Paula verbal aus ihrem schwarzen Loch reißt, wie sie durch ihn lernt, mit Abschieden und Enden (denn Paula erlebt auch das Ende von Helmut) umzugehen, das ist so leicht erzählt, dass das Traurige nicht zu schwer wird.

Und auch wenn Paula an einer Stelle des Buches sagt:

„Wäre Sehnsucht eine olympische Disziplin, ich hätte uns längst Gold geholt“,

so ist man sich, einmal am Ziel dieses außergewöhnlichen literarischen Roadmovies angekommen, sicher, dass die Protagonistin nun auch für weitere Disziplinen gerüstet ist.

Zur Autorin:

Jasmin Schreiber, geboren 1988, ist studierte Biologin und arbeitet als Kommunikationsexpertin und Autorin. 2018 gewann sie den Digital Female Leader Award und wurde als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet. Sie arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin und Sternenkindfotografin. Unter @LaVieVagabonde kann man ihr bei Twitter folgen.

Zum Buch:

Jasmin Schreiber
Marianengraben
Eichborn Verlag 2020
Gebunden mit Schutzumschlag, 254 Seiten, 20,00 €
ISBN: 978-3-8479-0042-9


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5 comments on “Jasmin Schreiber: Marianengraben”

    1. Ja, das besprechen derzeit sehr viele. Der Deutschlandfunk berichtet über dieses Phänomen: https://www.deutschlandfunk.de/debuetroman-von-jasmin-schreiber-tod-und-twitter.700.de.html?dram:article_id=470818 Normalerweise stelle ich ein Buch, das schon bei vielen anderen Bloggern zum Erscheinungstermin besprochen wurde, nicht mehr vor. Was hätte ich da denn noch hinzuzufügen? Aber bei diesen fand ich das Thema und den Stil doch so bemerkenswert, dass ich was schreiben wollte. Auch, weil sich die Autorin zu recht gegen die Etikettierung „Jugendbuch“ wehrt. Das als Jugendbuch zu beschreiben, engt die Zielgruppe ein – es ist ein Generationenbuch. Liebe Grüße Birgit

  1. Das Buch erschien am 30.3. als Hörbuch und ich freue mich schon, es zu hören, liebe Birgit.
    Es gibt solche Paarungen, wo man von außen denkt, das kann doch nicht gut gehen. Dann aber sind es gerade die Unterschiedlichkeiten, die diese Paarung so spannend machen. Es ist dann die Frage, wie lange diese Unterschiedlichkeiten spannend genug sind, die Freundschaft aufrecht zu halten.
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag!
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Ich bin gespannt, wie es dir gefällt – ich kann mir das als Hörbuch oder gar als Film gut vorstellen. Wünsche dir jedenfalls viel Freude beim Hören!

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