„Middle England“: Nostalgie im Gartencenter

„Adieu to old England, adieu“: Mit feiner Ironie entfaltet Jonathan Coe ein Panorama der britischen Gesellschaft, die sich in Leavers und Remainers spaltet.

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Bild von Johannes Plenio auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Am Abend vor dem endgültigen Austritt Großbritanniens aus der EU rief mich mein italienischer Freund Paolo an, der als Professor an einer mittelgroßen englischen Universität in einer mittelgroßen englischen Stadt unterrichtet. Paolo verkündete mir, er werde nun ins Pub gehen und sich betrinken, um das Ereignis gebührend zu betrauern. Die Stimmung an der Uni sei schlecht, ein feiner Riss ziehe sich schon seit längerem durchs akademische Milieu: Die Briten hier, die Ausländer dort. Che brutto, hässlich sei das. Naja, dachte ich, schon klar, dass ein Italiener und glühender Europäer das in der Fremde so empfinden muss. Wir lamentierten ein bisschen über die Borniertheit der Brexit-Befürworter und diese Niederlage für Europa, dann machte sich Paolo auf ins Pub und ich dachte erst wieder an seinen Kummer, als ich den im Februar auf Deutsch erschienenen jüngsten Roman von Jonathan Coe aufschlug, Middle England. Das fast 500 Seiten starke Opus ist ein literarisches Psychogramm der Nation, in dem der Autor beschreibt, wie der Brexit das Land spaltet, und zwar bis in Familien- und Liebesbeziehungen hinein. Liest man Coe, dann hatte mein Freund Paolo mit seinen Schilderungen nicht übertrieben.

Fans von Jonathan Coe sind die Protagonisten aus Middle England nicht unbekannt, denn sie stammen aus den beiden Vorgängerromanen The Rotter’s Club und The Closed Circle. Aus Benjamin, dem jungen Mann von einst, ist ein zu Beginn des Romans noch erfolgloser Schriftsteller geworden, der in einer idyllisch gelegenen alten Mühle am Fluss Weltflucht betreibt, Musik hört und an seinem Lebenswerk arbeitet, einem viel zu langen, quasi unpublizierbaren Werk über die Liebe seines Lebens. Veröffentlicht wird es schließlich von seinem alten Freund Philip, der einen kleinen, eher unbedeutenden Verlag betreibt. Die Männer verbindet, dass sie dieselbe elitäre Privatschule in Birmingham besucht haben – und es ist von einer herausragenden, feinsinnigen Komik, wie Coe die beiden dieses unaufdringliche, aber doch vorhandene Elitebewusstsein an einem sehr britischen Ort pflegen lässt: dem Gartencenter Woodlands, das, so wird betont, sogar ein eigenes Hinweisschild an der Autobahn hat. Coe beschreibt es über Seiten hinweg als “ein mächtiges Imperium, dessen Untertanen stundenlang durch verschiedene Bezirke und Provinzen wandern konnten“, also als eine Art British Empire im Miniaturformat, in dem eine dezente Nostalgie gepflegt wird.

Der Dritte im Bund der Schulfreunde ist Doug, ein linksliberaler Journalist, der inzwischen aber dank der Heirat mit einer reichen Erbin im eleganten Londoner Stadtteil Chelsea lebt. Dort ist dieser Roman über die englische Seele nun eben nicht angesiedelt, sondern in den Midlands, in der Gegend also, in der früher Kohle abgebaut wurde und in der heute noch die englische Industrie – oder das, was von ihr übrig blieb – ansässig ist. Es ist ein Landstrich, auf den Coes Londoner Figuren ein wenig naserümpfend herabblicken – zu kalt, zu grau, zu provinziell. Und hier tut er sich schon auf, der Riss, denn während Benjamins Nichte Sophie, eine junge, ehrgeizige Kunsthistorikerin, es genießt, in London auf der Straße lauter verschiedene Sprachen zu hören, ist ihre unleidliche Schwiegermutter Helena im rauhen Norden überzeugt, dass Ausländer die Wurzel allen Übels sind – was sie nicht hindert, eine litauische Haushaltshilfe zu beschäftigen. Sophies schwuler Arbeitskollege Sohan aus Sri Lanka jammert, weil er seines frisch angetrauten Ehemanns wegen von London nach Birmingham umziehen muss – Benjamins Vater Colin steht indes krank und fassungslos vor den Trümmern dessen, was einmal sein Leben und seine Heimat war, vor einem stillgelegten Automobilwerk.

So entfaltet Coe ein Panorama der britischen Gesellschaft, die sich in Leavers und Remainers spaltet; am nächsten dran ist man als Leser wohl an Sophie, die im Universitätsmilieu aufsteigen will und aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen den Fahrlehrer Ian heiratet. Meisterhaft beschreibt Coe, wie die unterschiedlichen politischen Einstellungen der beiden ihre Beziehung schleichend vergiften: Ian verbittert, weil ihm eine Kollegin mit Migrationshintergrund bei der Beförderung vorgezogen wird, und leidet daran, sich von Sophie nicht bestärkt zu fühlen. Die wiederum kommt ins Straucheln, als ihr eine Studentin vorwirft, eine Kommilitonin diffamiert zu haben, die kurz vor einer Geschlechtsumwandlung steht – und das ihr, die sich doch mehr als alle anderen um political correctness bemüht!

Was die Protagonisten da im Kleinen verhandeln, das sind Themen, die keinesfalls typisch britisch sind. Wir kennen sie in Deutschland ebenso: Diese Verunsicherung der Mittelschicht, eine mehr oder weniger latente Fremdenfeindlichkeit, den zunehmenden Populismus und das Ringen um politische Korrektheit, das in Absurdität münden kann. Wie Coe diese Themen in Szene setzt, das ist allerdings sehr britisch, sehr scharfsinnig, sehr humorvoll: Wenn sich etwa Sophie und Ian die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London im Fernsehen ansehen, und sie, die an Sport eigentlich desinteressierte Intellektuelle, von der feinsinnigen Selbstdarstellung der Nation fasziniert ist, während ihm das Spektakel zunehmend auf die Nerven geht – dann weiß der Leser bereits, dass diese Ehe eine schwierige werden wird.

Witz und Melancholie durchziehen den Roman gleichermaßen, doch Coe macht keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er steht. Am Ende, als klar ist, dass es zum Brexit kommen wird, lassen sich Benjamin und seine Schwester Lois, die nach Jahrzehnten noch traumatisiert ist von den Bombenanschlägen in Birmingham, in Frankreich nieder und eröffnen ein Bed and Breakfast in einer umgebauten Mühle. Emigranten sind sie, Heimatvertriebene im Geiste, auch wenn sie versuchen, sich auf dem Kontinent ihr kleines Paralleluniversum zu schaffen. Fast möchte man weinen, wenn Benjamin dort in nächtlicher Nostalgie einen Song der englischen Folksängerin Shirley Collins hört: „Adieu to old England, adieu…“

Es bleibt nur noch, sich zu betrinken.

Von Veronika Eckl


Informationen zum Buch:

Jonathan Coe
Middle England
Aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs
Folio Verlag Wien und Bozen
Hardcover, 480 Seiten, 25,00 Euro
ISBN 978-3-85256-801-0

 

 

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