IM LYRIKRAUM: Kadhem Khanjar

Ungeschönt und direkt erzählen die Gedichte von Kadhem Khanjar von der alltäglichen Gewalt im Irak.

3 comments

KhanjarSie veröffentlichten ein Foto seiner Leiche auf Facebook.
Der Leiche meines kleinen Bruders.
Und nachdem wir ihn nirgends finden konnten,
druckten wir das Foto aus, wuschen es, wickelten es in ein Tuch und begruben es
auf dem Familienfriedhof.

Kadhem Khanjar, Auszug aus dem Gedicht „Leichen“.

Sie wirken in unseren Augen vielleicht beinahe surreal, aber sind doch so realitätsnah, die Gedichte von Kadhem Khanjar. Sie zeigen uns, wie weit weg wir in unserer gut situierten Welt von den Geschehnissen im Nahen Osten sind, wie wenig wir davon ahnen, was dort tatsächlich vor sich geht.

Die Gewalt, der Tod, sie sind allgegenwärtig in diesen Langgedichten, die der irakische Lyriker und Performer in seinen beiden Gedichtbänden „Picknick mit Sprengstoffgürtel“ und „Wir kämpfen zum Vergnügen“ veröffentlicht hat.

Wenn du der einzige Lebende bist unter Leichen,
dann bist du wie eine Leiche
unter Lebenden.

So ist das Gedicht „Sektarianistisches Tagebuch“ das genaue Gegenteil unserer Schöpfungsgeschichte von einem Gott, der an sieben Tagen die Welt schuf. In den sieben Tagen, die Khanjar schildert, ist alles auf Zerstörung angelegt, wird gezeigt, wie Sunniten und Schiiten versuchen, einen Fluss aus Blut zu bilden.

Diese Gedichte sind in der Schilderung der fast schon alltäglich zu nennenden Brutalitäten in dieser Region kaum auszuhalten – daher ist dem Band auch diese Anmerkung vorangestellt:

„Die Bilder expliziter Gewalt, von denen Khanjars Texte durchzogen sind, entsprechen einem breiten Trend in aktueller arabischer Literatur, ein Widerschein der teilweise dystopischen Realitäten der Region.“

Aber sie zeigen eben: Realität. In einem Portrait über den 1990 geborenen Dichter im „Deutschlandfunk Kultur“ ist eine Begründung für seinen direkten Stil zu finden:

Vor drei Jahren gründete Khanjar mit befreundeten Autoren in Babel die Kultur-Miliz. Sie lasen ihre Texte auf Friedhöfen, in Krankenwagen und Leichensäcken oder mit orangener Gefangenenkleidung in einem Käfig des so genannten Islamischen Staats und filmten sich dabei für’s Internet.

„Wir hatten es satt, über den Blick aus dem Fenster zu schreiben oder über Wolken. Wir müssen auf das Blut der jungen Leute hinweisen, die jeden Tag zu Dutzenden oder Hunderten auf der Straße sterben und deren Leichen unauffindbar sind.“

Das Buch „Dieses Land gehört euch“ vereint die beiden oben genannten Gedichtbände von von Kadhem Khanjar und ist die erste Veröffentlichung in deutscher Sprache. Die Übersetzung leistete Sandra Hetzl.

Informationen zum Buch:
Kadhem Khanjar
Dieses Land gehört euch
Mikrotext 2019
E-Book und Taschenbuch

3 comments on “IM LYRIKRAUM: Kadhem Khanjar”

  1. Es ist entsetzlich.
    Offenbar müssen auch 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz solche Gedichte verfasst, publiziert und gelesen werden. Dem menschlichen und schriftlichen Ausdruck, wo auch meine eigene Sprache verstummt, ist zu danken.
    Ja, in Großbuchstaben, wie es die Vor-Kommentatorin tut.

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