IM LYRIKRAUM: Walle Sayer

In „Mitbringsel“ beweist Walle Sayer einmal mehr sein feines Auge für das Alltägliche.

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Sayer

Unspektakulär kommen sie daher, unaufgeregt und irgendwie auch „schwäbisch“-bedächtig, die „Mitbringsel“ von Walle Sayer. „Mitbringsel“, das sind kleine Betrachtungen über das Leben auf dem Lande, zu einer Kindheit und Jugendjahren in einem überschaubaren Raum, das sind Miniaturen von Land und Leuten – mal universell, mal ganz exakt verortet wie der Anblick einer Frauengruppe im Heimatmuseum oder des Platzwartes auf dem Fußballplatz. Das alles ist konkret und doch übertragbar: Augenblicke, die im alltäglichen, im normalen Leben stattfinden, hier und anderswo. Mich spricht diese Ruhe an, diese Genauigkeit des Beobachtens, die Liebe zum Detail. Und natürlich ist es für mich herkunftsbedingt besonders schön, in einigen Zeilen Dialektwörter vorzufinden, „Bäbbigsüßes“ und „schleckig“ beispielsweise.

Das ist poetisch, ruhig und manches Mal voll hintersinnigem Witz:

Kleine Aufrechnung (Auszug)

Seine Schnäpschen, ihre Schnäppchen.
Ihr Beleidigttun, seine Ehrenkäsigkeit.
Seine Kegelbrüder, ihre Betschwestern.
Ihr umsomehrer, sein nichtsdestotrotz.

Der Beschäftigungstherapeut verordnet Nichtstun (Auszug)

Also wiegt man
Schneeflocken ab,
schöpft Wasser mit dem Sieb,
entrümpelt eine ausgeräumte Wohnung (…)

Aus: Walle Sayer, „Mitbringsel“.

Als „Mitbringsel“ bezeichnete auch die Jury zum Gerlinger Lyrikpreis Sayers Gedichte:

„unscheinbare Dinge, unspektakuläre Ereignisse und gemeinhin Übersehenes bringt er uns vor Augen, zeichnet alltägliche Details mit knappen, präzisen Strichen. Wenige Zeilen genügen dem Meister der kleinen Form für seine lyrischen Feinarbeiten, die etwa ein Kerngehäuse sezieren und in eine Streichholzschachtel passen.“

Jurymitglied und Lyrikkenner Michael Braun charakterisiert den Dichter und sein Werk treffend in einem Beitrag für den SWR (dort sind auch weitere Gedichte aus „Mitbringsel“ zu lesen):

„Mit ganz wenigen Strichen kann er ein ganzes Weltgebäude skizzieren. Und dabei bewahrt er sich die zentrale Eigenschaft, die für das Schreiben von Gedichten unerlässlich ist: die Fähigkeit zum Staunen, jenen innigen Blick auf die Dinge, der unser Alltagsuniversum so ausleuchtet, als sähe man all diese Gegenstände zum ersten Mal.“

Informationen zum Autor: Walle Sayer bei Literaturport

Informationen zum Buch:
Walle Sayer
Mitbringsel
Verlag Klöpfer, Narr / 2019
Gebunden, Lesebändchen, 121 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-7496-1011-2


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