Künftig immer wieder sonntags: Der Lyrikraum

Lyrik lesen kann Spaß machen, kann den Kopf durcheinanderwirbeln, kann einen aus dem Alltag reißen. Das soll künftig hier der Lyrikraum unter Beweis stellen.

28 comments

LyrikraumLyrik, so heißt es, führt ein Nischendasein.

Lyrik zu veröffentlichen, bedeutet ein verlegerisches Risiko.

Lyrik ist in den Buchhandlungen oft nur auf dem schmalen Regal abseits der Klassiker zu finden.

Lyrik: Gerne lauscht man an einem Vortragsabend den Dichtern, aber man liest sie nicht.

Immer wieder wird in den Medien und in Diskussionen der Untergang der Lyrik beschworen – seit Schillers Sonaten und Goethes Versen sei die große Zeit der Poesie vorbei.

Dabei ist Lyrik allgegenwärtig. Bonduelle, das famose Zartgemüse aus der Dose – nur ein Beispiel, wie das rhythmische Spiel mit Sprache ganz ungewollt zum Ohrwurm wird. Michael Braun schreibt in seinem Essay „Wozu Lyrik heute?“:

„Nun, zunächst ist die Lyrik allgegenwärtig. Unauffällig in Werbesprüchen versteckt, harmlos zugegen in Abzählversen und Kinderreimen, gruppenbildend in Rap-Texten, staatstragend in Nationalhymnen, nobelpreiswürdig in Dylan-Songs. Keine reine Sache für Experten also, kein Grund, mit Klassizität einzuschüchtern. Vielmehr soll es um den Spaß an der Sache gehen. Und das kann man sich sogar auf heiter-lehrreiche Weise vormachen lassen. Enzensberger hat es getan, schelmischerweise wie bei seinem „Lyrik nervt“-Buch unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr: in dem Buch „Das Wasserzeichen der Poesie“. Hier erfährt man viel über die Tricks der Dichter aus der Rhetorikkiste, über Reim und Rhythmus, über Sprachbilder und -figuren. Und über die Freiheit der Poesie. So heißt es programmatisch:

„Die einzig richtige Art, Gedichte zu lesen, gibt es nicht. Sie ist nur ein pädagogisches Phantom. Soviele Köpfe, soviele Lesarten, eine richtiger als die andere.“

Lyrik lesen kann Spaß machen, stellt uns vor Rätsel, kann den Kopf durcheinanderwirbeln, kann einen aus dem Alltag reißen – dazu noch einmal Michael Braun:

„Lyrik ist also Nervensache: sie geht an die neuralgischen Punkte dessen, was den Menschen zum Menschen macht: an seine Begabung mit Sprache, an seinen Sinn für das Schöne und an das Bewusstsein für Vergänglichkeit. Lyrik hält die Zeit an, sie ist ein „Augenblick von Freiheit“ (Hilde Domin).“

Weil es jedoch nicht die einzig richtige Art gibt, Gedichte zu lesen, weil die Interpretation eines Gedichtes, das, was ein Text in einem auslöst, oftmals noch viel intimer, privater, persönlicher ist, als die Verarbeitung einer Erzählung oder eines Romans, gerade deshalb fällt es vielleicht auch so schwer, über Lyrik zu schreiben. Mir jedenfalls.

Dabei böte die Lyrik gerade hier eine große Chance, wie der Philosoph, Kulturjournalist und Übersetzer Florian Bissig meint:

„Die Lektüre von Lyrik ist zugleich ein Übungsfeld und ein Ort der Ermächtigung, auf dem der Umgang mit Vieldeutigkeit, Mehrschichtigkeit und Perspektivität erlernt und geprobt werden kann. Wer ein dichterisches Kunstwerk in der Uneindeutigkeit seines Sinns und in der Flüchtigkeit seiner Wahrheitsansprüche ernst nimmt und zu verstehen versucht, wird lernen, dass es nicht die eine richtige Auslegung gibt – sondern verschiedene Auslegungen, die durch je andere Kontexte, Argumente und Herangehensweisen gestützt werden.“ 

Ein Gedicht ist ein Gedicht ist ein Gedicht – welches Gedicht es jedoch ist und zu welchem Gedicht es für einen selber wird, liegt jeweils im Auge des Betrachters.

Der zeitgenössischen Lyrik möchte ich einen Raum geben – als Übungsfeld und Ort der Diskussion, der Interpretation oder auch einfach als Ort des Genießens. Im „Lyrikraum“ werden künftig Gedichtbände oder auch einmal einzelne Gedichte zeitgenössischer Autorinnen und Autoren vorgestellt, ohne große Interpretation oder viele Erläuterungen. Zwar fehlt es mir, die ich den Blog in meiner Freizeit betreibe, an dem zeitlichen Freiraum, die Fülle an Gedichtbänden, die mir auffallen, intensiv zu besprechen, auch zweifle ich da öfter an meiner Kompetenz – aber dennoch soll Lyrik hier auf „Sätze&Schätze“ soll ihren Raum  haben und sei es eben „nur“ durch Kurzpräsentationen. Für den Lyrikraum sind die Sonntage reserviert – Tage, an denen jedem etwas Muse bleibt, um ein Gedicht zu lesen…

Ich freue mich auf eine Vielfalt der Texte, Formen, Sprachbilder. Aber vor allem freue ich mich auch auf die Gedanken und Impulse, die der „Lyrikraum“ bei den Lesern von „Sätze&Schätze“ auslöst.


Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

28 comments on “Künftig immer wieder sonntags: Der Lyrikraum”

  1. Das ist eine sehr schöne Idee, speziell auf Lyrik aufmerksam zu machen. Wir (der LiteraturPlanet) haben das Wagnis vor 11 Jahren auf uns genommen, Lyrik zu verlegen. Die Resonanz war gering. Nun veröffentlichen wir einzelne Gedichte aus dem Lyrikband von ilona Lay im Netz und tatsächlich wächst dadurch das poetische Interesse. Gerne lade ich zu einem kleinen posetischen Spaziergang ein: https://literaturplanetonline.com/category/gedichte/

  2. liebe birgit, das finde ich (wie du dir sicher denken kannst!) eine ganz famose idee von dir. bin sehr gespannt auf den lyrikraum! mitlesen werde ich immer, zum (über kurze anmerkungen hinaus gehenden) kommentieren fehlt mir so oft leider die zeit. der analoge alltag mit beruf, familie, ehrenamtlichem engagement, kleinem schreibleben undsoweiter hetzt mich hübsch hurtig durch die wochen, du kennst das sicher … aber meine freude über de eröffnung eines lyrikraumes auf deinem blog, die wollte ich dir einfach gleich mitteilen!
    herzliche grüße: pega

    1. Liebe Pega, das freut mich wiederum. Und Hauptsache ist doch, du liest vielleicht mit, dass nicht immer die Zeit zum kommentieren ist, das verstehe ich sehr gut. Herzliche Grüße Birgit

  3. Schöne Idee. Hin und wieder stoße ich auch auf Gedichte, auf die ich gern auf meinem Blog aufmerksam machen würde, aber dann lasse ich es doch, weil ich mir immer unsicher bin bezüglich der Urheberrechte. Freue mich auf deinen Lyrikraum. LG Anna

    1. Liebe Anna, ja, da gelten die Urheberrechte ebenso wie bei allen anderen künstlerischen Werken – also auch Gedichte sind erst ab dem 70. Todestag der jeweiligen Künstler gemeinfrei, zeitgenössisches kann man zitieren, wenn es in eine Interpretation oder Erläuterungen eingebettet ist. Dann aber auch nur sehr kurz. Und ebenso ist es bei Übersetzungen von Gedichten – selbst wenn der ursprüngliche „Hersteller“ aus einem anderen Jahrhundert stammt, also gemeinfrei ist, muss man dann die Rechte des Übersetzers/Nachdichters beachten. Viele Grüße Birgit

  4. „Gedichte

    Leben,
    in Bernstein geborgen,
    begraben.

    Narben,
    berührbar,
    unverletzlich.

    Aufgezeichnete
    Zeit im Werden.
    Kreide oder Achat.“

    Christine Busta, 1915-1987, hier 1975, aus:
    Der neue Conrady, Das große deutsche Gedichtbuch

    Danke, Birgit,
    und für Deine Initiative gute Wünsche
    herzlich Bernd

    1. Lieber Bernd,
      da hast du ein sehr schönes Gedicht für den Kommentar ausgesucht, eines, das zeigt, was Lyrik vermag: In wenigen Zeilen ein Leben erfassen. Danke Dir! Birgit

  5. Liebe Birgit,

    ich finde es immer wieder faszinierend, wie inspirierend für mich als Zeichnerin Lyrik wirkt. Drei Wörter zusammengebracht, lösen eine Bilderflut in meinem Kopf aus.

    Obwohl es beim Buch Landtiere genau umgekehrt war. Meine Collagen existierten schon als Gerd Knappe seine Lyrik für Kinder zum Thema Landtiere schrieb. Er schaute sich meine Collagen erst im nachhinein an und ich bin immer wieder erstaunt, wie die Lyrik für Kinder (und Eltern), die weit über Abzählreime hinaus geht, zu meinen Collagen passt.

    Ich bin neugierig, mit welcher Lyrik du morgen beginnst,
    liebe Grüße zum Wochenende von Susanne

    1. Liebe Susanne, das ist ja mit das Schönste, wenn sich Künste bzw. Künstler gegenseitig inspirieren. Vielleicht findest du ja auch ab und an im Lyrikraum Anregungen für dich, das würde mich freuen. Liebe Grüße nach Berlin, Birgit

  6. “ Lyrik hält die Zeit an, sie ist ein Augenblick der Freiheit“ dieses Zitat von Hilde Domain sagt eigentlich alles. Ich habe vor etwa 2 Jahren bei der “ Hafenlesung“ in HH Anja Golob gehört….eine slowenische Dichterin. Da wusste ich wieder, beim HÖREN geht es los…….alles. Eine unglaubliche Performance hat sie gehabt und einige Texte bei denen ich weinen musste…….so schön waren sie.
    Tolle Idee mit deinem Lyrik Sonntagszimmer hier. Fein. Liebe Grüße

    1. Ja, das Zitat von Hilde Domin bringt es mit wenigen Worten schön zum Ausduck. Danke für den Hinweis zu Anja Golob, da forsche ich mal nach. Einen schönen lyrischen Abend noch!

      1. (ohja, anja golob kann i mir gut im lyrikraum vorstellen. sie schreibt unter schwierigen bedingungen, ein sehr kraftvoller und „unverzagbarer“ mensch ist sie. bin ihr im rahmen einer lesung in münchen begegnet und auch beim fokus lyrik im märz … nur als kleine anmerkung ..)

      2. Liebe Pega, liebe Stefanie, auf eure Empfehlung höre ich gerne. Ich werde mal schauen, ob ich über den Hochroth Verlag etwas von ihr bekomme. Liebe Grüße Birgit

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.