Ilsa Barea-Kulcsar: Telefónica

Mit „Telefónica“ wird endlich ein Zeugnis weiblicher Literatur aus dem Spanischen Bürgerkrieg in Buchform zugänglich. Eine späte Wiederentdeckung.

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Bild von Stefan Kuhn auf Pixabay

„Anita zog langsam den Mantel an, langsam, weil sie nicht zittern wollte und ihre kalten Hände ungeschickt waren, und schob die Aktentasche fest unter die Achsel. Sie löschte die kleine, blauverhüllte Tischlampe und schob den schwarzen Vorhang vom Fenster. Die Straße brannte: Brandbomben. Von hier oben aus sah sie, daß es nur Laufflammen waren, sie sagte sich, daß das Straßenpflaster nicht brennen könnte, aber sie schüttelte das lähmende Schreckgefühl nicht ab. Es war wie der Kindertraum vom Feuer, das näher und näher kommt, während man sich nicht rühren kann.“

Ilsa Barea-Kulcsar, „Telefónica“.

Heute ist das Edificio Telefónica eines von mehreren Prachtgebäuden an der Gran Vía in Madrid. Bei seiner Errichtung in den 1920er-Jahren war es als erstes Hochhaus in Europa ein Symbol der kapitalistischen Macht: Sitz der Telefongesellschaft, die jedoch komplett in amerikanischer Hand war. Knapp 20 Jahre später errang die „Telefónica“ eine neue Bedeutung – im von Kämpfen umtobten Madrid wurde es zur Kommunikationszentrale für die Verteidiger der Republik, zum Sitz der ausländischen Kriegsberichterstatter, zum Hort für Flüchtlinge und Kriegsopfer.

Die Telefónica überstand den Spanischen Bürgerkrieg, ebenso wie jene Frau, aus deren Feder dieser außergewöhnliche Roman stammt: Ilsa Barea-Kulcsar (1902 – 1973) war selbst als Journalistin im Spanischen Bürgerkrieg in der Zensurbehörde im Einsatz. So spannend und eindrücklich wie ihr einziger Roman, der 1949 in Fortsetzungen in der „Arbeiter-Zeitung“ erschien und nun erstmals vom Verlag „edition atelier“ als Buch herausgegeben wird, so spannend war auch das Leben dieser beeindruckenden Frau.

Ilse Wilhelmine Elfriede Pollak Kulcsar de Barea, so ihr voller Name, engagierte sich schon in ihrer Jugend in sozialdemokratischen und sozialistischen Vereinigungen, mit ihrem ersten Ehemann Leopold Kulcsar trat sie dann in die Kommunistische Partei ein. Bei einem Auftrag, den sie für die Sowjets ausführte, wurde sie in Ungarn verhaftet – nachdem die Kommunisten ihr jedoch weder finanziellen noch juristischen Beistand lieferten, kehrte sie 1926 zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zurück. Wegen ihrer klaren Haltung gegen Dollfuß und den Austrofaschismus musste das Paar ins Exil fliehen: In der Tschechoslowakei trennen sich dann auch die Wege von Leopold und Ilse, die 1936 nach Spanien geht, um dort am Kampf gegen die Faschisten, die versuchen, die junge Republik zu stürzen, teilzunehmen. Die österreichische Journalistin wird Leiterin der Pressezensurstelle – ihre Aufgabe ist es, die Artikel der Journalisten zu prüfen und damit zu verhindern, dass die Falange entscheidende Erkenntnisse über den Zustand der republikanischen Mächte erlangt. In der Zensurbehörde lernt sie einen für sie wichtigen Menschen kennen: Den spanischen Schriftsteller Arturo Barea, der später ihr zweiter Mann wird und mit dem sie nach der Niederlage der spanischen Republik über Frankreich schließlich nach England emigriert. Erst nach Arturos Tod kehrt Ilsa Barea-Kulcsar nach Österreich zurück, wo sie sich erneut für die Sozialdemokraten engagiert.

Der Lebenslauf der Autorin, Journalistin und Übersetzerin wird im Nachwort des Germanisten Georg Pichler, der an der Universidad de Alcalá in Madrid lehrt und ein ausgewiesener Kenner der literarischen Verarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs ist, ausführlich geschildert – das ist notwendig, denn Leben und Roman gehen bei „Telefónica“ ineinander über, sind nicht zu trennen. In ihrer fiktiven Verarbeitung ihrer Monate in der Zentrale des Widerstands erzählt Barea-Kulcsar von all den politischen und persönlichen Verwicklungen, von denen diese Monate geprägt waren.

Denn unter den Verteidigern der Republik toben eigene Machtkämpfe: Kommunisten und Anarchisten beäugen sich misstrauisch, den militärischen Vertretern im Kampf gegen die Falange wird allgemein der Willen zum Verrat unterstellt. In diese Atmosphäre kommt die Deutsche Anita, die aufgrund ihrer Haltung zur Zensur – sie möchte die Journalisten dazu bewegen, eindrücklicher über die Nöte der Zivilbevölkerung, die unter dem Dauerbombardement auf Madrid leidet, zu berichten und die bequeme Haltung der Neutralität zu verlassen – bald ebenfalls auf Argwohn stößt. Die Arbeiter in der Telefónica diskutieren über sie:

„Ich weiß nicht, was der Pressechef für ein Mann ist. Er ist Ministerialbeamter. Diener des Sklavenstaates, das ist genug (…) Ich bin ein grober Kerl, nicht so gebildet wie du, ich spreche nichts als Spanisch, aber ich spreche die Sprache der revolutionären Massen. Ich kann keine Reden halten und bin nichts als ein einfacher Arbeiter, aber was du mir vorgelesen hast, verstehe ich: wenn die Frau keine Spionin ist, so ist sie eine Saboteurin der Revolution.“

Das käme einem Todesurteil gleich, wäre da nicht der militärische Kommandant in der Telefonzentrale Spaniens, der seine schützende Hand über die Journalistin hält. Zwischen den beiden entspinnt sich, trotz ihrer Unterschiede, eine zarte Liebesgeschichte – auch daran zeigt sich, wie sehr Ilsa Barea-Kulcsar eigenes Erleben in diesen Roman einfließen ließ. Ob auch die Frauen des Kommandanten – Ehefrau und Geliebte – der Realität entstammen, weiß ich nicht. Doch hier zeigt sich das große Manko des Romans: Obwohl von einer Frau geschrieben, wirken viele der Frauengestalten in diesem Buch schablonenhaft, gefangen in ihren konventionellen Rollenbildern – die hüftschwingende Geliebte, die keifende, selbstsüchtige Ehefrau. Zwar treten dem auch Frauengestalten entgegen, die mit aller Leidenschaft und unter vielen Opfern für Freiheit, Gleichheit und die Republik eintreten – doch die weibliche Konkurrenz um den Mann im Mittelpunkt ist arg klischeehaft beschrieben.

Abgesehen davon ist „Telefónica“ ein Roman, der, nachdem man sich etwas über den Spanischen Bürgerkrieg eingelesen hat, eine eigene Dynamik entfaltet: Die ganze Dramatik –hier die untereinander verstrittenen Parteien im republikanischen Lager, dort die faschistischen Angreifer, gestärkt durch Deutschland und Italien – entfaltet sich wie in einem Kammerspiel in den Stockwerken des Madrilener Hochhauses. Letzteres ist die eigentliche Hauptfigur des Romans: Man fühlt beim Lesen fast die klaustrophobische Enge in den verdunkelten Treppengängen, die ständige Gefahr, von Bomben getroffen zu werden, die Angst der Frauen und Kinder, die in den Kellern untergebracht sind.

Weit weniger melodramatisch als Hemingways (der übrigens auch wie Gustav Regler und John Dos Passos aus der Telefónica berichtete) „Wem die Stunde schlägt“ ist Ilsa Barea-Kulcsars Roman ein beeindruckendes Zeugnis über den Spanischen Bürgerkrieg. Dass es nun erst so spät als Buch veröffentlicht wird, mag an mehreren Faktoren liegen. Einen davon deutet Georg Pichler in seinem Nachwort an:

„Ilse Wilhelmine Elfriede Pollak Kulcsar de Barea – eine Aneinanderreihung von Nachnamen, die das Leben der Autorin treffend widerspiegeln. Und die auch als Beleg dafür stehen kann, dass Ilsa Barea-Kulcsar – wie viele andere Schriftstellerinnen und Intellektuelle ihrer Zeit – meist im Schatten der Namen ihrer zwei Ehemänner stand, obwohl sie ihnen an Intelligenz und Talent zumindest ebenbürtig war.“

Mehr Informationen zum Buch:
Ilsa Barea-Kulcsar
„Telefónica“
Edition Atelier 2019
Gebunden, Halbleinen, Lesebändchen, 354 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-99065-017-2


 

 

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5 comments on “Ilsa Barea-Kulcsar: Telefónica”

    1. Lieber Uwe, das freut mich, wenn ich Dich auf ein Buch für dein Leseprojekt aufmerksam machen konnte. Im Nachwort wird auch die Biografie von Arturo Barea erwähnt, auf Facebook hat Irene Garmilla mich nochmals darauf aufmerksam gemacht. Das wäre vielleicht auch nich etwas für Dich. Herzliche Grüße, Birgit

  1. Liebe Birgit,
    Deine neuerliche Lektion, Lesung biografischer Zeitgeschichte gelingt Dir wieder sehr eindrucksvoll. Aus den Erinnerungen lernen und gegenwärtig in eine etwas bessere Zukunft leben!
    In meiner folgenden Buchbesprechung wird das Spanien jener Zeit hintergründig wieder auftauchen.
    Herzliche Grüße
    Bernd

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