Susanne Neuffer: Im Schuppen ein Mann

Susanne Neuffer ist eine Schriftstellerin, die messerscharf menschliche Befindlichkeiten analysiert und sich zugleich eine kindliche Verspieltheit bewahrt hat.

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Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Die Ehrenamtlichen spalten sich gerade auf in eine Fraktion, die wie Elfie anspruchsvolle experimentelle Kleinkunst und Vernissagen favorisiert, und in ein kleines Grüppchen, das gerne mehr Diavorträge, Bastelausstellungen und Tanztees im Programm hätte. Vielleicht auch noch etwas Gymnastik am Morgen. Ich sehe das Problem nicht, aber ich sehe ohnehin nicht gerne, wenn Gegensätze sich zuspitzen. Mit den Jahren fange ich an, etwas für dialektisches Denken zu halten (und zu verteidigen), was vielleicht ein gewisser Hang zum Kompromiss ist. Zum Beispiel zwischen Tanztee und experimentellen Musiktheater.“

Aus der Erzählung „Bankett für alle oder: Ach wir Armen“. Susanne Neuffer, „Im Schuppen ein Mann“, Erzählungen.

Es kommt zu keinem Kompromiss zwischen diesen beiden Freundinnen, die schon längst keine Freundinnen mehr sind, als sie gemeinsam den lang geplanten Urlaubstrip verbringen. Mit sanfter Widerborstigkeit setzt sich die Ich-Erzählerin durch, die sich insgeheim ärgert, dass sie, „wenn es um Elfi geht, immer in den Kategorien von Kampf und Macht und Gewinnen und Verlieren denke.“

Um diese „ärgerlichen“ Kategorien, die dennoch viele unserer zwischenmenschlichen Beziehungen zumindest unterschwellig prägen, kreisen die Erzählungen der vielfach ausgezeichneten und aber noch nicht angemessen bekannt genugen Hamburger Schriftstellerin. Es mag daran liegen, dass es nicht um „die ganz großen“ Konflikte in diesen Geschichten geht, sondern eher um Menschliches und Allzumenschliches: Der Familienvater, der für eine Weihnachtsfeier eingeladen ist bei seiner ehemaligen Frau und deren neuen Lebensgefährtin und sich vorkommt wie ein Fremdkörper. Der ambitionierte Autor, der an einem Schreibwettbewerb seiner Geburtsstadt, in der ihn keiner mehr kennt, teilnimmt und mit einer Plastiktüte voller Werbematerial abgespeist wird. Die Familienmitglieder, die den Haushalt der verstorbenen Mutter auflösen.

Und doch nehmen diese Geschichten alle eine unerwartete Wendung oder sind von einem Ton geprägt, der das Alltägliche zu etwas Besonderem macht. In einem Portrait in der „taz“ ist über das Schreiben von Susanne Neuffer dies zu lesen:

„Jemand aus der Hamburger Literaturszene hat mir mal gesagt, ich sei zu harmlos und meine Geschichten seien zu harmlos, also würde das nichts mit mir werden“, sagt Susanne Neuffer und lächelt auf eine Weise verlegen, die ahnen lässt, dass sie für ein solches Urteil nur leisen Spott übrig hat und dass es ihr dennoch ein wenig Sorge bereitet. Was, wenn ihre erzählten Welten wirklich risikolos zu betreten wären?

Papperlapapp! Denn ihre Geschichten sind alles andere als harmlos. Sie sind im Gegenteil von einer untergründigen Sprengkraft; sie sind poetisch raffiniert ausgefeilt und zugleich sozusagen bitterkomisch und es ist ein kleines bis großes Rätsel, dass Neuffer als Autorin so wenig bekannt ist.

Untergründige Sprengkraft oder eben auch sanfte Widerborstigkeit, wie ich es nenne: Ich stelle mir Susanne Neuffer vor wie das „Kind A.“ aus einer ihrer Erzählungen.

„Und doch könnte ich auf die kleine A. verweisen, diese autarke Kind, das einen Teil des Tages auf jener Veranstaltung an meiner Seite war. Ein Kind in einem rot-lila Blumen- und Punkte-Kleid, mit in die Höhe wachsenden Kringellocken, die auf dem kleinen Kopf standen wie rätselhafte Waffen einer neuen Spezies: Dieses Kind ließ seine Eltern einfach sitzen und gesellte sich zu uns, das heißt zu mir und den Kindern, die gerne absurde Spiele spielen wollten und mich daran hinderten, mit den anderen Erwachsenen höflich desinteressierte Gespräche zu führen.“

Der Hang zu absurden, widerständigen Spielen, die Lust an humorvoller Anarchie: Dies dringt auch durch die Miniaturromane, die Susanne Neuffers Erzählungen eigentlich sind. Auf wenige Seiten komprimiert, werden ganze Familien-, Freundschafts- und Beziehungsgeschichten und vor allem Lebensgeschichten entfaltet, im Ungesagten und oftmals in einer überraschenden Wendung liegt dabei die Kraft. So lässt einen schon die titelgebende Story „Im Schuppen ein Mann“ perplex zurück. Erzählt wird von einem, der, aus welchen Gründen auch immer, aus den sozialen Auffangnetzen gefallen ist. Mit seinem letzten Anzug kann er die bürgerliche Fassade noch aufrechterhalten, als Obdach dient in ein Schuppen im Garten einer ihm fremden Frau. Seine Anwesenheit bleibt ihr nicht verborgen, kleine Zeichen deuten darauf hin, eine Art Annäherung beginnt. Doch bevor man es sich als Leserin mit einem kuschelig-kitschigen Sozialmärchen-Happyend bequem machen kann, zieht einem Susanne Neuffer einen Strich durch die Rechnung: Der Schuppen muss weg, beschließt die Hausbesitzerin, eine kleine weiße Gartenbank an dieser Stelle wäre schön. Ein offenes Ende, das nachwirkt – denn was wird mit dem Mann im Schuppen?

Doch damit muss man bei Susanne Neuffer rechnen: Manchmal skurril bis surreal, manchmal poetisch und manchmal geprägt von absolut trockenen Humor sind ihre Erzählungen alles andere als harmlos, sondern immer überraschend.

Sie scheint mir ebenso zu sein wie eine meiner liebsten Figuren in diesem Erzählband, wie das Kind A., eine, die sich durch „ernstes Mitspielenwollen“ und zugleich „distanzlose Entferntheit von allem“ auszeichnet. Eine Schriftstellerin, die messerscharf menschliche Befindlichkeiten analysiert und sich dabei zugleich eine kindliche Verspieltheit bewahrt hat:

„Natürlich ist es zu spät, um zu den anderen Erwachsenen hinzugehen und zu sagen: Ich spiele jetzt mit. Aber es ist nicht zu spät sich vor der nächsten Veranstaltung Kringellocken machen zu lassen, steil nach oben ragende, entschlossene Kringellocken.“

Mehr Informationen zum Buch:
Susanne Neuffer
„Im Schuppen ein Mann“
Maro Verlag
2019
Broschur, 224 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-87512-489-7

Homepage der Autorin:
https://susanne-neuffer.de/


Bild zum Download: Titelbild


 

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