Sibylle Knauss: Eine unsterbliche Frau

Die Sibylle von Cumae ist eine unsterbliche Frau. Und nach diesem Roman auch eine Romanfigur, die man so schnell nicht vergisst.

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Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Ich wüsste gerne, wie es sich anfühlt zu lieben, dachte sie. Einmal in all den Leben, die immer wieder durch mich hindurchziehen, möchte ich das erfahren. Sie wusste viel über die Liebe und was sie den Menschen antut, die von ihr befallen sind. Ein Orakel erfährt alles, aber nicht dasjenige, was nur erfahren, indem es erlitten wird. Sie hatte Menschen gesehen, die krank an Liebe waren, und solche, die in einem Maße davon beseligt schienen, dass es ihr ein Rätsel blieb. Die Liebe machte sie ratlos. Das war peinlich in ihrem Beruf. Die Liebenden bestürmten sie mit ihren Fragen, die Liebende haben: Liebt er mich? Werde ich glücklich sein? Ist die Geliebte mir treu? Wie kann ich den Geliebten zurückgewinnen, der mir untreu ist? Und sie erteilte ihren Rat, blieb gewohnheitsmäßig im Vagen und Zweideutigen, und wusste um das Verfehlte und Angemaßte daran. Denn die Liebenden ließen sich nicht raten. Sie blieben unbeirrbar in ihrem Verlorensein an einen anderen Menschen. Sie begehrten nicht Rat, sie begehrten Erlösung.“

Sibylle Knauss, „Eine unsterbliche Frau“.

Erlösung, das ist das, worauf die unsterbliche Frau selbst nicht hoffen kann. Verdammt zu einem Leben, dessen Jahre so unzählig und unzählbar sind wie der Sand am Meer. Eine Begegnung am Strand zur falschen Zeit, ein unbedacht geäußerter Wunsch und schon ist man zur Unsterblichkeit verdammt. Ovid erzählte die Geschichte der Sibylle von Cumae in seinen Metamorphosen, die Schriftstellerin Sibylle Knauss spinnt die Erzählung um ihre Namensvetterin weiter. In ihrem Roman erliegt die Sibylle der „verdammten gottlosen Göttlichkeit“ des Schönlings Apollo, sein Geschenk für eine Nacht: Er macht sie unsterblich.

Und so durchwandern wir mit der Seherin die Jahrhunderte und Jahrtausende. Sie erkämpft sich einen Platz als Orakel, ihr Ruhm dringt bis Rom. Dort feilscht sie mit Lucius Tarquinius Superbus um die „Sibyllinischen Bücher“ und lernt einen Mann kennen, der dem apollonischen Liebeskünsten fast nahekommt. Das Glück ist von kurzer Dauer, zu gewalttätig sind die Zeiten, die die Seherin im Laufe ihres allzulangen Lebens durchschreitet. Einer ist immer dabei, einen, den kann, auch wenn sie das möchte, sie nicht vergessen, buchstäblich „in tausend Jahren nicht“. Bis in unsere Gegenwart und etwas darüber hinaus in eine düstere Zukunft, in der alle zivilisatorischen Strukturen zusammengebrochen sind, rückt ihr Apollo immer wieder auf den Pelz: Zwar alter die Sibylle regelmäßig, doch dann, wenn sie greis und zerbrechlich ist und den Tod herbeisehnt, verpasst ihr der grausame Gott eine Frischzellenkur.

Wir Leser profitieren von dieser Unsterblichkeit: Gelingt es doch der anderen Sibylle, der Schriftstellerin, dadurch uns einen Spiegel vorzuhalten. Wie wenig die Menschen sich bessern, wie wenig wir uns im Grunde von den alten Griechen und den kriegslüsternen Römern unterscheidet, wie viele Generationen sterben müssen, ohne dass der Mensch im humanitären Sinn Fortschritte macht, dies könnte ein Fazit der Sibylle von Cumae an ihrem Lebensende sein, träfe es denn endlich ein.

„Und als der Krieg nach dreißig Jahren vorbei war, ganze Landstriche verwüstet, Dörfer menschenleer, Städte niedergebrannt, blieb ihr nach all dem Entsetzlichen: zu begreifen, dass niemand klug aus der Geschichte wird, der nicht weiß, dass man selbst ein Teil davon ist, mithandelnd, mitleidend, mitverwoben ins Ganze.“

Das alles ist jedoch nicht von einem melancholisch-bitteren Unterton geprägt, sondern von einer sehr feinen Ironie in einer wunderbaren und unterhaltsamen Sprache. Immer wieder streut Sibylle Knauss in den Erzählfluss amüsante Bemerkungen ein, blitzen ihr trockener Humor und eine gewisse Scharfzüngigkeit durch.

Die Sibylle von Cumae: Eine unsterbliche Frau. Und nach diesem Roman auch eine unvergessliche Frau, eine ungewöhnliche Gestalt der Literatur.

Mehr Informationen zum Buch:
Sibylle Knauss
„Eine unsterbliche Frau“
Klöpfer.Narr 2019
Gebunden, 268 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-7496-1003-7

Mehr zum Buch auf der Homepage der Autorin: https://www.sibylle-knauss.de


Bild zum Download: Skulptur


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6 comments on “Sibylle Knauss: Eine unsterbliche Frau”

  1. Hui, dass trifft sich ja mal wieder. Danke für deine kleine Rezension. ich bin ein großer Fan von Sybille Knaus. Habe “ Gott der letzten Tage “ und “ Liebesgedächtnis“ gelesen und fand beide Bücher hervorragend. Und ihr neuestes Werk, leider nicht so schön in der Aufmachung wie die vorherigen, finde ich, habe ich schon für den Buchladen bestellt. Klöpfer & Meyer Verlag ist ja jetzt in anderen Händen. Mal sehen welches Profil Klöpfer&Narr jetzt bekommt. Liebe Grüße aus dem Norden

    1. Liebe Stefanie, das war mein erstes Buch von ihr, wird aber nicht mein letztes gewesen sein. Ich finde ihren Stil klasse. Ja, die neue Gestaltung der Bücher bei Klöpfer.Narr ist gewöhnungsbedürftig (aber der Verzicht auf den Schutzumschlag ja vielleicht auch ökologisch sinnvoll?). Inhaltlich aber scheint mir das Programm, so weit ich es überblick, nach wie vor was ganz Besonderes. Liebe Grüße zurück aus dem kalten Süden.

    1. Wie gesagt, für mich ist sie eine Neuentdeckung. Ich werde jetzt mal auch ältere Bücher von ihr besorgen, ihr Stil ist einfach klasse.

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