Gianrico Carofiglio im Gespräch: „Der Plot ist für mich fast nur ein Vorwand, um über Menschen zu schreiben.“

Ein kleiner, stiller Roman des berühmten Krimiautoren Gianrico Carofiglio: Eine Vater-Sohn-Beziehung, die sich während zweier schlafloser Tage völlig wandelt.

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Gianrico Carofiglio_© Francesco Carofiglio
Gianrico Carofiglio: Bild: © Francesco Carofiglio

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Der italienische Autor Gianrico Carofiglio über seinen soeben auf Deutsch erschienenen Roman Drei Uhr morgens.

Er ist einer der berühmtesten italienischen Krimiautoren, war Anti-Mafia-Staatsanwalt, Berater des italienischen Parlaments und Senator – Gianrico Carofiglio aus Bari weiß, wovon er spricht, wenn er seinen Avvocato Guerrieri oder seinen Maresciallo Fenoglio in seiner Heimatstadt ermitteln lässt. Dass Carofiglio auch außerhalb des mörderischen Milieus ein Meister der psychologischen Beobachtung ist, ist bei seinen Lesern diesseits des Brenners weniger bekannt. Nun hat der in Wien und Bozen ansässige Folio Verlag einen kleinen, stillen Roman Carofiglios auf Deutsch herausgebracht: Drei Uhr morgens erzählt von einer Vater-Sohn-Beziehung, die sich völlig wandelt, als die beiden Protagonisten 48 schlaflose Stunden miteinander verbringen müssen. Veronika Eckl traf Gianrico Carofiglio vor der Präsentation der Neuerscheinung im Münchner Literaturhaus. Der Autor trank während des Gesprächs nur Wasser, war aber vor allem eins: hellwach.

Signor Carofiglio, wir sind es gewohnt, dass Ihre Bücher uns ab der ersten Seite nach Apulien versetzen – in die Bars und Gerichtssäle von Bari, in graue Carabinieri-Kasernen, ans Meer. Warum spielt Drei Uhr morgens im französischen Marseille?

Carofiglio: Drei Uhr morgens ist der einzige meiner Romane, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Schriftstellern passiert es oft, dass sie zum Beispiel auf einem Fest angesprochen werden: Ach, Sie sind Schriftsteller? Ich habe da etwas erlebt, darüber müssten Sie schreiben! Normalerweise taugen diese Anekdoten nicht für einen Roman, aber diese Erzählung eines Freundes hat mich sofort elektrisiert. Er berichtete mir, dass er als Jugendlicher Epileptiker war und von dem berühmten französischen Neurologen Henri Gastaut in Marseille behandelt wurde, in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Koryphäe auf dem Gebiet der Epilepsie. Für eine abschließende Untersuchung musste er sich einer Art Reizüberflutung aussetzen und durfte zwei Tage und Nächte nicht schlafen – was heute kein Arzt mehr so anordnen würde. Vater und Sohn waren also 48 schlaflose Stunden, der Sohn gepuscht von Wachmacher-Pillen, in Marseille unterwegs. Mir war sofort klar, dass die unterschwellige Energie, die in dieser besonderen Situation steckt, perfekt für einen Roman ist.

Marseille und Bari sind einander ja gar nicht so unähnlich….

Carofiglio: Nein, beide sind mediterrane Hafenstädte. Aber Marseille ist etwas ganz Besonderes. Ich habe 2010 einen Monat als Schreibstipendiat dort verbracht und war fasziniert. Man glaubt in manchen Straßenzügen in Nordafrika zu sein, sieht Hässliches, Verwahrlosung, spürt Gefahr, die in der Luft liegt – und fährt dann morgens mit dem Boot hinaus in die Calanques, durch ein türkisblaues Meer, und alles ist voller Schönheit und Licht. Dieser Kontrast zwischen Licht und Schatten macht Marseille zum idealen Ort für die Geschichte von Antonio und seinem Vater.

Der Titel des Romans spielt mit einem Zitat des amerikanischen Autors F. Scott Fitzgerald: „In der dunklen Nacht der Seele ist es immer drei Uhr morgens.“ Der fast 18 Jahre alte Antonio und sein Vater wirken beide sehr einsam. Warum?

Carofiglio: Die Dunkelheit in uns, mit der wir uns auseinandersetzen müssen und die viele meiden, ist eine Grundsituation der menschlichen Existenz. Im Roman verkehre ich das Ganze jedoch ins Gegenteil: Es kommt Licht ins Dunkel, der ernste, korrekte, etwas unnahbare Vater und sein Sohn, der in so jungen Jahren bereits durch eine Krankheit verunsichert wurde, lernen einander kennen. Der Sohn, der bis dahin der Meinung war, der Vater habe ihn und die Mutter verlassen, entdeckt, dass die Geschichte der Eltern sich anders zutrug, als er glaubte. In Marseille entfliehen die beiden ihrer Einsamkeit für zwei Tage.

Vater und Sohn flanieren durch die Stadt, um sich wach zu halten. Dabei entdecken sie die Talente des jeweils anderen und lernen, stolz aufeinander zu sein…

Carofiglio: Ja, der Vater entdeckt, dass der Sohn dasselbe mathematische Talent hat wie er selbst…

… und der Sohn ist zum ersten Mal richtig stolz auf seinen Vater, als der bei einer Jam-Session in einem Marseiller Club auf dem Klavier improvisiert. Warum ist Jazz so wichtig in dieser Geschichte?

Carofiglio: Das Wesen des Jazz ist es, dass er unvollendete Musik ist. Die Unvollendetheit, das Unperfekte interessieren mich. Ich habe beim Schreiben aber auch an meinen Vater gedacht. Er hat als alter Mann nach und nach sein Gedächtnis verloren, aber was er noch konnte, war Jazz spielen.

Man hat als Leser den Eindruck, dass sie für diesen Roman sehr viel recherchiert haben. Über Jazz, über Epilepsie, über die Figur des Arztes, den es ja wirklich gab und der auch so hieß…

Carofiglio: Ja, das habe ich tatsächlich. Der Roman handelt von Krankheit und Heilung, das kann man nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln. Ehrliches Schreiben, das den Leser ernst nimmt, ist gut informiertes Schreiben. Als ich in Italien mit dem Buch auf Lesereise war, kam es zu bewegenden Szenen. Eine junge Frau, die Epileptikerin ist, sagte mir, sie habe dank des Romans ihrer Mutter verständlich machen können, wie sie sich fühle. Eine andere erhob sich von ihrem Platz und erklärte, sie sage jetzt zum ersten Mal in der Öffentlichkeit, dass sie Epileptikerin sei – viele empfinden Epilepsie als Stigma. Ich werde jetzt sogar zu ärztlichen Fachkongressen eingeladen, weil ich die Krankheit angeblich so realistisch dargestellt habe.

Trotzdem ist es kein Buch über Krankheit.

Carofiglio: Es ist, um es mit diesem schönen deutschen Wort zu sagen, ein Bildungsroman. Antonio macht eine Entwicklung durch. Er lernt, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ohne diese zwei schlaflosen Nächte hätten Vater und Sohn einander wahrscheinlich nie richtig kennengelernt. Viele Menschen leben ja nebeneinander her, ohne sich zu kennen.

Aus der Finsternis ans Licht – im Grunde ist das doch gar nicht so weit weg von Ihren Kriminalromanen mit ihren einsamen Ermittlern, oder?

Carofiglio: Nein, denn als Schriftsteller versucht man, Ordnung ins Chaos der Welt zu bringen. Mich interessiert die Entwicklung, die Menschen durchmachen, auch im Krimi. Der Plot ist für mich fast nur ein Vorwand, um über Menschen zu schreiben.

Antonios Entwicklung geht am Ende recht schnell vonstatten. Als Vater und Sohn am Meer zwei Französinnen kennenlernen, glaubt man als Leser, der Vater werde sich jetzt in ein erotisches Abenteuer stürzen. Dann aber ist es Antonio, der bei einem Fest in einer Villa seine sexuelle Initiation erfährt. Zuvor hat sein Vater ihm noch erzählt, dass er selbst als Jugendlicher seine Unschuld bei einer Prostituierten verloren hat. Ist das nicht ein wenig dick aufgetragen? Wer erzählt seinem Sohn denn so etwas?

Carofiglio: Finden Sie? Hm, das ist natürlich schon auch der Ausnahmesituation geschuldet, in der beide sich befinden.

Kann man eigentlich wirklich 48 Stunden lang nicht schlafen?

Carofiglio: Ja, ich habe das einmal durchgezogen, als ich noch Staatsanwalt war und wir mit Hochdruck an einem Mordfall arbeiteten. Danach hat sich um mich herum alles gedreht, aber wir haben den Mörder gefasst.

Haben Sie irgendwelche Pillen eingeworfen?

Carofiglio: Nein, aber ich habe sehr viel Espresso getrunken.

Veronika Eckl


Informationen zum Buch:

Gianrico Carofiglio
„Drei Uhr morgens“
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Folio Verlag, Bozen und Wien
Gebunden mit Schutzumschlag, 186 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-85256-769-3

 

6 comments on “Gianrico Carofiglio im Gespräch: „Der Plot ist für mich fast nur ein Vorwand, um über Menschen zu schreiben.“”

  1. Klasse Buch, habs gern gelesen. Carofiglio ist ein vielseitiger Mensch mit feinem Gespür. Auch sein Statement im schmalen Band: “ Kraft der Worte“ , ein Gespräch, ist ein sehr passender Beitrag zum Thema Kommunikation und Wahrheit usw.
    Liebe Grüße und Thänx für das feine Interview

    1. Liebe Stefanie,
      ich selbst habe diesen Autoren jetzt erst durch meine tolle Gastautorin Veronika Eckl entdeckt. Hab mir standepede auch einen seiner Krimis besorgt. Danke für deinen Hinweis auf den Band „Kraft der Worte“, da gehe ich mal schauen. Liebe Grüße Birgit

  2. Interessantes Interview, dank Dir! Von Carofiglio habe ich vor vielen Jahren „Reise in die Nacht“ gelesen und war äußerst angetan von seinem Stil. Das war mal ein Justizthriller der ganz anderen Art. Kann ich Dir auch sehr empfehlen. 🙂

    LG und schönes WE
    Stefan

    1. Danke Stefan für den Tipp! Das ist das Schöne am Bloggen: Man lernt so spannende neue Autoren kennen. Auch dir ein schönes Lesewochenende, Birgit

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