Michael Lichtwarck-Aschoff: Der Sohn des Sauschneiders

Können Rinder ohne Hörner gezüchtet werden? Und ist der Mensch verbesserlich? Ein doppelbödiger Roman über eine spannende Zeit in der biologischen Forschung.

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Bild von analogicus auf Pixabay

„Der Grottenolm kommt blind auf die Welt. Wozu bräuchte er in der Dunkelheit, in der er sein Leben verbringt, auch Augen. Aber die Anlagen zu Augen hat er. Und wenn er in zwei Heimaten leben kann, in einer finsteren und einer taghellen – könnte er dann nicht auch lernen, seine Augen zu öffnen, sie aus den flachen Gruben heraus, in denen sie schlummern, zum vollen Sehen entwickeln? Könnte er das Sehen lernen, wenn man ihn in eine andere Heimat verpflanzt?“

Michael Lichtwarck-Aschoff, „Der Sohn des Sauschneiders oder ob der Mensch verbesserlich ist“.

Dem Grottenolm haftet etwas Sagenhaftes an. Der Schwanzlurch, der wohl bis zu 100 Jahre alt werden kann, wurde zu früheren Zeiten wegen seines Aussehens und seiner Lebensweise – er hält sich in überfluteten Höhlenteilen auf und kommt selten ans Tageslicht – auch als „Drachenjunges“ bezeichnet oder als „Menschenfischlein“. Was aber tun, wenn der einzige Besitz der Familie ein karger Acker ist, auf dem nur Steine zu finden sind und ab und an ein Grottenmolch auf den Boden geschwemmt wird?

Ein großes Geschäft mit den Drachenkindern zu machen, das ist die Sache des Franz Meguşar nicht. Dieser eigenartige, eigenwillige Held dieses ebenso eigenartigen und eigenwilligen Romans ist so spröde wie sein Familienacker. Er starrt und staunt, im Dorf hält man ihn gar für zurückgeblieben, doch plötzlich macht es einen „Riss“ und die Fähigkeit zu laufen, zu sprechen, zu fühlen ist da. Als seine kleine Schwester Jožefa gar von einem Stier – dessen Samen die zweite Erwerbsquelle der Familie ist – mit dem Horn verletzt wird, verursacht dieses Unglück den ganz entscheidenden Riss:

„Die Zeit dazwischen, also von da weg, wo der Vater im Wirtshaus auf ihn wartet, bis zu diesem Schlachtfeld in Wolhynien, verbrachte Franz mit dem Versuch, der Kuh die Hörner wegzuzüchten und dem blinden Drachenkind das Sehen beizubringen. Es wäre ihm dabei um die Frage gegangen, ob man das Rindvieh zur Hornlosigkeit erziehen kann und ob es, nach abgeschlossener Ausbildung, tatsächlich nur noch friedliche, hornlose Kälber in die Welt setzt.“

Dem Franz und seiner Idee von der Hornlosigkeit des Rindes, die er obsessiv verfolgt, kommt ein Zufall entgegen: Ausgerechnet auf dem Familienacker prallen zwei gegensätzliche Weltanschauungen aufeinander. Sowohl den Biologen Paul Kammerer als auch den Eugeniker Abel zieht es in die Steiermark auf der Suche nach dem Grottenolm. Franz, der sich von der Begeisterungsfähigkeit Kammerers anstecken lässt, geht zu diesem nach Wien: An das „Vivarium“, der ersten biologischen Versuchsanstalt in Europa, in der tatsächlich unter dem Zoologen Hans Leo Prizbram wegweisende biologische Experimente durchgeführt wurden.

Dort landet Franz, zwischen Grottenolmen, Geburtshelferkröten, Gottesanbeterinnen und Alma Mahler Werfel. Die Femme fatale der Wiener Kulturwelt arbeitete an dem Institut tatsächlich einige Zeit als Praktikantin im „Vivarium“, der Autor gibt ihr, mit leiser Ironie, die Rolle der Tierpflegerin bei den Gottesanbeterinnen. Franz gerät mitten hinein in einen Wissenschaftsstreit: Abel bezichtigt im Kampf um eine Professur den Kammerer des Betrugs und lässt das Vivarium ausspionieren. Eine entscheidende Rolle kommt dabei dem Erzähler, einem gescheiterten Journalisten, zu. Als Ungereimtheiten bei den Experimenten öffentlich werden, ist der Ruf der Anstalt ruiniert. Abel steht vor seinem Ziel, die Universität Wien „judenfrei“ zu halten. Paul Kammerer wird sich später das Leben nehmen, noch sehr viel später stirbt Prizbram im Konzentrationslager Theresienstadt. Und weil man bei den Büchern von Michael Aschoff-Lichtwarck immer nebenbei noch etwas dazu lernt, so erfährt man ganz unerwartet, dass auch einen wie Arthur Koestler später das Schicksal des Vivariums beschäftigte.

Auf kunstvolle Weise verknüpft hier Lichtwarck-Aschoff Fiktion und historische Realität, um weitaus mehr zu erzählen als die Geschichte eines für seine Zeit innovativen Instituts: Es ist die Epoche, als Darwins Forschung ideologisch missbraucht wird, die Epoche, als Sigmund Freud mit seinen Erkenntnissen den Blick auf den Menschen revolutioniert, als in der Forschung Welten aufeinanderstoßen. Die eines humanitären Weltbildes, das den Menschen zwar als Raubtier erkennt, aber ebenso wissen will, was es braucht, damit „der Mensch verbesserlich ist“. Und die eines Weltbildes, das die Schwachen zurücklassen will, das Gebrechliche aussondert, das auf die „Reinheit“ des Erbgutes setzt.

Bei einem entscheidenden Rededuell zwischen den beiden Polen lässt Lichwarck-Aschoff den Eugeniker Abel folgendes sagen:

„Das hat Darwin uns gelehrt: Die Stärksten mit den besten Erbanlagen setzen sich durch. (…) Natürlich bin auch ich für Freundlichkeit und für den Schutz der Schwachen, wer wäre das denn nicht? Wir sind Menschen und keine Untiere. Wir stürzen die Alten und Schwachen nicht vom Felsen herunter. Aber wir dürfen vor lauter Gefühlsduselei nicht übersehen, dass die Natur auch bei uns Menschen mit dem großen Knüppel zulangt, sie ist blind, und nur weil sie blind ist, auch gerecht. Wir dürfen die Schwachen nicht vernichten, wie kämen wir dazu. Aber sollen wir sie ermuntern, sich auch noch fortzupflanzen? (…) So vermehrt sich das Schwache auf Kosten des Starken, bis wir einen immer größeren Teil unserer Reichtümer damit verschwenden, Schwachsinnige zu päppeln.“

Was da, als der Erste Weltkrieg aufdämmert, als Gedankengut ausgesprochen wird, wird wenige Jahre später zur grausamen Realität mit dem Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten. Auf der fiktiven Ebene übrigens stirbt unser schweigsamer, spröder Held Franz den „Heldentod“. Sein Freund, der Berichterstatter, sorgt für eine spätere Rehabilitation Franzens, entlastet ihn vom Betrugsvorwurf. Dennoch ist dies im Grunde ein melancholisches, fatalistisches Ende: Abel und seine Anhänger „mit den ausrasierten Nacken“ obsiegen und beweisen damit im Grunde, dass der Mensch wenig verbesserlich ist.

Insofern gibt dieser Roman, obgleich er in zurückliegender Zeit spielt, auch einen Fingerzeig auf die Zustände unserer Welt heute. So viel scheint wieder hervorzukriechen wie der Grottenolm aus seiner Höhle. Und obwohl finstere Zeiten hinter uns liegen, scheint der Mensch daraus wenig gelernt zu haben. Man fragt sich, wie oft wir Rindviecher uns noch die Hörner abstoßen müssen, bis die Vision friedlicher, hornloser Kälber eintritt?

Schon bei seinem Erzählband „Als die Giraffe noch Liebhaber hatte“ begeisterte mich die Fähigkeit von Michael Lichtwarck-Aschoff, Naturwissenschaft als feinsinnige Geschichte(n) zu erzählen. Mit seinem Roman setzt er dies fort und zeigt einmal mehr auf kluge Art und Weise, wie sehr Forschung und Weiterentwicklung immer auch im Kontext ihrer Zeit und der herrschenden Weltanschauungen stehen. Für seinen Roman wählte er eine spröde, fast altmodisch klingende Sprache, die dem Rhythmus des langsamen Franz angepasst ist. Er erzählt bedächtig, fast zögerlich geht die Geschichte voran. Aber das passt zu diesem doppelbödigen Buch: Denn wie man sieht, ist auch die Entwicklung des Menschen zum hornlosen Rind ein langer Weg.

Mehr Informationen zum Buch:
Michael Lichtwarck-Aschoff
„Der Sohn des Sauschneiders oder ob der Mensch verbesserlich ist“
Klöpfer.Narr 2019
Hardcover, 358 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-7496-1005-1


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