LITERARISCHE ORTE: Hesse als Lehrling

Nach krisenhaften Jugendjahren kommt der junge Hermann Hesse zur Buchhändlerlehre nach Tübingen. Hier findet er auch zu seiner eigentlichen Berufung.

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Statt dessen brannte dort die strenge, fleißige Gegenwart in zahlreichen Studierampeln über die ganze Breitseite des Stifts verteilt und glänzte mattrot durch die breiten, niederen Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien, Wörterbücher und Texte ohne Zahl vor ernsthaften, jungen Augen aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles, Kans, Fichtes, vielleicht auch Schopenhauers, Bibeln in hebräischer, griechischer, lateinischer und deutscher Sprache; vielleicht brütete hinter diesen Fenstern zur Stunde ein junges philosophisches Genie über seinen ersten Spekulationen, während zugleich ein zukünftiger schwergeharnischter Apologet die ersten Steine seines Trutzgebäudes legte.“

Hermann Hesse, aus: „Die Novembernacht. Eine Tübinger Erzählung.“, 1901.

Hermann Lauscher, Protagonist dieser frühen Erzählung von Hermann Hesse und dessen Alter Ego, hält es indes in jener stürmischen Nacht weniger mit dem Studieren. Trinkend und zechend zieht er durch die Tübinger Altstadt, am Ende dann urplötzlich ernüchtert, als einer der Trinkgenossen sich das Leben nimmt.

Die Erzählung ist Teil der dritten Buchpublikation von Hermann Hesse. Sie erschien 1901 in „Die hinterlassenen Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher“.  Und sie birgt eine der wenigen direkten Spuren von Hesses Tübinger Zeit in seinem Werk. Aber dennoch können die Jahre, die der junge Hesse in der Neckarstadt verbrachte, als entscheidende für seine Entwicklung zum Schriftsteller bezeichnet werden.

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Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Anders als sein literarisches Ego soll Hesse sich in Tübingen wenig mit dem Studentenleben abgegeben haben, heißt es auf den Seiten der Hermann-Hesse-Stiftung:

„Zwischen Oktober 1895 und Juni 1899 absolviert Hermann Hesse in Tübingen eine dreijährige Buchhändlerlehre, der sich ein Jahr als Gehilfe anschließt. Seine Arbeitsstelle ist die Heckenhauerische Buchhandlung, Holzmarkt 5, und er wohnt in der Herrenberger Straße 28 zur Untermiete. Die Tätigkeit als Buchhändler verschafft ihm eine gewisse Befriedigung, auch wenn sie ihn anstrengt. Die Bildung seiner Vorgesetzten nötigt ihm Respekt ab. Der elterlichen Aufsicht entronnen, beginnt der Achtzehnjährige mit einer erstaunlichen Selbstdisziplin ein literarisches Selbststudium. Er liest die Klassiker, vor allem Goethe, in denen er sein literarisches Evangelium entdeckt, und widmet sich dann den Romantikern. Viele Stunden verbringt er im Zimmer, die Außenwelt hält er auf Distanz, das fröhliche Studentenleben erscheint ihm als Zeitverschwendung.“

In Tübingen beginnt Hesse, ernsthaft zu schreiben. Hier wendet sich nach krisenhaften Jugendjahren das Blatt, die spätere Karriere als Schriftsteller zeichnet sich ab. Seine frühen Texte im Hermann Lauscher bewertet der ältere Hesse später neu. In der Vorrede zu einer Neuausgabe 1907 gesteht er die autobiographischen Hintergründe ein:

„Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher war der Titel einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen ließ und in der ich pseudonym über meine damals zu einer Krise gediehenen Jünglingsträume abrechnete.“

Heute ist, wo Hermann Hesse seine Buchhändlerlehre absolvierte, immer noch etwas vom Geist dieser Jahre zu spüren: In dem kleinen, aber mit viel Liebe zum Detail eingerichteten Hesse-Kabinett in Tübingen kann man dem jungen Dichter und seinen Träumen auf die Spur gehen: https://www.tuebingen.de/hesse


Bilder zum Download:
Bild Buchregal,
Bild Straße Tübingen,
Bild Hausfigur


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2 comments on “LITERARISCHE ORTE: Hesse als Lehrling”

  1. Sehr spannender Artikel. Hesse scheint auf jeden Fall ein deutlich zufriedenerer Buchhändler als George Orwell gewesen zu sein. In seinen „Bookshop Memories“ hat er ziemlich über die Kunden geschimpft und davor hätte ich wohl auch ein bisschen Angst:
    „…the real reason why I should not like to be in the book trade for life is that while I was in it I lost my love of books.“
    http://orwell.ru/library/articles/bookshop/english/e_shop

    Falls es mich mal nach Tübingen verschlägt, werde ich dem Hesse-Kabinett auf jeden Fall einen Besuch abstatten.
    Liebe Grüße 🙂

    1. Ein witziges Essay von Orwell. Danke für den Link! Habe mich gerade sehr amüsiert (und er schreibt ein Englisch, das sogar ich verstehe 🙂 ). Ja, ganz von der Hand zu weisen ist das wohl nicht – wenn man das Buch als Ware anpreisen muss…

      Tübingen lohnt sich so oder – wenn es dich dahin verschlägt, auch Stocherkahn fahren!

      LG Birgit

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