Margit Schreiner: Sind Sie eigentlich fit genug?

Klug, analytisch, bissig, mit viel schwarzem Humor – die Essays von Margit Schreiner über die Literatur und das Leben sind eine reine Lesensfreude.

10 comments
open-book-1428428_1920
Bild von lil_foot_ auf Pixabay

„Der erste Satz ist ausschlaggebend. Das weiß heute jeder. Grundstoff in der Schreibwerkstatt am Wochenende. Faulkner hat es schon gesagt: Schreiben Sie den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt den zweiten lesen will – und dann immer so weiter. Eigentlich ganz einfach. Neugierig machen! Verkaufsprinzip! Nach Faulkner haben es alle gesagt. Hemingway hat es gesagt, Fontane hat es schon vorher gesagt. Und. Und. Und. Tatsache ist aber, dass ich, als ich plötzlich mitten im Schreiben meine Tochter in die Physiotherapiestunde fahren sollte, meine Weitsichtbrille nicht gefunden habe.“

Margit Schreiner, „Sind Sie eigentlich fit genug?“, 2019.

Glücklicherweise ist Margit Schreiner eine Autorin, die ihre Leser mit dem ersten Satz des Öfteren auch aufs Glatteis führt: Was wie das x-te Lamento Schreibender über ihre Blockaden (innerliches Aufstöhnen beim Lesen) beginnt, geht über in die Betrachtungen über den Fehlkauf einer Brille mit grünem Gestell und führt zu einem Schlusswort, das aus einem Zitat Dieter Bohlens besteht – vorhersehbar ist da also nichts, langweilig wird es einem mit der österreichischen Schriftstellerin selten.

Da schreibt eine mit scharfem Verstand und von quirligem Temperament über die Literatur, das Leben, das Frausein und die Politik – Themen, die eng zusammenhängen, die auch zeigen, alles ist im Grunde ineinander übergehend, jedes Schreiben auch politisch, wenn man die Welt mit klarem Geist betrachtet. Der nun im Schöffling Verlag neu erschienene Band „Sind Sie eigentlich fit genug?“ versammelt neben Erstveröffentlichungen wie „Der erste Satz“ Essays und Artikel Margit Schreiners, die in den vergangenen Jahren in Anthologien und Zeitschriften erschienen sind, sowie Reden, unter anderem zu Literaturpreisen, die die Autorin erhalten hat.

Immer schimmert dabei durch ein besonderer Blick auf die Welt, vor allem aber wird deutlich: Diese Frau hat Haltung. In ihre Betrachtungen zur Literatur fließen die Erkenntnisse neurologischer Wissenschaft ein, sie beschäftigt sich mit der Art Brut sowie dem Begriff der Behinderung und setzt sich mit Macht- und Kindesmissbrauch und den Abgründen (österreichischer) Politik auseinander.

In einer Welt, die immer unübersichtlicher wird, hat die Literatur dabei eine besondere Bedeutung:

„Es ist nicht ihre Aufgabe zu richten, zu interpretieren, zu werten. Ihr fällt die Rolle der Generalinventur zu, Bestandsaufnahmen, wie sie niemand leisten kann, der in irgendeiner Form, sei es finanzieller oder prinzipieller Art, Interesse am Endergebnis einer solchen Bestandsaufnahme hat.“

Das Dilemma: Zugleich nimmt die Literatur im gesellschaftlichen Kontext eine marginale Rolle ein, ändern sich der Literaturbegriff, Literaturverständnis und Literaturbetrieb. Aber auch hier denkt Margit Schreiner weiter, begnügt sich nicht mit den verbreiteten Klagen über die immer schnellere Rotation im Büchermarkt und dem Bedienen des Massengeschmacks, sondern geht den Ursachen für diesen Geschmack auf den Grund. Dazu ein längeres Zitat:

„Wenn sich etwas verändert, liegt es nie nur an einem Faktor: Die Krise der zeitgenössischen Literatur liegt nicht nur an den geänderten Marktbedingungen. (…) Die Literatur hat viele Funktionen verloren, die sie einmal hatte: religiöse, politische und geographische Information, beziehungsweise Erziehung, Psychologie, Wissenschaftsvermittlung und so weiter. Das alles haben spezielle Fachgebiete übernommen. Das, aber nicht nur das, hat zur Krise des Romans geführt.

Was heute in unserer Welt alles passiert, zu dem wir dank Internet auch noch ständig Zugang haben, übertrifft die Fantasie jedes Romanciers. Es scheint kaum ein Tabuthema zu geben, alles wird öffentlich gezeigt, beschrieben und besprochen. In sogenannten Realityshows werden Situationen als real dargestellt, die in Wirklichkeit gespielt sind, gefakt oder das zeigen, wovon die Macher glauben, dass die Menschen es für Realität halten. Der Unterschied zwischen Realität und Virtualität verschwimmt. Das formt unreflektiert ein neues Menschenbild. Was fehlt, sind keine ungeheuerlichen oder außergewöhnlichen oder metaphorischen oder großartigen Geschichten. Was fehlt, ist die Selbstreflexion, die Gewichtung.“

Nicht ohne Grund jedoch ist dieses Essay mit „Literatur und Trost“ betitelt: Völlig unakademisch und dennoch äußerst präzise, zeigt Margit Schreiner auf, was Literatur vermag, warum wir Lesenden sie brauchen, schätzen und lieben. Literatur ist es, die zur Reflexion anhält, die Orientierung zu geben vermag, die neue Blickweisen eröffnet, die Fragen stellt.

„Kunst fördert die Orientierung und behindert gleichzeitig den glatten Ablauf der Dinge, das reibungslose Getriebe, den Markt. Kunst ist ein Kind, das peinliche Fragen stellt.“

Und kluge Kunst ist auch ein großes Vergnügen: Es macht einfach Freude, dieser intelligenten Autorin durch ihre Lebens- und Gedankenwelt, sei es bei ihren biographischen Ausflügen in die Heimatstadt Linz und zur bevorzugten Kaffeesorte ihrer Mutter, sei es bei ihrer Bewunderung von Jane Bowles und Margaret Atwood (zwei Autorinnen, die ich auch sehr schätze) oder ihren politischen Aufsätzen zu folgen. Klug, analytisch, bissig, mit viel schwarzem Humor – eine Lesensfreude.

Bibliographische Angaben:
Margit Schreiner
„Sind Sie eigentlich fit genug?“
Schöffling Verlag 2019
20,00 Euro, 224 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen
ISBN: 978-3-89561-282-4

 

Spende? Gerne!

Ich unterstütze die Arbeit des Literaturblogs Sätze&Schätze gerne und freue mich auf weitere Beiträge. Die Blooginhaberin freut sich darüber als Ausdruck der Wertschätzung für Zeit, Hirnschmalz und Leidenschaft, die in den Blog investiert werden.

€3,00

 

10 comments on “Margit Schreiner: Sind Sie eigentlich fit genug?”

  1. Vielen Dank für diesen Tipp, das sehe ich mir auf jeden Fall genauer an. Ist mir völlig entgangen!! Schön, dass Du wieder hier bist. LG, Bri

    1. Margit Schreiner ist eine Autorin, die ich erst spät entdeckt habe, von der ich aber alles lesen werde. Einfach großartig!

    1. Das freut mich, dass ich dich „anfixen“ konnte …bin gespannt, wie sie dir gefällt, wenn du sie gelesen hast. Liebe Grüße Birgit

      1. ja, total angefixt, klingt ganz als wär’s mein beuteschema. werde mir „Sind Sie eigentlich fit genug?“ zum geburtstag schenken lassen, das dauert noch bisschen. bin jetzt grad in meinen letzten urlaubstagen u wenn die arbeit wieder anfängt, geht eh nix mehr. hab im urlaub mit größtem genuss „fräulein Nettes kurzer Sommer“ gelesen u den atwood-kurzgeschichten-band „Die steinerne Matraze“. ich liebe atwood.
        habs gut, liebe birgit, bis bald wieder 😉 viele grüße, pega

      2. Liebe Pega, dann genieß noch die letzten Urlaubstage – guten Lesestoff hattest du ja dabei 🙂 Frau Schreiner ist ja auch Atwood-Leserin, da habt ihr schon was gemeinsam. Ich fand es sehr interessant, wie sie in ihrem Aufsatz die verschiedenen Funktionen der Frau als „Magd“ in den frühen Werken Atwoods beschreibt. Liebe Grüße, Birgit

  2. Liebe Birgit,
    danke für deinen Hinweis. Danke überhaupt für alle Hinweise, die du auf deinem Blog seit so vielen Jahren uns Leserinnen und Leser zur Verfügung stellst.
    Ich habe gerne gespendet, wollte auch mehr als 2 Euro spenden, jedoch lässt die Maske keine Korrektur des Spendenbeitrags zu.
    Meinst du, du könntest das ändern? So dass die 2 Euro nur eine Vorgabe, ein niedrigster Wert aber kein Muss ist? So gerne hätte ich dir wenigstens 10 Euro überwiesen. Soviel habe ich doch früher auch schon mal im Monat für Zeitschriften ausgegeben. 🙂
    Eine gute Idee, liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne, ich habs gerade gesehen – das ist ja richtig süß von dir. Herzlichen Dank! Ich hab diesen Button neulich entdeckt – ich weiß nicht, ob es marktschreierisch oder so wirkt, aber auf der anderen Seite dachte ich, dass ja auch WordPress kostet und ich viel in mein Hobby investiere, mal sehen, ob es dem einen oder anderen etwas wert ist. Leider kann man den Betrag nicht offen lassen – ich dachte mir, zwei Euro ist ein guter Kompromiss und nicht zu unbescheiden. Lieben Dank für deinen Hinweis, evt. stelle ich dann mal auf 5 Euro um. Herzliche Grüße Birgit

      1. Liebe Birgit,
        sehr gerne, ich denke, 5 Euro sind eine gute Summe 🙂 Es wirkt gar nicht marktschreierisch, es ist vernünftig!
        Liebe Grüße von Susanne

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.