Karl Friedrich Borée: Dor und der September

Eine einfache Geschichte: Älterer Mann verliebt sich in jüngere Frau. Karl Friedrich Borée erzählte dies jedoch in einer Sprache, die einzigartig ist.

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„Der Strand war schöpfungsmorgeneinsam.“

„Ich dachte an Dor, und ich dachte auch wieder nicht an sie. Sie ruhte so im Untergrunde. Es war schön, daß es sie gab, genau so, wie es schön ist, daß es noch tiefverschneite Wälder gibt und Leute, die einen mitnehmen. Es ist nicht unbedingt nötig, daß man darüber hinaus etwas begehrt.“

Karl Friedrich Borée, „Dor und der September“, Erstveröffentlichung 1930.

Es gibt Bücher, die entwickeln eine ganz eigenartige Macht: Man liest sie, lebt mit den Figuren, die plötzlich, wie von einer Leinwand herunterzaubert, greifbar werden, fast schon dreidimensional. „Dor und der September“ wäre dann ein bittersüßer cineastischer Streifen in Sepiabrauch, durchsetzt mit keck aufblitzenden Farben, sobald Dor die Bühne betritt.

Als der Lilienfeld Verlag 2017 die Wiederentdeckung des Schriftstellers und Essayisten Karl Friedrich Borée (1886 – 1964)  mit dem Roman „Frühling 45 – Chronik einer Berliner Familie“ startete, zeigte sich das Feuilleton verblüfft und begeistert: So sehr war der schreibende Jurist, der mit 44 Jahren einen ersten Roman veröffentlichte, der sofort zum Bestseller wurde, vergessen worden. Dabei hatte Borée eine wichtige Rolle beim kulturellen Wiederaufbau nach 1945 inne. Er war unter anderem bis zu seinem Tode Generalsekretär der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Aber weit mehr als ein „Literaturfunktionär“, vielmehr ein Solitär in der literarischen Landschaft: Seine Sprache wirkt beinahe wie aus der Zeit gefallen, ist wunderbar altmodisch und funkelnd, mit ganz eigenen Wortschöpfungen, und doch sind einige seiner Bücher von überraschender Aktualität und überaus modern.

Vor allem aber ist es wirklich dieser einzigartige Ton, die Melodie, die sein Romandebüt „Dor und der September“, das 1930 erschien, zu etwas Besonderem macht.

„Der Strand war schöpfungsmorgeneinsam und dort, wohin wir uns verzogen hatten, übersichtlich wie Schnee. Das Meer eine lockende blaue Glasflut, klar bis an die Kimmung, die sich von einem blassen Messinggelb kräftig abhob.“

Erzählt wird eine im Grunde ganz einfache Liebesgeschichte, die ohne weltbewegende äußerliche Szenarien zurechtkommt, sondern ihre Spannung aus der Gegensätzlichkeit der beiden Liebenden bezieht. Er ist ein weltmüder, traumatisierter Kriegsteilnehmer, sie ist eine Medizinstudentin, 20 Jahre jünger, neugierig auf das Leben, auf die Welt.

Wie die beiden sich annähern, für eine Weile finden, wohlwissend, dass diese Liebe ihre Grenzen haben wird, das ist in einer hochpoetischen und dabei doch so im Detail genauen Sprache geschildert. Borée, dessen Roman stark autobiographische Züge trägt, versenkt sich in die Psyche seines Ich-Erzählers, der all seine Gefühle wahrnimmt, ihnen nachhorcht, der all die Stufen einer sich entwickelnden Liebe – das sehnsuchtsvolle Warten auf ein Wiedersehen, die von einer Person besetzten Gedanken, die Erschütterung nach dem ersten Streit, die Überwältigung nach dem ersten Liebesakt – reflektiert.

Zum Bestseller wurde der Roman jedoch vor allem wegen jener „Dor“: Eine junge Frau, schon noch an der Leine eines wahrscheinlich konservativen Elternhauses, die ihren Weg sucht, die sich während des Romangeschehens auch großes Stück von vorgegebenen Rollenbildern emanzipiert. Der ältere Mann ist ihr dabei, obwohl er auch sie oftmals als „Kindfrau“ und „Mädchen“ beschreibt, ein Wegbegleiter und ein Brückenbauer. Allein schon deshalb, weil sie sich auf diese aussichtslose Liebe im vollen Bewusstsein einlässt, kann sie sich in ihr weiterentwickeln: Dor setzt die Grenzen der Gemeinsamkeit, Dor setzt auch ganz selbstbewusst ihre Prioritäten.

Wegbegleiter ist ihr der Ich-Erzähler übrigens auch im wortwörtlichen Dinge: Das Paar teilt seine Leidenschaft für lange Wanderungen und Streifzüge durch die Natur, Szenen, in denen sich Borées wunderbare Sprache richtig entfalten kann:

„Jenseits der staubigen Straße dehnte sich weites frühlingsgeschmücktes Wiesenland bis an das blaue Laken des Sees. Am andern Ufer glänzte der Waldrand in einer verklärten Helligkeit. Es war ein vollkommener Feiertagsnachmittag. Die Fühlung des schönen Geschöpfes, die ungewohnte Vertraulichkeit, die aus solch freundlicher Besitzergreifung sprach, das wunderbare Wetter: ich konnte mich nicht entsinnen, jemals vergleichbar glücklich gewesen zu sein.“

Auch wenn es dem Erzähler gegenwärtig ist, dass diese Liebe nicht dauern kann, so schließt das Buch dennoch mit einer zart-melancholischen Abschiedsszene, die Hoffnung in sich birgt. Der Mann, der vom Krieg so traumatisiert und müde war, weiß das Leben wieder zu schätzen.

Dieser Beitrag wurde in gekürzter Fassung erstveröffentlicht auf dem Hotlistblog.

Bibliographische Angaben:

Karl Friedrich Borée
„Dor und der September“
Lilienfeld Verlag 2019
22,00 Euro, gebunden mit Schutzumschlag, 280 Seiten
ISBN 978-3-328-940357-71-7

Titelbild:
Strand bei Travemünde

 

 

8 comments on “Karl Friedrich Borée: Dor und der September”

  1. Liebe Birgit, einen schönen Schatz hast du da ausgegraben. Diese bildersatte Sprache ist ja selten geworden. Ich lese gerade „Der Weg des wahren Mannes“ (Esoterische Männerratgeber, kein Grund zu Sorge) und da steht, dass allein die Anwesenheit einer jungen Frau bei Männern die Lebensgeister weckt. Nächste Monat kommt eine neue Kollegin, Anfang 30, mal sehen was da mit mir passiert. 😉

    1. Lieber Rolf,
      da ich ja ahne, dass du ein empfindsamer Mensch bist verkneife ich mir nun jede Replik auf deine beruflich bedingte Götterdämmerung 🙂

  2. Liebe Birgit,
    das erinnert mich daran, daß ja noch immer ein Rezensionsexemplar dieses Buches in meinen Regalen schlummert. Irgendwie reizen mich dann die Selbstkäufe doch stärker. Wie dem auch sei, das Buch ist jetzt fällig 🙂 Und irgendwie interessant ist es ja wohl schon.
    Übrigens: Die Notizhefte snd jetzt auch auf YouTube. Schau doch mal rein!
    Viele Grüße
    Norman

    1. Lieber Norman, dann nur zu – ob selbstgekauft oder zugeschickt: Das mindert meines Erachtens die Qualität des Autors nicht 🙂 Dass Du auf YouTube bist, habe ich mitbekommen und mir auch schon angesehen – aber sieh es mir bitte nach, dass ich mich ganz altmodisch auf das geschriebene Wort beschränke, sowohl in meinen eigenen Aktivitäten als auch beim Mitverfolgen meiner lieben Mitblogger. Das hat nichts mit der Qualität deiner Besprechungen zu tun, sondern allein mit meiner mangelnden Aufmerksamkeitsspanne, sobald ein Video flimmert… Liebe Grüße Birgit

    1. Lieber Bernd,
      ja es sind diese zum Teil sehr poetischen, zugleich aber auch präzise Beschreibungen, die diesen Autor zu etwas besonderem machen.

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