Vivian Gornick: Ich und meine Mutter

„Ich und meine Mutter“ (OA 1987), ein Klassiker der amerikanischen Frauenbewegung, ist das erste Buch von Vivian Gornick, das in deutscher Sprache erscheint.

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Ein Buch der Frauen und ein Buch der Stadt. Quelle Bild: https://pixabay.com/de/users/miawicks9-9070580/

„Sie war überall, immer hinter mir her, innerlich wie äußerlich. Ihr Einfluss klebte wie eine Membran in meinen Nasenlöchern, auf meinen Lidern, in meinem offenen Mund. Ich nahm sie mit jedem Atemzug in mich auf. Ich dämmerte in ihrer betäubenden Atmosphäre vor mich hin, konnte dem schweren, klaustrophobischen Wesen ihrer Gegenwart, ihrem Sein, ihrer erstickenden, leidenden Weiblichkeit nicht entkommen.
Ich hatte keine Ahnung.“

Vivian Gornick, „Ich und meine Mutter“, Penguin Verlag, 2019.

Mütter und Töchter: Selten ein unkompliziertes Verhältnis. Meist ein lebenslanges Ringen zwischen Zuneigung und dem Wunsch nach Autonomie. Das Gefühl, sich am Vorbild Mutter messen zu müssen und sich zugleich davon befreien zu wollen, es endet im Grunde nie. Selbst wenn man beruflich erfolgreich ist, wie die Schriftstellerin Vivian Gornick, die ein unabhängiges, selbständiges Leben führt:

„Das waren die Jahre, in denen Frauen wie ich als »neu«, »emanzipiert« oder »exzentrisch« bezeichnet wurden, und tatsächlich war ich tagsüber neu, emanzipiert und exzentrisch (ich selbst habe bis heute exzentrisch bevorzugt), solange ich am Schreibtisch saß, doch wenn ich abends auf der Couch lag und ins Leere starrte, materialisierte sich dort meine Mutter, als wollte sie sagen: »Nicht so schnell, mein Kind. Wir sind noch nicht fertig miteinander.«

Die 1935 in der Bronx geborene Essayistin und Journalistin Vivian Gornick ist in den USA in Intellektuellenkreisen seit Jahrzehnten eine Größe. Von 1969 bis 1977 war sie Reporterin bei der „The Village Voice“, ihre Arbeiten erschienen aber auch in zahlreichen weiteren namhaften amerikanischen Magazinen und Zeitungen. Darüber veröffentlichte sie eine stattliche Anzahl von Büchern zu Sachthemen und autobiographischer Natur. Im deutschsprachigen Raum ist sie dagegen nahezu unbekannt: „Ich und meine Mutter“, seit seinem Erscheinen 1987 ein moderner Klassiker der amerikanischen Frauenbewegung, ist ihr erstes Werk, das in deutscher Sprache (übersetzt von pociao) herausgegeben wird.

Zeit dafür wurde es: Nicht nur, weil Vivian Gornicks brillanter Stil bodenständig und intellektuell zugleich ist, nicht nur, weil ihr Roman ein intelligentes Lesevergnügen bietet, sondern auch deshalb, weil er Aspekte anspricht, die der kämpferische neue Feminismus (so er denn nicht nur reine Modeattitüde ist) bisweilen vernachlässigt. Denn maßgeblich prägend für Frauen ist eine zentrale Figur – die eigene Mutter.

Gornick zeigt ihre schonungslos offen ihre verletzliche Seite, die „Mutterwunde“, wie dies von der amerikanischen Psychologin Susan Forward bezeichnet wird:

„Die Mutter ist das Rollenvorbild der Tochter, wohingegen die Söhne irgendwann die Mutter wegschubsen, weil sie nicht mehr Mamas Liebling sein wollen. Söhne wollen nicht verweiblicht werden, aber Mädchen werden ermutigt, es ihren Müttern gleichzutun. Die Verschmelzung mit der Mutter ist für eine Tochter etwas Besonderes, und sie muss sich keine Sorgen machen, dass sie deshalb als Memme angesehen wird. Eine alte Maxime lautet: Ein Sohn ist ein Sohn, bis er eine Frau findet, aber eine Tochter bleibt ihr Leben lang Tochter. Das sagt doch schon alles. Ich habe viele männliche Klienten, deren Mütter grässlich waren, aber sie litten mehr unter schlechten Vätern. Söhne und Väter werden oft zu Rivalen. Für Töchter ist die Rivalität mit der Mutter ein doppeltes Dilemma, weil ihnen die Gesellschaft spiegelt, dass sie ihre Mutter als Rollenvorbild nachahmen sollen.“

(Quelle: Interview Süddeutsche Zeitung Magazin)

Vivian Gornick erzählt von ihrer Kindheit in einer jüdisch geprägten Ecke der Bronx, bildhaft, malerisch, lebendig: Das Mietshaus ist ein Haus der Frauen, die sich gegenseitig helfen, belauern, beneiden, bewundern, über einander tratschen und in einem Kreis von Sympathie und Antipathie miteinander verbunden sind. Ihre eigene Mutter, schlagfertig, tatkräftig und selbstbewusst, zimmert sich ihre eigene Fama – die im Kern verborgene Lebensenttäuschung darüber, dass sie als Mutter zweier Kinder und liebende Gattin ihre eigene Berufstätigkeit aufgab, mündet sie in den Satz um: »Wäre da nicht die Liebe eures Vaters gewesen«. Als dieser jedoch viel zu früh stirbt und die Frau mit zwei Teenagerkindern zurücklässt, fällt sie in eine langandauernde Depression. Dass ihre Tochter einen anderen Weg wählt – den einer beruflich erfolgreichen Frau, unabhängig, unverheiratet – wird zwischen den beiden Frauen zum andauernden Konfliktpotential.

„Tatsache aber war, dass für sie die Trauer um eine verlorene Liebe das höchste Niveau des Lebens war, das sie erreicht hatte. Wir alle gaben unseren Wünschen nach. Nettie wollte verführen, Mama wollte leiden, ich wollte lesen. Keine von uns wusste, wie sie es schaffen sollte, erfolgreich das ideale, normale Leben einer Frau zu führen. Und tatsächlich hat auch keine von uns es je geschafft.“

Auf die Frage, was denn das ist, das „normale Leben einer Frau“, finden Mutter und Tochter auch nach Jahrzehnten keine Antwort. Doch sie ringen darum, beinahe täglich auf ihren langen Spaziergängen durch New York. Und so ist „Ich und meine Mutter“ nicht nur ein lesenswerter Roman über Frauenbilder und Rollenverständnisse, nicht nur ein Buch der Frauen also, sondern auch ein Buch der Megacity, deren lebendiges Straßenleben so greifbar gut beschrieben wird wie beispielsweise in den Essays der „langatmigen Lady“.

 

Bibliographische Angaben:

Vivian Gornick
„Ich und meine Mutter“
Penguin Verlag, 2019
Aus dem Englischen von pociao
20,00 Euro, gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten
ISBN 978-3-328-60030-5

2 comments on “Vivian Gornick: Ich und meine Mutter”

  1. Toller Hinweis, danke! Ich fahre im Herbst nach New York, vielleicht nehme ich das Buch mit. Und ja, die Lebenserwartungen: verführen, leiden, lesen, ach, kenne ich, und bin gespannt, wie diese Frauen sich damit durchgebracht haben.

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