Margit Schreiner: Kein Platz mehr

Für mich „meine“ Entdeckung auf der Leipziger Buchmesse: Die österreichische Autorin Margit Schreiner. Sie vereint elegante Sprache und tiefschwarzen Humor.

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„Es nützt alles nichts. Weder im In- und Ausland, weder am See noch im Hochgebirge, weder am Meer noch im Hinterland, und schon gar nicht auf einer einsamen Insel ist Platz und Ruhe. Jeder muss seinen eigenen, ganz persönlichen Platz und seine eigene, ganz persönliche Ruhe finden. Ein Stühlchen unter einem Baum, den Laptop auf den Knien, auf dem Balkon mit Ohropax gegen den Straßenlärm, oder, wenn es regnen sollte, unter dem Sonnenschirm. Wer wirklich will, lebt und schreibt überall. Auch beim Lärm vom Nachbarn, der den Rasen mäht oder die Fenster abschleift oder Volksmusik hört. Es kommt ausschließlich auf die positive Einstellung an. Darüber gibt es genug Sachliteratur, die sich mehr und mehr besser verkauft als alle noch so unterhaltende belletristische Literatur.“

Margit Schreiner, „Kein Platz mehr“, Schöffling & Co.

Es hat schon etwas leicht Skurriles, wenn man inmitten des Gedränges auf der Leipziger Buchmesse – man sitzt zusammengequetscht auf einer Bank, Menschenmassen schieben sich am Stand vorbei, man balanciert mit Büchern, Wasserflaschen und Notizblock auf engstem Raum – ein Buch mit dem Titel „Kein Platz mehr“ in die Hände gedrückt bekommt. Und noch skurriler wird es, wenn man im überbesetzten ICE anfängt, ab und an laut vor sich hinzukichern, haltlos, den irritierten Blicken der Mitreisenden trotzend, weil man einfach nicht anders kann bei der Lektüre.

Margit Schreiner war mir zuvor kein Begriff. Und das, obwohl Schöffling schon etliche Bücher der Österreicherin herausgegeben hat, obwohl die 66-jährige Linzerin mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde und obwohl schon allein die Titel ihrer älterer Bücher verlockend klingen – „Haus, Frauen, Sex“ aus dem Jahr 2001 beispielsweise oder „Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur?“ (2008) – war sie mir völlig unbekannt.

Etwas, was ich ändern muss: Denn Schreiner bringt das Talent mit, unterhaltend und niveauvoll zu sein, elegant zu schreiben und zugleich aber über eine ordentliche Portion tiefschwarzen Humors zu verfügen. Für mich die richtige Mischung. „Kein Platz mehr“, vom Verlag als Roman bezeichnet, ist im Grunde ein ausführliches autobiographisches Essay. Schreiner schreibt über sich und Freunde in ihrem Alter: Allesamt im universitären Bereich oder als Kreative tätig, sogenannte „Golden Ager“, die eigentlich ihren Herbst genießen wollen, aber nicht können. Denn es gibt buchstäblich und wortwörtlich zu wenig Platz auf der Welt, wie die Autorin feststellt. Angefangen beim eigenen Haushalt, der vollgestopft ist mit den Utensilien zweier langer Berufsleben und den Hinterlassenschaften der Kinder. Endend bei der Feststellung, dass es selbst die ideale einsame Insel nicht gibt. Zu welchen Verwerfungen im Familienleben und in der Erotik zu wenig Platz führen kann, das zeigt die Schriftstellerin am Beispiel Japans auf: Herrlich! Und ein Höhepunkt des Buches ist zweifelsohne jener, in dem das Paar den Müll aus einem einsam gelegenen italienischen Haus zu entsorgen versucht.

Die Betrachtungen über den Platzmangel unserer Welt sind eng verbunden mit den Alltagsplagen im Leben einer Schriftstellerin. Dabei wird es herrlich amüsant:

„Man fragt sich dann als älterer Schriftsteller naturgemäß im Laufe der Jahre, was für einen Sinn es haben soll, Bücher aus einer reichhaltigen Lebenserfahrung, die nur bedrückend sein kann, wenn man die Welt rundum betrachtet, heraus zu schreiben, die sowieso niemand mehr lesen will. Das heißt, nicht niemand, aber zu wenige, als dass man vom Verkauf der Bücher auf Dauer leben könnte, eine Familie erhalten, in Urlaub fahren, die Katzen und Hunde füttern, etc. Es ist nun einmal ein Unterschied, ob ich mit zwanzig ohne Kranken- und Pensionsversicherung in einem Kämmerchen in Paris oder Berlin schreibe und mich von Baguette und Camembert oder meinetwegen von Currywurst ernähre, oder ob ich mit fünfundfünfzig eine Familie habe, mich altersbedingt gesund ernähren sollte und womöglich wegen des ständigen Sitzens vor dem Computer Bandscheibenprobleme habe und deshalb eine teure Physiotherapie oder wegen der seelischen Dauerbelastung des Schriftstellers gar eine Psychotherapie, die noch teurer ist, brauche. Fallen die Zähne mit der Zeit aus, stehen teure Zahnbrücken und/oder – implantate an, die Haare werden auch nicht besser, was Friseurbesuche nötig macht, um halbwegs anständig vor sein Publikum treten zu können. Ein zerraufter Zwanzigjähriger macht einen wilden, ein zerraufter Sechzigjähriger nur einen ungepflegten Eindruck.“

Der letzte Satz, der sitzt: Das ist ein Merkmal dieses Buches, das so einen lockeren Erzählton anschlägt und mittendrin durch eine kleinen verbalen Hammer überrascht. Oder, wie Zsuzsa Bánk auf dem Cover zitiert wird: „Der Mensch an sich ist ungeeignet für die Welt. Das liest sich lustig-elegant, aber nur bis dieser eine Satz kommt. Das ist ihre Note, erst die verschwenderische Leichtigkeit – und dann die Ohrfeige.“

Informationen zum Buch:

Margit Schreiner
Kein Platz mehr
Schöffling & Co
20,00 Euro
ISBN: 978-3-89561-281-7

Homepage der Autorin: www.margitschreiner.com

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11 comments on “Margit Schreiner: Kein Platz mehr”

  1. Liebe Birgit,
    einfach Platz nehmen, bei der Friseurin, der Currywurst-Bude, im Büro und im Stadtpark, im Intercity-Zug, auf dem heimischen Sessel oder Sofa. In meiner Wahrnehmung ist meistens ein passender Platz da.
    Grüße und Wünsche
    Bernd

    1. Lieber Bernd, ja, ein Plätzchen findet sich überall, aber insgesamt, so empfinde ich es, wird die Welt immer voller. Selbst wenn ich nach Nürnberg komme: Soviel Menschen! Soviele Touristen! Wie schön es wäre, wenn die zuhause bleiben würden 🙂

  2. Liebe Birgit,
    Dieses Buch muss ich unbedingt lesen. Danke für die anschauliche Beschreibung. Ich fühle mich erkannt. Um wieder mehr Platz zu haben, gehe ich meine Atelierwohnung durch und trenne mich von Dingen. Das ist eine große Erleichterung!
    Ja, Bernd, wenn man das notwendige Kleingeld hat, dann findet man immer einen Platz beim Friseur. Aber dafür muss man schon lange arbeiten…. für eine Frau mit langen Haaren um die 50 kostet ein Besuch beim Friseur um die 100 Euro.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne, ich schicke dir das Buch – beim Lesen musste ich nämlich auch an unser Gespräch vom Vormittag denken, als es um Hinterlassenschaften und das Ausräumen ging. Du bekommst es dieser Tage mit der Post. Herzliche Grüße, Birgit

      1. Danke, liebe Birgit, da freue ich mich sehr. Papa wird schon am Montag umziehen und steht vor der Frage, was für Möbel er mitnimmt. Es wird nicht einmal zu sehen sein, dass etwas im Haus fehlt, so wenig kann er mitnehmen.
        Liebe Grüße von Susanne

      2. Liebe Susanne, das stelle ich mir sehr schwierig vor. Euch alles Gute. Liebe Grüße von Birgit

  3. Und schwupps – schon wieder ein Buch auf meiner „Will-Ich-Unbedingt-Lesen-Liste“. Wie doch der Friseurbesuch plötzlich eine ganz literarische Wendung bekommen kann.
    Viele schmunzelnde Grüße, Claudia

    1. Fein 🙂 Beim Friseur komme ich übrigens nie über die Lektüre der Bunten oder der Gala hinaus. Für alles andere bin ich in der Situation nicht in der Lage 🙂

  4. Oh das klingt ja total spannend! Seit einigen Jahre geht es mir wie Dir: ich empfinde „die Welt“ als immer voller und sehne mich mehr denn je nach Abgeschiedenheit und Ruhe! Daher: absolut mein Thema. Das Buch kommt auf meine „dringend“ Liste 😉 Vielen Dank für den Tipp!

    1. Danke Dir! Ja, betrachtet man den Bevölkerungszuwachs, dann ist der Platzmangel ja nicht nur ein Empfinden, sondern den Tatsachen geschuldet – mit allen Auswirkungen, auf die Natur, Massentourismus, globale Wanderungsbewegungen usw. Viele Grüße, Birgit

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