Inger-Maria Mahlke: Archipel

Mit ihrem „rückwärts erzählten“ Familienroman errang Inger-Maria Mahlke 2018 den Deutschen Buchpreis. Zu Recht – das Experiment ist gelungen.

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Teneriffa. Bildquelle: https://pixabay.com/de/users/mister_i-1790887/

„Hellgrau leuchten die Wolldecken im von der Mauer zurückgeworfenen Mondlicht, sonst haben sie die gleiche stumpfe Farbe wie Kittel, Schürzen und Nachthemden. Die neue Farbenlehre. Soldaten sind khaki, verwaschen blau die Falange, die Polizisten grau, Guardia Civil graugrün, die Armen staubfarben, die Pfarrer schwarz, Seminaristen chorhemdweiß, violett ist der Bischof. Rot ist niemand mehr.“ (1944).

Inger-Maria Mahlke, „Archipel“.

Die neue politische Farbenlehre Spaniens, eingeführt nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs und dem Putsch gegen die Republik, beginnend mit dem Aufstieg der Faschisten. Sie wird noch Generationen überdauern, das Land und seine Menschen über Jahrzehnte prägen. Kunstvoll verknüpft Inger-Maria Mahlke die Schicksale mehrerer Familien auf der Insel Teneriffa in ihrem Roman „Archipel“, mit dem sie 2018 den Deutschen Buchpreis erhielt. Nicht zu Unrecht, ist dieses Buch doch sowohl erzählerisch als auch formal als gelungen zu betrachten.

Der Roman setzt ein 2015: Felipe Bernadotte González, Sprössling einer der über das Wasser und die Insel herrschenden Familie, in ewiger Opposition zu den kolonialistisch tätigen Vorfahren lebend, verbringt seine Tage süffelnd in einem Club, Ehefrau Ana ist in einen Politik- und Korruptionsskandal verwickelt und Tochter Rosa, so heißt es lapidar im Personenregister, „macht irgendetwas mit Kunst.“ Anas Vater Julio Baute, einst von den Faschisten verfolgt, hütet als betagter, aber rüstiger Portier die weniger rüstigen Alten im Heim, Eulalia, die Haushaltshilfe der Familie González, hat angesichts der Wirtschaftskrise noch ganz andere Sorgen.

„Ein Freistaat, so hat Sidney sich die Zukunft der Insel immer vorgestellt, wenn schon keine britische Kolonie, dann ein Freistaat. Keine Zölle, keine Steuern. Um die Straßen von den Packstationen zu den Verladekais, um die Erweiterung des Hafens würden sich die Firmen kümmern, in ihrem eigenen Interesse. Die tägliche Portion Gofio wäre den Einheimischen sicher.“ (1919).

Von diesem Ausgangspunkt in der Gegenwart aus erzählt Inger-Maria Mahlke rückwärts, hinein bis in das Jahr 1919, als die Insel wirtschaftlich fest in der Hand der Briten und Amerikaner war. Die feudale Gesellschaftsordnung begünstigt den Aufstieg einzelner Familien, die auch die Zeit der wirtschaftlichen Isolation während der Franco-Diktatur unbeschadet überstehen. Statt Land- und Wasserrechten und dem Export von Bananen und Tomaten bringt die Demokratie und die Öffnung des Landes neue wirtschaftliche Möglichkeiten: Tourismus ist die neue Währung.

Doch, so zeigt es Inger-Maria Mahlke in ihrem Experiment eines Familienromans, von der Entwicklung profitiert keiner: Die González, die für die „upper class“ stehen, wirken degeneriert, auch ob Rosa eine Hoffnungsträgerin wird in ihrer „irgendwas-mit-Kunst-Opposition“ ist ungewiss. Die Mittelschicht muss durch alle Jahrzehnte hinweg um ihren Platz bangen, ist den Wogen der Politik ausgeliefert wie ein Boot auf dem Ozean. Und die unteren Zehntausenden, repräsentiert durch Eulalia, ihre Mutter Merche und deren unbenannte, nur als „Katze“ bezeichnete Mutter, bleiben dort, wo eine auf Kapitalismus und durch den Katholizismus geprägte Gesellschaft sie vorgesehen hat: Unten.

In „Der Tagesspiegel“ wurde der Roman von Carsten Otte hervorgehoben:

„Der Roman heißt nicht nur „Archipel“, er ist auch in ästhetischer Hinsicht eine Art Inselgruppe mit sehr unterschiedlichen Eilanden, die unterirdisch miteinander verbunden sind und von Mahlke sowohl in literarischer Lupenansicht als auch aus einer Art Helikopter-Perspektive untersucht werden. Als wäre dies nicht allein eine literarische Herausforderung, bietet der Roman formal und inhaltlich ein alles überwölbendes Hauptthema, und das besteht im beeindruckenden Versuch, Geschichte und Lebensgeschichten gegen die bedingungslose Macht der Zeit zu erzählen.“

Hinzuzufügen ist, dass das Buch, auch wenn die Vielzahl an Personen und die Technik des Rückwärts-Erzählens kein Easy-Reading ermöglichen, durch seine bildkräftige Sprache und den beinahe lakonischen Stil der Autorin (die in Lübeck und Teneriffa aufgewachsen ist) überzeugen. Alles in allem: Excelente!

Informationen zum Buch:

Inger-Maria Mahlke
Archipel
Rowohlt Verlag 2018
20,00 Euro
436 Seiten, gebunden, Lesebändchen

 

8 comments on “Inger-Maria Mahlke: Archipel”

  1. Liebe Birgit,
    am 14.03.2019 um 19.00 Uhr findet in Berlin im PalaisPopulaire, die neue Ausstellungsfläche der Deutschen Bank in Berlin eine Lesung aus dem Buch ”Archipel” von Inger-Maria Mahlke persönlich statt.
    Ich habe mir die Räumlichkeiten bei der letzten Ausstellung schon angeschaut, sie gefallen mir sehr gut. Leider läuft zu der Zeit genau mein Latein Kurs, schade.
    Wenn du dieses Jahr irgendwann nach Berlin kommst, können wir uns zumindestens, wenn du Lust hast, das umgebaute Opernpalais zur Ausstellungsfläche anschauen. 🙂 Außen ist alles verspielt und innen ein White Cube.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne,
      ich habe bereits gelesen, dass sie an meinem Geburtstag liest – aber da kann ich nicht in Berlin sein. Doch spätestens bei meinem Besuch in der Hauptstadt später schauen wir uns das an und ich lade dich nachträglich zu meinem Geburtstag zu etwas Leckerem ein 🙂

      Liebe Grüße, Birgit

  2. Ich hatte den Roman abgebrochen, weil ich ihn ziemlich langweilig fand. Stilistisch interessant, aber inhaltlich kam es einfach nicht in Gang. Für mich eine große Enttäuschung.
    Die Lesung klingt allerdings verführerisch.

  3. Liebe Birgit,
    ich kann mich auch noch gut an die anregende Lektüre des Romans erinnern. Dabei hat mir besonders der aktuelle Teil am Anfang gefallen, mit seinen vielen kleinen Andeutungen der Probleme, die es auf Teneriffa gibt: z.B. die Auswüchse des Tourismus in Gestalt der zubetonierten Landschaft, die kleinen und größeren politischen Machenschaften, die Wirkungen der Immobilienspekulationen. Da hätte ich wohl gerne noch weiter gelesen.
    Das Rückwärts-Erzählen ist ja eine Besonderheit des Romans. Und ich frage mich: Ist es wirklich nötig? Hat es eine besondere Funktion? Außer zu verdeutlichen, wie schwer es uns beim Lesen fällt, die Chronologie „gegen den Strich“ nachzuvollziehen. Ja, es wird zum Ende der Lektüre immer klarer, welche politischen Feindschaften in der Familie Anas und Felipes mehr oder weniger überwunden werden, welchen Weg Julio dabei auch hinter sich gelegt hat. Aber reicht das?
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,

      für mich ist das kein Roman, der auf Gegenwartkritik/darstellung setzt, sondern der versucht an einem Beispiel – Teneriffa – zu erklären, wie sich individuelle und kollektive Fehlentwicklungen über Generationen hinweg auswirken. Und dies wird durch die Rückwärts-Technik sehr gut deutlich. Mich hat das überzeugt. LG Birgit

  4. Ich habe den Roman in der Bibliothek des Goethe-Instituts von Addis Abeba gefunden, wo ich mich für eine Weile aufhalte. Und da es in meinem Viertel der Millionenstadt abends nicht viel Ablenkung gibt, habe ich mir den „Archipel“ für lange Abende mit nach Hause genommen. Er hat meine Abende nicht kurzweiliger gemacht.
    Anfangs dachte ich noch, hoppla, da kommt eine neue, junge Stimme ja ganz frisch und frech daher, aber dieser neue (?), leicht rotzige Ton lief sich bald zur Masche, zum eigenen Jargon ab. Was ich der Autorin aber wirklich ankreide, ist, dass sie keinen einzigen Faden ihres Familiengeschichtenknäuels mal unauserzählt liegen lassen kann. Jeder Abzweigung und Verästelung geht sie gewissenhaft nach wie eine Buchhalterin der Geschichte; nichts wird der ausspinnenden Fantasie des Lesers überlassen. Auf die Weise kriegt man natürlich leicht über 430 Seiten voll, und mich hat diese Erzählweise bald unsäglich gelangweilt. Da half auch die chronologische Rückläufigkeit des Erzählten nicht, die übrigens so neu nicht ist, wie es einem nach manchen Kritiken erscheinen mag. Man schaue nur noch einmal in Ilse Aichingers „Spiegelgeschichte“ von 1946. Der Film hat das Verfahren sogar schon ein klein wenig früher angewandt: „Citizen Cane“, 1941.
    Also auch da bringt der „Archipel“ nichts wirklich Neues, und dadurch, dass man in einer langatmigen Geschichte die vielleicht noch eine gewisse Spannung schaffende Frage „Und was passiert dann?“ durch die Frage „Was war denn vorher?“ ersetzt, wird auch nicht mehr Prickel erzeugt.
    Nein, ich habe mich schon vor der Hälfte des Buchs entschieden, dass es mir ein unerquickliches bis zum Ende Durchhalten nicht wert ist, und es vorzeitig ins Goethe-Institut zurückgetragen. Da war es denn doch spannender, durch die abends von streunenden Hunden beherrschten und oft unbeleuchteten Straßen von Addis Abeba zu streifen.

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