Ulrike Anna Bleier: Bushaltestelle

Ein leises, melancholisches Buch, das durch seine Sprache und die raffinierte Verknüpfung der Geschichte überzeugt.

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bus-2523410_1920„Du hast dir dein erstes Kind ausgedacht, bevor es geboren wurde, und das ist der Grund, warum es überhaupt geboren wurde. Noch bevor das Kind, das zu Elke wurde, auf der Welt war, hat es in deiner Vorstellung existiert. Doch als es auf der Welt war, hat es aufgehört zu existieren, auch in deiner Vorstellung.
Doch seit du schrumpfst und immer mehr geschrumpft bist, habt ihr die Rollen getauscht, Elke und du, vielleicht hält dich ihre Idee von dir sogar am Leben, wer weiß das schon. Vielleicht gäbe es dich nicht mehr, vielleicht gäbe es gar keine Menschen, wenn es niemanden gäbe, der sie sich vorstellt. Es ist immer ein Mensch da, der nicht anders kann.“

Ulrike Anna Bleier, „Bushaltestelle“.

Er ist in uns alle eingeschrieben, dieser Codex und dieses Urgefühl: Du sollst deine Kinder lieben. Selbst wenn man keine eigenen Kinder hat: Die Tatsache, dass andere ihr eigen Fleisch und Blut misshandeln, missbrauchen, missachten, sie erschüttert uns bis ins Mark.

Dabei, man weiß es, gibt es das nur allzu häufig: Eltern, die ihre Kinder ablehnen und von sich wegstoßen. Die Ursachen mögen individuell sein, doch das Phänomen ist weit verbreitet – und wird aus einem instinktiven kollektiven Schamgefühl ausgeklammert. Jede dieser Geschichten: Nur ein tragischer Einzelfall.

Doch was geht in einer Mutter vor, die ihr Kind nicht mag? Und wie ist es, wenn man bereits in ganz jungen Jahren das Gefühl hat, nicht-existent zu sein, unsichtbar, klein und zweitrangig? Ulrike Anna Bleier, die 2017 mit ihrem Debütroman „Schwimmerbecken“ auf der Hotlist der zehn besten Bücher der unabhängigen Verlage stand, führt uns nun an eine „Bushaltestelle“: Das Warten auf den Bus an der Hand einer Nachbarin, die Fähigkeit, dort plötzlich aus dem eigenen Körper und dem Leben zu treten, das ist es, woran sich die Protagonstin Elke aus ihrer Kindheit erinnert:

„Und plötzlich fand sie sich da wieder, wo sie hinstarrte, und das war die andere Seite der Busfensterscheibe, erst noch in der Luft und dann an einer Ecke, wo sie stehengeblieben war, und dem Bus, in dem ihr eigener Körper saß, hinterherblickte. Dort, an dieser Straßenecke, stand sie eine Zeit lang und schaute und schaute und keiner hinderte sie und beachtete sie. Nur die Augen beobachteten den Körper, der vor Schreck ohnmächtig wurde, denn sie war es nicht gewohnt, sich selbst auf der anderen Seite zu sehen. Sie war es ja schon nicht gewohnt, überhaupt gesehen zu werden.“

Tatsächlich verschwindet Elke „eines Tages ganz von der Bildfläche“, bricht den Kontakt zu ihrer Familie – der scheinbar gefühlskalten Mutter Theresa, Vater Sepp, der zu einer Nebenrolle verdammt ist und dem vergötterten nachgeborenen Bruder Markus – vollständig ab. In Zeitsprüngen, wechselnd aus Sicht von Mutter und Tochter, aber immer aus der Du-Perspektive, was erhöhte Aufmerksamkeit beim Lesen verlangt, weil manches Mal die Stimmen von Mutter und Tochter sich innerhalb eines Kapitels abwechseln, wird die Geschichte der beiden Frauen rekonstruiert: Wie Theresa zu der einsamen alten Frau wurde, die sie ist, ein Kind des Krieges, gefangen in der verbotenen Liebe zu ihrem Bruder und in der Ehe mit einem ungeliebten Mann. Nach und nach entwirren sich die Fäden einer komplizierten Familiengeschichte und deutlich wird, dass das Unglück, das der Zweite Weltkrieg über diese Menschen brachte, bis hinein in die Gegenwart wirkt.

Und über Grenzen geht – Elke verschwindet hinter dem „Eisernen Vorhang“, sucht Unterschlupf bei einer Familienangehörigen in der Tschechoslowakei, bei Magdalena, die das Massaker der Nationalsozialisten in einem tschechischen Dorf mit- und die Rache der Partisanen überlebte.

„Selbst Tante Madla war überrascht gewesen, dass es eine Elke gab, wenn sie auch gleichzeitig nicht überrascht war, weil sie das ja kannte, dass es manche Menschen weniger gibt als andere.“

Als Elke wieder Kontakt zu ihrer Ursprungsfamilie bekommt, ist der Eiserne Vorhang längst gefallen, wurden aus der Tschechoslowakei neue Länder – doch die Wunden des Krieges leben fort. „Der Text macht sichtbar, wie sehr die Geschichte unserer Familie in uns eingeschrieben ist“, heißt es im Klappentext. Es ist ein Buch, das einen eigentümlich traurig zurücklässt: Denn auch die erwachsene Elke bleibt irgendwie unsichtbar, wirkt zurückgenommen, zurückhaltend in ihrer ersten Wiederbegegnung mit ihrem Bruder Markus und dessen französischer Frau. Nur langsam taut sie auf, entwickelt kleine Gefühle für die Schwägerin, für Nichte und Neffe bei einem gemeinsamen Kurzurlaub in Tschechien. Ein Zwischenfall – eines der Kinder verschwindet für einige Tage – stellt die gesamte Familienkonstellation jedoch wieder auf den Kopf: Markus und Anhang siedeln nach Frankreich um, Elke fällt die hilfsbedürftige Mutter wie ein spätes Erbe wieder zu. Ob die beiden Frauen sich tatsächlich wieder annähern, ob die Ältere die Jüngere nun endlich sieht, bleibt ungewiss:

„Elke hat dir erzählt, sie habe ein Kind im Bus gesehen, das habe geschlafen, mit offenen Augen habe es geschlafen, und du hast Elke überrascht angeschaut, als habest du gar nicht gewusst, dass Kinder Augen haben. Wenn du aufwachst, wird eine Tasse warmer Milch an deinem Bett stehen.“

Es ist ein leises, melancholisches Buch, dessen Sprache einen durch die raffiniert verknüpften Erzählstränge trägt. Der Ton von Ulrike Anna Bleiers Sprache nimmt einen gefangen, zieht einen förmlich in dieses Netz aus familiären Verstrickungen und emotionalen Verirrungen hinein. Ein Roman, der einen auffordert, „dabei zu bleiben“ und der einen anhält, weiterzudenken: Wie tief sitzen auch in uns die Katastrophen, die die Generationen unserer Familie vor uns erlebten?

Informationen zum Buch:
Ulrike Anna Bleier
Bushaltestelle
lichtung verlag
Broschurausgabe, 224 Seiten, 17,90 Euro
ISBN 978-3-941306-76-9

Bildquelle:
https://pixabay.com/de/users/radonracer-5954546/

 

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