Francesca Melandri: Alle, außer mir

Ein großer Roman über Lebenslügen, individuelle und kollektive Verdrängung und das giftige Erbe der Geschichte. Ein Gastbeitrag von Veronika Eckl.

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colosseum-2030639_1920Der Esquilin ist einer der sieben Hügel Roms und heute der bunteste. Chinesen, Pakistani, Bangladesher, Marokkaner, Rumänen sind in die einst gutbürgerlichen Palazzi unweit des Hauptbahnhofs Stazione Termini eingezogen, die der noch junge italienische Staat nach seiner Gründung Ende des 19. Jahrhunderts für seine Beamten errichten ließ. Im Straßenbild sichtbar sind seit einiger Zeit aber vor allem viele Flüchtlinge aus Afrika, die tagsüber auf der Straße schlafen, weil es nachts zu gefährlich ist.

Ilaria, die mittelalte Protagonistin von Francesca Melandris Roman Sangue Giusto (Alle, außer mir), im vergangenen Jahr nominiert für den italienischen Literaturpreis Premio Strega, wohnt hier, seit ihr der vermögende Vater eine Wohnung gekauft hat. Das ist ein Glück für sie, die linksliberale, schlecht bezahlte, aber überzeugte Lehrerin, die gerne im Multikulti-Viertel lebt, die Gerüche aus der Küche der Pakistanis achselzuckend akzeptiert und die dennoch der Meinung ist, es sei auch eine Form von Rassismus, Immigration einfach nur toll zu finden. Eines Tages sitzt auf dem Treppenabsatz vor Ilarias Wohnung ein junger Äthiopier, der fließend Italienisch spricht, sich als ihr Neffe vorstellt und einen Pass mit dem Namen Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti vorzeigt, der auf den Namen ihres Vaters verweist: Attilio Profeti. Der ist inzwischen 95 Jahre alt und lebt dement in der Obhut seiner zweiten Ehefrau, kann also nicht mehr zu dieser unerhörten Begebenheit befragt werden. Ilairia schwant Böses, musste sie doch bereits als Sechzehnjährige entdecken, dass ihr Vater noch eine andere Familie hat als ihre und sie und ihre beiden Brüder einen Halbbruder, den der charmante Profeti mit seiner Sekretärin zeugte. Nun also eine dritte Familie?

Die Mittvierzigerin öffnet dem jungen Schwarzen, der in Afrika wie sie selbst als Lehrer arbeitete, einem Foltergefängnis entkam und die Flucht übers Mittelmeer antrat, ihre Wohnungstür und beginnt zu recherchieren. So wie es auch Francesca Melandri tat, die zehn Jahre lang in Archiven und vor Ort in Äthiopien die Kolonialgeschichte Italiens erforschte.

Ilaria entdeckt schnell einen Attilio Profeti, von dem sie nichts wusste: Einen, der als junger Mann dabei war, als Mussolinis Truppen ab 1935 das damalige Abessinien mit einer Spur der Verwüstung überzogen, Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder töteten, um das afrikanische Land für Italien zu vereinnahmen. Einen, der als Assistent eines Rassenkundlers arbeitete, in den Dörfern Gipsabdrücke von den Einheimischen anfertigte und gleichzeitig mit einer Äthiopierin seine erste Familie gründete, von der später, daheim in Rom, niemand etwas ahnt. Nur gelegentlich bekommt er über einen alten Kriegskameraden, der in Adis Abeba geblieben ist und dort eine Autowerkstatt eröffnet hat, Botschaften von der Zurückgelassenen. Dabei ist die schöne Äthiopierin wohl die einzige Frau, für die Attilio in seinem Leben starke Gefühle hegte, stärkere zumindest als für die beiden italienischen Ehefrauen. Dass es in der Liebe nicht immer streng nach Theorie geht, weiß auch Ilaria, die seit vielen Jahren eine Affäre mit einem Abgeordneten der Berlusconi-Partei hat, dessen politische Überzeugungen sie vehement ablehnt – von dem sie aber trotzdem nicht lassen kann.

Nach und nach lernt der Leser die gesamte Familie Profeti kennen, und hier enthüllt sich auch das Erzähltalent der Autorin: Wenn sie etwa schildert, wie Attilios Vater, ein einfacher Bahnhofsvorsteher in der Emilia-Romagna, am letzten Tag vor seiner Pensionierung inmitten der Gleise stirbt, die sein Leben waren. Aber auch zahlreiche Nebenfiguren kommen zu Wort: Beeindruckend, wie Melandri in wenigen Seiten das Elend eines Polizisten entfaltet, der den Job hat, Abgeschobene im Flugzeug in ihre Heimat zurückzubegleiten und dabei selbst an seine physischen und psychischen Grenzen gelangt.

Andere Figuren des Romans bleiben blass, manche Passagen des Romans ziehen sich, auch wenn sie nur so von historischem Wissen strotzen. Freilich ist dieses Wissen auch ein Trumpf. Die Einblicke in die Vergangenheit fesseln jeden Italien-Interessierten, geht es hier doch um ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte des Landes. Nicht viele wissen, wie brutal der General Rodolfo Graziani gegen die ostafrikanische Bevölkerung vorging, was für ein Faszinosum die schwarzen Frauen für die jungen italienischen Soldaten darstellten – eine Faszination, die gelegentlich in Liebe, oft aber nur in brutale Vergewaltigung mündete – oder dass heute noch viele Äthiopier Italienisch sprechen. Melandri schreibt über individuelle und kollektive Verdrängung, über eine Verdrängung, die jetzt in sich zusammenbricht, weil so viele Afrikaner, metaphorisch gesehen, wie Ilarias junger Verwandter auf dem europäischen Treppenabsatz sitzen. Da ist die kleine, elegant präsentierte Überraschung am Ende des Romans dann nur noch eine nebensächliche Volte, weil sowohl für die Familie Profeti als auch für den Leser längst feststeht, dass es kein „richtiges, gerechtes Blut“ (so die Übersetzung des Originaltitels sangue giusto) und auch kein falsches geben kann.

Veronika Eckl

Veronika Eckl studierte Romanistik und Germanistik. Es folgten journalistische Lehr- und Wanderjahre bei der »Süddeutschen Zeitung«, der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, der »Katholischen Nachrichten-Agentur« und beim »Bayerischen Rundfunk«. Nach ihrer Redakteursausbildung ging sie nach Rom, wo sie längere Zeit als Journalistin arbeitete und das Latium für sich entdeckte. Heute arbeitet sie hauptberuflich als Lehrerin für Deutsch, Französisch und Italienisch.

Beim Picus Verlag erschien von ihr „Lesereise Latium“.

Informationen zum Buch:

Francesca Melandri
Alle, außer mir
Wagenbach Verlag
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Quartbuch. 2018
608 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Buch 26,– € / E-Book 23,99 €
ISBN 978-3-8031-3296-3

Bild:
https://pixabay.com/de/users/the_double_a-1390658/

 

 

6 comments on “Francesca Melandri: Alle, außer mir”

  1. Liebe Veronika,
    mir hat sich mit Melandris Buch auch eine ganz neue Welt, nämlich das faschistische Treiben in Afrika, erschlossen. Und wie Melandri von den verschiedenen Facetten des Rassismus erzählt, ist auch überzeugend. Ja, manchmal sind die historischen Ausflüge ein bisschen sperrig. Vielleicht ist es ihr wichtig gewesen, das Thema für ihre Landsleute so ausführlich darzulegen. Auf jeden Fall ein toller Roman, auch durch die großstädtisch-gestresste und genervte, manchmal ironisch ihre Umgebung betrachtende Ilaria.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,
      danke – auch im Namen von Veronika. Ja, ich hatte hie und da zwar auch schon was über das kolonialistische wüten Italiens aufgeschnappt, aber nicht viele Kenntnisse darüber. Den Roman habe ich schön länger hier und hoffe, ich komme bald dazu – zumal dieses Gedankengut des Faschismus auch in Ialien, wie man derzeit sieht, noch um sich greift und leider akut ist. Viele Grüße, Birgit

  2. Liebe Birgit, ich habe zwar einige Seiten überschlagen, in denen es mir zu brutal vorging, aber es ist ein eindrückliches Buch. Hat mich ehrlich gesagt umgehauen! Die gegenwärtigen Lagerunterbringung, die Gettos, der namenlosen usw. Der Mussolinikult und die grausamen kolonialen Machenschaften in Äthiopien. Danke für deine gute Rezension und ich hoffe es werden viele lesen.

    1. Liebe Stefanie,
      kleiner Hinweis: Die Rezension ist nicht von mir, sondern von der Autorin Veronika Eckl. Ich selbst habe das Buch noch nicht gelesen, werde das aber bald nachholen.
      Schön, von Dir hier zu lesen! Ich hoffe, es geht dir gut. Birgit

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