Marguerite Yourcenar: Der Fangschuß

Marguerite Yourcenar war die erste Frau in der Académie Française. Bereits mit „Der Fangschuß“ zeigte sich, warum sie eine so ungewöhnliche Autorin war.

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„Ich wandte den Kopf ab und zielte, etwa wie ein verschrecktes Kind, das in der Silvesternacht einen Knallfrosch explodieren läßt. Nach dem ersten Schuß war nur ein Teil des Gesichtes verschwunden; dies beraubte mich für immer der Möglichkeit, zu erfahren, welchen Ausdruck Sophie im Antlitz des Todes angenommen hatte. Beim zweiten Schuß war alles getan. Zunächst dachte ich, sie habe geglaubt, mir ein letztes Zeichen ihrer Liebe zu schenken, und zwar das entschiedenste von allen, als sie mich bat, das Amt des Erschießens zu übernehmen. Doch dann begriff ich, daß sie sich nur hatte rächen und mich den Qualen von Gewissensbissen aussetzen wollen. Sie hatte richtig gerechnet: manchmal verfolgen sie mich wirklich. Mit solchen Frauen endet man immer in einer Falle.“

Marguerite Yourcenar, „Der Fangschuß“, 1939.

Wenn es berühmte letzte Sätze in der Literatur gibt, dann gehört dazu dieser: „Mit solchen Frauen endet man immer in einer Falle“. Er setzt den Schlusspunkt unter eine tragische Ménage à trois, angesiedelt in den Wirren der Nachkriegszeit 1919. Schauplatz ist ein einsames, abgelegenes Schloss im lettländischen Kurland: Dorthin zieht es  Erich von Lhomond, den Ich-Erzähler, ein vater- und besitzloser Abenteurer, „hineingeraten das baltische Räderwerk“ kämpft er, nur aufgrund seiner Kaste, doch ohne ideologische Überzeugung gegen „die Bolschewiken“.

„Was hätte ein Junge auch sonst anfangen sollen, dessen Vater vor Verdun gefallen war und ihm als einziges Erbteil sein Eisernes Kreuz und einen Titel hinterlassen hatte (…)?“

Für den Adeligen, der die Geschichte Jahre später, gestrandet an einem Bahnhof, in Form einer Beichte vor völlig Unbekannten ablegt, gibt es nur einen Anker:

„Konrad wenigstens war in diesem unaufhörlich entgleisenden Leben ein Halt, eine Bindung und ein Freund.“

Mit einem Trupp Weißgardisten kommt von Lhomond nach Kratovice, um gegen die russischen Revolutionäre zu kämpfen. Zum Ausgangspunkt wird das Schloss Konrads, hier lernt der preußische Offizier auch dessen Schwester Sophie von Reval kennen. Die junge Frau, eigentlich ein Mädchen noch, ist auf eine besondere Art und Weise noch unerfahren in der Liebe:

„Aber sie hatte, noch im Backfischalter, die Gefahren des Feuergefechts erlebt, hatte die grauenvollen Berichte von Vergewaltigungen und Folterungen mitangehört, hatte gelegentlich gehungert und ständig in Angst gelebt und hatte zusehen müssen, wie eine Rotte roter Soldaten ihre Rigaer Vettern an die Wand des Hauses stellte und erschoss. Die seelische Anstrengung, die es gekostet hatte, sich an diese von Mädchenträumen so sehr verschiedenen Erlebnisse zu gewöhnen, erklärte zur Genüge den Blick ihrer schmerzlich geweiteten Augen.“

So unsympathisch und fremd einem der Erzähler aus heutiger Sicht an manchen Stellen auch erscheinen mag: Er vermag es – obwohl er mit seinen eigenen Leidenschaften kaum zurande kommt – sich tief in die seelischen Beweggründe derer, an denen ihm etwas liegt, einzufühlen. Und so wird er für die junge Frau zum weißen Ritter, in den sie sich abgöttisch verliebt – doch Erich von Lhomond selbst fühlt sich zu Konrad, dem Bruder hingezogen. Kammerspielartig entwickelt sich in den Mauern des zerschossenen Schlosses eine quälende, heftige Dreiecksbeziehung, die tragisch enden muss. Auf einzigartige Weise verknüpft hier die französisch-belgische Schriftstellerin das persönliche Schicksal des Trios mit den politischen Wirren: Sophie läuft, aus Enttäuschung und Trotz, zum „Feind“ über, Erich von Lhomond wird zum „Richter“ über ihr Leben und Mörder.

Michel Tournier wird bei der Wikipedia-Biographie Yourcenars so zitiert:

„Marguerite Yourcenars Genie liegt ganz ohne Frage in der Fähigkeit, jede individuelle Lebensgeschichte in Schicksal zu verwandeln.“

Und auch Sybille Cramer macht in einem Beitrag zum Roman, den sie für die Süddeutsche Bibliothek vorstellte, deutlich, dass es sich hier um weit mehr handelt denn um eine dramatische Liebesgeschichte:

„Vor den Augen des Lesers öffnet sich der Vorhang zu einem Schauspiel verlorener Kämpfe, das in großartiger Vorwegnahme die Bedeutung des historischen Augenblicks erkennt, die Ablösung einer großen Geschichtsepoche, den Untergang Europas und den Aufstieg des amerikanischen Zeitalters.“

Mehr als die Verknüpfung von Einzelschicksal und Politik überrascht jedoch die Gabe der Autorin, sich in die Denkweise eines in seiner Kaste gefangenen, von homoerotischen und – unter jenen Umständen unauslebbaren – Gefühlen geplagten Protagonisten einzudenken. Mit Blick auf das Gesamtwerk Marguerite Yourcenars nimmt dieser Roman, der aufgrund seines Umfangs auch als Novelle bezeichnet werden könnte, jedoch keine Sonderstellung ein. Ursula März sagt über die „Vagabundin des Geistes“ (Quelle: „99 Leidenschaften„):

„(…) sie schrieb von der ersten Erzählung bis zum letzten Roman in der phantasierten Haut männlicher, meist homosexueller Protagonisten; als gäbe es für sie keine Kluft zwischen den Geschlechtern.“

Auch in anderen Belangen des Lebens kannte die 1903 geborene Schriftstellerin keine Grenzen im klassischen Sinne: Aufgewachsen an der Seite ihres unsteten Vaters – ihre Mutter starb zehn Tage nach ihrer Geburt – bildete sie sich autodidaktisch fort, während ihr Vater in den Spielcasinos der Welt den Familienbesitz durchbrachte. Auch nach dessen Tod 1929 blieb Yourcenar ihr Leben lang (sie starb hochbetagt 1987) auf Reisen, wenn sie auch ab 1940 ihren Lebensmittelpunkt bei ihrer Lebensgefährtin in den USA hatte. Ursula März:

„So kontrolliert geformt, so klassisch konstruiert Marguerite Yourcenars Literatur auch wirken mag – in ihrem Privatleben glich die leidenschaftliche Altphilologin und Bibliotheksliebhaberin nicht im Mindesten einer verstaubten Gelehrten. Sie war der freieste Mensch, den man sich denken kann und eine große Bohemienne des zwanzigsten Jahrhunderts.“

Durch ihre ungewöhnliche Lebensart und Denkweise stellte die Schriftstellerin die Mitglieder der Académie Française vor außergewöhnliche Herausforderungen: 1980 sollte Marguerite Yourcenar – immerhin schlappe 345 Jahre nach der Gründung – als erste Frau in die altehrwürdige Gesellschaft aufgenommen werden. Erst durch eine Intervention des französischen Präsidenten wurde die Aufnahme einer Frau überhaupt erst ermöglicht – aber dann ging es um die Wahl der „Uniform“ bei der Aufnahmezeremonie, die traditionell männlich geprägt, mit Hut und Degen ausgestattet war. Yves Saint Laurent und Cartier mussten schließlich ran – ein Prozess und Gezeter, das Yourcenar, so Ursula März, mit „stoischem Vergnügen“ beobachtete:

„Sie hat sich dem Herrenclub nicht aufgedrängt; sie hat es abgelehnt, die üblichen Vorstellungsgespräche bei den Akademiemitgliedern zu absolvieren; sie hat sich geweigert, ihre Kandidatur, was ebenfalls zum üblichen Akademieritual gehört, selbst anzumelden. Auch jetzt gibt sie keinen Kommentar. Sie kommt nicht als Bittstellerin. Sie lässt sich bitten und kommt als Fürstin. So hat sie schließlich, freizügig im Umgang mit Geld wie mit Leidenschaften, immer gelebt: im Bewusstsein geistigen Adels und im Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein.“

Und weit mehr noch – meiner Meinung nach – kommt dieses Bewusstsein in dem kleinen, schmalen Roman mit seinem traurigen Ende zum Tragen denn in dem Werk, mit dem sie berühmt wurde, ihrer Biographie Kaiser Hadrians („Ich zähmte die Wölfin“). „Der Fangschuß“ ist eine Erzählung von Wölfen, die, obwohl gefangen in den Grenzen von Klasse und Kaste, nicht zähmbar sind – Leidenschaften, die nicht beherrschbar sind, Grausamkeiten, die im Krieg zu Tage treten. Yourcenar, der Freigeist, schrieb hier über tragisch Gefangene – ergreifend und unvergesslich.

2 comments on “Marguerite Yourcenar: Der Fangschuß”

    1. Unbedingt! „Der Fangschuß“ ist ja eher ein „Appetithäppchen“. Ihre autobiographischen Werke dürften dir besonders gefallen.

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