Marlene Streeruwitz: Verführungen

Der erste Roman der österreichischen Autorin Marlene Steeruwitz handelt von weiblicher Selbstbehauptung. Unterhaltsam zu lesen, bitterböse und realitätsnah.

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Bild: Michael Flötotto

„Helene ging zu ihm. Er breitete die Arme aus. Während der drei Schritte auf ihn zu dachte Helene, sie müsse mit ihm reden. Über die letzte Nacht. Das Geld. Und das Telefonieren. Henryk schloß die Arme um sie. Helene lehnte ihre Stirn gegen seine Schultern. Ihr fiel ein, daß sie mit jedem Mann in ihrem Leben dieselben Themen zu besprechen hatte. Helene war müde.“

Marlene Streeruwitz, „Verführungen. 3. Folge, Frauenjahre“, 1996.

Helene, die Protagonistin dieses Debütromans der österreichischen Autorin, ist meistens müde. Nicht lebensmüde, auch wenn dieser Gedanke ab und an aufschimmert (und dann allein schon der Kinder wegen vehement weggeschoben wird), auch wenn andere Frauen sich im Verlauf der geschilderten Monate aufgeben, nein lebensmüde ist Helene nicht. Aber völlig erschöpft. Kein Wunder: Vom Ehemann sitzengelassen, der für die Frauen und die beiden Töchter keinen Pfennig erübrigt, in einer Wohnung Tür an Tür mit der wehleidig-jammernden Schwiegermutter, von den Eltern verurteilt, in einem seltsamen PR-Job gefangen, in dem sie, die talentierte Teilzeitkraft, gnadenlos unterbezahlt den Job des Chefs macht. Die kapriziöse Freundin – ein wenig klischeehaft „Püppi“ genannt – ruft meist nur an, wenn sie in Beziehungskatastrophen steckt und von der Männerwelt ist eh wenig Unterstützung zu erwarten: Kaum hat sich Henryk, der mittellose Musiker, bei ihr eingenistet, führt er sich auf wie die Made im Speck.

Marlene Streeruwitz ist eine politische und feministische Autorin – und insofern ist kaum eines ihrer Theaterstücke, mit denen sie zunächst bekannt wurde, oder einer ihrer Romane unumstritten. Dabei – und dies zeigte bereits ihr erste Roman – beschreibt sie nur das, was ist: Zugespitzt zwar, wie bei Helenes Situation, aber eben auch kein außergewöhnliches Frauenleben, eine, die „ins Leben gepreßt“ ist, die müde davon ist, funktionieren zu müssen: Als Frau. So realitätsnah einerseits, mit so viel „galligem Humor“ (eine Beschreibung, die im Feuilleton gerne für die Werke von Streeruwitz verwendet wird) andererseits und eben offen auf der Seite der Frauen positioniert: Diese Art des Schreibens ruft naturgemäß mehr oder weniger qualifizierte Kritiker hervor.

Dabei gäbe es gerade an diesem Debütroman wenig bis nichts zu mäkeln: Wie Helene sich trotz aller Widrigkeiten durch das Leben hangelt, das ist unterhaltsam zu lesen und spannend, bisweilen bitterböse, schreiend komisch, aber auch voller Wärme, vor allem in den Beschreibungen des Mütter-Töchter-Gespanns. Die Sprache, ein, wie sich an späteren Werken zeigte, Streeruwitz-Merkmal, ein Stakkato, kurze, oftmals unvollständige Sätze, ein Stil, an den man sich schnell gewöhnt, der einen in den Fluss dieser Frauengeschichte hineinreißt.

Sabine Harenberg stellt in einer Besprechung bei „literaturkritik.de“ einen Zusammenhang zwischen Sprache und weiblicher Erotik her:

Marlene Streeruwitz´ Prosatext „Verführungen“ läßt sich nicht einfach dem Genre „Erotische Literatur“ subsumieren. Der bereits erwähnte, durchgängig beibehaltene Gleichklang des Erzählens scheint ein Hinweis darauf zu sein, daß der Text keine erotisierende Wirkung auf die Leser ausüben will. Es wäre aber auch verfehlt, „Verführungen“ als anti-erotische Literatur zu charakterisieren, weil der Text nicht jede Form von Erotik verneint. Es finden sich Ansätze erotischer Momente, die jedoch sofort aufgehoben und wieder zerstört werden. Diese Zerstörung spiegelt sich auch in der Syntax wider. So zeigt sich, daß durch die deutlich beschädigte Sprache auch auf der Ebene des Erzählens Helenes beschädigte Sexualität zum Ausdruck gebracht wird. Das Bewußtsein dieser Beschädigung in Verbindung mit einer grundlegenden Sehnsucht nach mehr als nur einer erfüllten Sexualität evoziert in der Protagonistin unlösbare Widersprüche, die sie immer wieder fast am Leben verzweifeln lassen: „Sie hatte keine Sehnsucht mehr. Nicht einmal danach. Es machte sie traurig. Zermürbt, dachte sie. Bist Du endlich zermürbt.“

Diese Interpretation greift einen Aspekt heraus, dabei aber auch zu kurz: Natürlich geht es in „Verführungen“ auch um Lust, Liebe und Begehren. Dafür ist nur wenig Platz, wenn man den geerbten Schmuck zum Pfandleiher bringen muss, um ein Essen für die Kinder auf den Tisch zu bekommen. Die „Verführungen“, die sich der müden Helene eröffnen, sind weniger erotischer denn seelischer Natur: Die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Zu funktionieren. Muttertag zu feiern, das Fremdgehen des Gatten zu dulden, die Kapriolen der Busenfreundin lächelnd zur Kenntnis zu nehmen. Die Altersgeilheit des Chefs zu akzeptieren, das Gejammere der Kollegin zu schlucken. Die eigenen Grenzen Tag für Tag überschritten zu sehen.

Es geht in diesem Roman meiner Meinung um das Thema weiblicher Selbstbehauptung, weit über die Grenzen der Erotik hinaus. Es geht um die Befreiung aus Rollenmustern in jeglicher Hinsicht. Es geht darum, ob Helene weiterkämpft oder müde liegenbleibt. Am Ende siegt die Energie: Helene schmeißt den Schmuddeljob hin, den Schmuddelmusiker raus, geht gegen den verlogenen Ehemann rechtliche Schritte an und macht vor allem eines, sie nimmt ihr Leben in die eigene Hand. Den „Verführungen“ widersteht sie, auch wenn ihr Weg sie am Ende des Buches erst einmal ins Arbeitsamt führt:

„Helene lehnte den Kopf gegen die Wand hinter sich. Zuerst würde sie den Computerkurs machen. Und dann war Weihnachten. Und dann. Im nächsten Jahr würde alles besser werden. Helene wurde aufgerufen.“

Wer noch mehr von Marlene Streeruwitz lesen möchte, dem sei ihr Roman „Nachkommen“ empfohlen, eine 2014 erschienene kritische Abrechnung mit dem Literaturbetrieb. Zum Einlesen empfehle ich die Rezension beim grauen Sofa. Musikalisch hat mich beim Lesen des Buches übrigens ein Lied von Konstantin Wecker dauerhaft begleitet:

12 comments on “Marlene Streeruwitz: Verführungen”

  1. Liebe Birgit,
    ein Thema, von dem ich nicht weiß, ob ich es durchstehe oder ob ich manchmal die Heldinnen nur schütteln möchte, ob der Dummheit und Schwäche, die sie zeigen. Nun habe ich aber gelernt, dass Stärke und Mut ein hohes Gut ist, dass die wenigsten von ihrer Mentalität an den Tag legen können und so bin ich von meinem „hohen Roß“ herunter gekommen und überlege, wie man Mut geben kann. Das ist sehr, sehr schwierig, auch da hat mir meine Erfahrung gelehrt, dass Mut nicht einfach zu geben ist. Die Heldin, die du hier beschreibst, schafft den Absprung und ich hoffe, sie gibt anderen Mut. Es ist so schwer neben der Familie und der Gesellschaft zu stehen, wo Frau doch einfach nur Harmoniesüchtig ist.
    Ich habe mir „Die Preisträgerinnen“ heruntergeladen, eine halbstündige Kurzgeschichte von Marlene Streeruwitz. Mal schauen …..
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne,
      oje … wenn meine Besprechung den Eindruck erweckt, diese Helene sei dumm oder schwach, dann habe ich sie vielleicht falsch angesetzt. Also sie ist eigentlich das Gegenteil davon, sogar ziemlich witzig und clever- aber die Verhältnisse sind eben übermächtig. Und wer will schon immer kämpfen? Manchmal flüchtet man sich ja auch aus Bequemlichkeit in Lebenslagen, die nicht stimmig sind. Und ich glaube, das trifft auf Frauen ebenso zu wie auf Männer. Insofern ist ihr Beispiel dann schon ermutigend, weil sie diese Verführungen ja abwehrt… Nun, ich bin gespannt, wie dir die Kurzgeschichte, die ich nicht kenne, gefällt … Herzliche Grüße von Birgit

      1. Liebe Birgit,
        vielleicht hast du Helene nicht falsch angesetzt, sondern ich habe die vielen Geschichten, die ich gehört habe, auf sie projeziert und so das negative Urteil aufgebaut.
        Ich habe gleich gestern die Kurzgeschichte gehört, sie ist sehr gut produziert und verstärkt das geschriebene durch geflüsterte Wörter. Die Geschichte ist verstörend und ich muss es nocheinmal hören. Nur gut 30 Minuten wird gelesen aber der Eindruck, den das Buch bei mir hinterlassen hat ist phänomenal.
        Ich habe dir den Link gesendet. Ich weiss, du hört normalerweise keine Bücher, aber es sind nur 30 Minuten …..
        Liebe Grüße sendet dir Susanne

      2. Liebe Susanne, Marlene Streeruwitz hätte vielleicht ihren Roman auch „Verstörungen“ statt „Verführungen“ nennen können: Ja, ihre Bücher rütteln einen schon durch, auch in der Selbstwahrnehmung der eigenen weiblichen Rolle. Ich bin sehr gespannt auf die Geschichte, herzlichen Dank! Dir ein schönes, ruhiges Wochenende vor dem großen Weihnachtstrubel, herzlichst, Birgit

    1. Das ist die einzige Platte überhaupt von ihm, die ich noch ab und an höre – da war er noch richtig gut. Und fesch, wie du feststellst 🙂

  2. Liebe Birgit, was Du (bzw. Marlene Steeruwitz) beschreibst, erinnert mich an Beobachtungen im Familien- und Freundeskreis. Ausgerechnet diese Frauen haben leider keine Zeit mehr zum Lesen, sonst wäre das sicherlich ein passendes Weihnachtsgeschenk. Herzliche Grüße aus der nasskalten Uckermark, Peggy

    1. Liebe Peggy, tatsächlich denkt sich Helene irgendwann, dass sie ja nicht einmal zum Lesen komme, seit Jahren kein Buch mehr gelesen habe – daran sieht man, wie gut die Autorin die Realiät aufgefangen hat.
      Ich hoffe, euer Weihnachten wird unabhängig vom Wetter sehr schön! Liebe Grüße von Birgit

  3. Ah ja, dieses Buch gehört zum Kanon einer besonderen Sorte feministischer Literatur, die es satt hatte, die vielbeschworene Selbstbehauptung als eine individuelle Aufgabe darzustellen, sondern der noch einmal, wie schon die feministische Literatur der Siebziger, auf eine erschütternde Art das Gefangensein in einer Rollenerwartung thematisiert hat. Vielen Dank für die Erinnerung daran und an diese Autorin, die auch in ihren späteren Geschichten immer einen ganz speziellen Blick transportiert hat. Z.B. in „Die Schmerzmacherin“.
    Liebe Grüße und schöne Feiertage, Dagmar

    1. Liebe Dagmar, danke für Deinen Kommentar – Du bringst das auf den Punkt, was mir ein Anliegen war mit der Rezension: Die Selbstbehauptung ist schwierig und kräftezehrend, solange die Strukturen und Rollenerwartungen noch andere sind. Und das gilt bis heute – für Frauen und Männer.
      An Weihnachten wird das ja in vielen Familien besonders deutlich 🙂
      Herzliche Grüße und auch Dir ein frohes Fest! Birgit

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