Silke Knäpper: Das Lieben der Anderen

Silke Knäpper gibt der Paarung „Therapeut und Patientin“ eine eigene Dimension. Ein Drama aus Übertragung und Gegenübertragung, aus Liebe und Hass.

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„Simon überlegte, wie er das Gespräch fortführen sollte. Diese Frau war ein harter Brocken, eigentlich mochte er das. Aber irgendetwas beunruhigte ihn an dieser Patientin. Sie war nicht eigentlich schön. Hässlich-schön, könnte man sagen. Er suchte nach Worten, um die seltsame Anziehung zu beschreiben, die Helen auf ihn ausübte. Ungreifbar, ätherisch, androgyn. Kontrolliert, auch das. Dabei ängstlich-nervös und zart. Sie hatte etwas Klirrendes an sich, etwas Zerbrechlich-Kaltes. Helen Winter. Nomen est omen, dachte er. Eine Frau wie ein Winterfrost. Er musste an die Schneekönigin denken aus dem Märchen, die in ihrem Eispalast saß und verbitterte, nur ein heißes Herz konnte ihre Herrschaft zum Schmelzen bringen. Er fragte sich, wo unter dieser Kälte sich ein Funken versteckt hielt. Ob diese Kälte nur dazu diente, sie zu schützen. Ihr Feuer zu verbergen.“

Silke Knäpper, „Das Lieben der Anderen“, Klöpfer & Meyer Verlag Tübingen, 2018.

Das versteckte Feuer bekommt Simon, der Therapeut, schnell genug zu spüren: Steht er doch im Brennpunkt des Interesses seiner neuen, rätselhaften Patientin, ist er es doch, für den diese hochneurotische Frau entflammt ist. Von ihm erhofft sie sich die Liebe zu erhalten, die ihr der unbeständige Vater nie geben konnte, die Zuneigung, die mit dem Tod des Bruders verloren ging, die Anerkennung als Frau, die er der ehemalige Partner versagte.

Übertragung nennt man dies in der Psychoanalyse. Und es ist ein ebenso beliebter „Kniff“ in Krimis und Thrillern. Doch mit der Einengung auf das Krimiliteratur-Genre griffe man beim jüngsten, dem dritten Roman der Ulmer Autorin Silke Knäpper zu kurz. Es ist ein – um dieses irgendwie seltsame Wort zu nutzen – „Seelenkrimi“ im besten Sinne. Was Silke Knäpper interessiert, das sind die inneren Prozesse und Dynamiken, die ausgelöst werden, wenn ein Stein das Drama ins Laufen und Rollen bringt.

In „Das Lieben der Anderen“ ist der Stein durchaus ein „harter Brocken“: Claire, die Ehefrau Simons, stürzt in der Nacht vom Balkon der gemeinsamen Wohnung. Helen, die das Drama beobachtet, eignet sich zunächst die Wohnungsschlüssel an, schleicht sich in Simons Leben ein, besetzt Schritt für Schritt das „Leben der anderen“.

„Das Leben der anderen war erfüllt, dachte Helen, und aufregend. Bunt. Nicht so blass wie ihr eigenes Dasein, das ihrem eigenen Körper glich, so hager und androgyn, unweiblich, flachbrüstig, ohne Höhen und Tiefen.“

Spannung gewinnt der Roman durch die Tatsache, dass bis zuletzt offen bleibt, was in jener Nacht geschah, ob Simon zum Täter wurde, ob seine Geliebte Anna mit in der Wohnung war, ob die depressive Claire, einst selbst Patientin ihres Mannes, den „Freitod“ wählte. Tiefe erhält das Buch aus der allmählichen Entwicklung der Figuren. Silke Knäpper erzählt aus wechselnden Perspektiven, in einer ruhigen, geerdeten Sprache leuchtet sie Entwicklung Helens ebenso wie Simons aus, entfaltet nach und nach die ganze Innenschau. Denn die Ereignisse setzen auch bei dem Therapeuten etwas in Gang, zwingen ihn zur Selbstbeschau. Übertragung und Gegenübertragung gewissermaßen. Und mehr und mehr wird deutlich, wie Simon – nicht viel anders als Helen – ebenfalls in seiner Kinderzeit beschädigt wurde, wie auch ihn ein Mangel ein Leben lang begleitet. Der Therapeut, der seine eigenen seelischen Verletzungen nicht zu erkennen vermag: Kein ungewöhnlicher Fall.

„Er hatte gelernt sich in Zurückhaltung zu üben, er wusste, wann er zu schweigen hatte, wann die Fragen unerwünscht waren, wann er leise sein musste oder Dankbarkeit zeigen. Später hatte er gelernt, sich zu nehmen, was ihm zustand, und dabei zu verbergen, was ihn im Innersten betraf. Er war ein Spieler, das wusste er. Und dort unten wartete eine Frau, die leidenschaftlich darauf brannte, es mit ihm aufzunehmen.“

Wie die beiden Menschen sich im gegenseitigen Wechsel von Abneigung und Hilfsbedürftigkeit zu einem extremen, dramatischen Ende steigern, das ist schlüssig und spannend: „Eskalation durch Konfrontation“.

Und doch bringt diese Konfrontation mit den eigenen Schattenseiten keine Erlösung – ein alles auflösendes Wohlfühlende verweigert Silke Knäpper ihren Lesern. Zurück bleiben „Nur Leere. Und Scham.“ Und die Erkenntnis: Die Hölle, das sind nicht nur die anderen. Die Hölle, das sind wir uns meistens selbst.

Mehr Information:

Das Lieben der Anderen
Silke Knäpper
Klöpfer & Meyer Verlag, 2018
22,00 Euro
236 Seiten, geb., Schutzumschlag
ISBN 978-3-86351-474-7


Zur Homepage der Autorin: http://www.silke-knaepper.de/


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