Toni Morrison: Menschenkind

„Beloved“ ist eines der Bücher, die man nie mehr vergisst. Für den Roman erhielt Toni Morrison den Pulitzer-Preis. Ein eindringliches und erschütterndes Buch.

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„Doch ihr Hirn interessierte sich nicht für die Zukunft. Vollgestopft mit Vergangenheit und gierig nach mehr, ließ es ihr keinen Raum, sich den nächsten Tag auch nur vorzustellen, geschweige denn ihn zu planen. Genau wie an dem Nachmittag damals in den wilden Zwiebeln – als der nächste Schritt das Äußerste an Zukunft war, was sie vor sich gesehen hatte. Andere Menschen wurden wahnsinnig, warum konnte sie das nicht? Bei anderen hörte das Denken einfach auf, wandte sich ab und ging zu etwas Neuem über; so etwas mußte Halle wohl widerfahren sein.“

Toni Morrison, „Menschenkind“, 1987

In einigen Rezensionen zu Akwaeke Emezis Roman „Süßwasser“ wird auf Toni Morrisons Werk „Menschenkind“ (OA: „Beloved“), für den sie 1988 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, Bezug genommen: Beide Bücher stellen Frauen in den Mittelpunkt, die vor einer unerträglichen Realität vorübergehend in den Wahnsinn flüchten. Beide Bücher zeigen aber ebenso auch: Diese Frauen sind stark, unzerbrechbar, ungebrochen, Überlebende. Bei genauem Hinsehen wird zudem klar: Der ihnen zugeschriebene Wahnsinn haust in den Hirnen der anderen. Der Irrsinn liegt dort, wo Menschen meinen, sie hätten legitime Gewalt über Menschen anderen Geschlechts, anderer Rasse, anderer Herkunft.

Während „Süßwasser“ jedoch in der Gegenwart spielt, geht Toni Morrison in „Beloved“ weit zurück in die Vergangenheit. Während ihrer Arbeit in den 1970er-Jahren als Herausgeberin und Verlagslektorin am „Black Book“, einem Band über die Geschichte der Amerikaner afrikanischer Abstammung, stieß Morrison auf eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1851 über die entflohene Sklavin Margaret Garner. Die Frau wurde von den Häschern in Ohio aufgegriffen. Sie versuchte, ihre vier Kinder zu töten, um diese vor dem Sklavendasein zu bewahren, eines stirbt.

Die spätere Literaturnobelpreisträgerin hatte sich bis dahin wenig mit der Geschichte ihrer Vorfahren beschäftigt: Die Recherchen zu „Black Book“ und der Roman „Menschenkind“ machten Toni Morrison jedoch endgültig zu der großen Schriftstellerin und Humanistin, zu dem Gewissen der Vereinigten Staaten. „Beloved“ ist ein Roman, den man nicht mehr vergisst und eines der wichtigsten und besten Bücher der amerikanischen Literatur der letzten Jahrzehnte.

Die Geschichte von Sethe wird aus mehreren Perspektiven erzählt, ist stilistisch und sprachlich anspruchs- und wundervoll. Passagen, in denen ganz nüchtern von der kaum auszuhaltenden  Gewalt und Entmenschlichung, der Sklaven ausgesetzt waren, erzählt wird wechseln sich ab mit geradezu lyrischen Passagen. Und auch hier findet sich die typische Verwebung realistischer Sequenzen mit Szenen reinster Magie. Elisabeth Wehrmann kommentierte 1989 in der Zeit zur deutschen Übersetzung:

„Was Toni Morrison in dunklen Melodien beschwört, wofür sie eine Sprache findet, die jede Nuance von zarter Lyrik bis zum harten Slang trifft, ist nicht nur das unversöhnte Erbe, der unüberbrückbare Gegensatz von schwarzer Menschlichkeit und menschenzerstörender weißer Kultur. Die komplizierte Struktur ihres Romans mit ihren wechselnden Zeitebenen und Perspektiven beschreibt auch zögernd, auf Umwegen und gegen innere Widerstände den Prozeß einer Trauerarbeit, entwickelt aus der Spannung von Magie und Wirklichkeit ein Ritual der Heilung.“

Erzählt wird in der Rückblende: Fast zwei Jahrzehnte nach der Flucht von Sethe und ihrer Bluttat trifft sie Paul D. wieder, ebenfalls einer der Sklaven von „Sweet Home“ (was für ein Euphemismus!). Sie lebt mit Denver, ihrer Tochter, abgeschieden und isoliert im Haus ihrer verstorbenen Schwiegermutter (die von ihrem Sohn durch zusätzliche Fronarbeit freigekauft werden konnte) in Cincinnati, wo die Sklaverei überwunden ist (nicht jedoch der Rassismus). Paul D. bringt in das unheimliche Haus, das von Gespenstern beherrscht wird, einige wenige Augenblicke der Unbeschwertheit – bis auch er mit den Geist der Vergangenheit konfrontiert wird: „Menschenkind“ ist die Verkörperung der getöteten Tochter, die an ihrer Mutter hängt wie ein Bleigewicht, sie aussaugt wie ein Vampir, die die Liebe einfordert, die ihr durch den Tötungsakt genommen wurde. Sie ist der Geist und das Fleisch gewordene unaushaltbare Gewissen.

Und dennoch stellt sich beim Lesen immer wieder die Frage: Ist die Tötung eines Kindes, um es vor dem schrecklichsten aller Leben zu bewahren, nicht nur ein Akt der Verzweiflung, sondern auch der Befreiung? Toni Morrison äußerte selbst dazu, dass die Tat „das absolut Richtige war, sie (Margaret) aber nicht das Recht hatte, es zu tun.“ Ein unauflösbares Dilemma, ein furchtbarer Akt der Auflehnung gegen die Entmenschlichung, vor dem sich Sethe nur in den Wahnsinn retten kann.

Doch auch dies wird deutlich: Der eigentliche Irrsinn liegt auf der Seite der Sklavenhalter. Nach und nach wird die ganze Brutalität dieses dunklen Kapitels der amerikanischen Geschichte enthüllt: Familien, die auseinandergerissen, Kinder, die von der Mutterbrust wegverkauft werden, Männer, die verbrannt, gefoltert, in Fußeisen gelegt und Maulsperren malträtiert werden, Frauen, die vergewaltigt, wie Zuchtvieh gehalten, gepeitscht und gedemütigt werden. Menschen, denen die Menschlichkeit abgesprochen wird, gehalten wie Tiere.

Gunhild Kübler schreibt in „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“ über das Buch:

„Wer dieses Buch gelesen hat, wird es nicht mehr vergessen. Es verändert einen. Unmöglich, hier in der üblichen Lektüredistanz zu verharren. Auch deshalb, weil Toni Morrison geradezu hypnotisch eindringlich erzählt. Wie der Geist, von dem die Rede ist, kehren hier die Schrecken eines der großen Verbrechen der Menschheitsgeschichte wieder.“

Heidi Thomann Tewarson arbeitet in ihrer rororo-Monographie zu Toni Morrison noch einen weiteren Aspekt des Romans deutlich heraus: Dem der Selbstfindung, dem Bemühen, eine eigene Identität zu erhalten. Für Sethe und Paul D., denen diese in der Sklaverei genommen wurde, ein zusätzlicher Kraftakt, aber auch für die Nachfahren. Für die drei Hauptprotagonisten – das Paar und Denver, die Tochter – hält der Roman ein fragiles, aber versöhnliches Ende bereit: Sie lernen mit einer Vergangenheit, in der sie vor allem Opfer, aber eben auch Täter waren, zu leben.

Aber „Menschenkind“, die Namenlose, existiert weiter, in den Träumen, in der Hinterkammer des Gewissens. Heidi Thomann Tewarson:

„Das Geschichtenerzählen hat ihnen weitergeholfen. Die ungeheuerlichste Geschichte aber, die des toten Mädchens, die auch für das abgrundtiefe Leiden der unzähligen anderen Opfer steht, ist unfassbar – also nicht in Worte zu fassen. Deshalb – und so endet Toni Morrison – ist dies keine Geschichte zum Weitererzählen.“

Mehr Information:

– Verlagsinformationen zu „Menschenkind“
Morrison-Monographie
von Heidi Thomann Therwason
– Besprechung in der „Zeit“

 

 

 

 

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