LITERARISCHE ORTE: Hans Sachs und die Szenen einer Ehe

Hans Sachs, der Meistersinger aus Nürnberg, ist der bekannteste Vertreter seines Standes, der sich zu jener Zeit auch die Künste eroberte.

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Hans-Sachs-Denkmal in Nürnberg.

Reichtum ist da ein selt’ner Gast,
wo man täglich schlemmt und praßt,
denn bei dem Saufaus trifft man eben
ein wüst‘ und ungeregelt‘ Leben,
draus bitt’re Armut auferwachs‘ –
das sagt von Nürnberg euch Hans Sachs.

Verehrt, vergessen, vereinnahmt: So könnte man das Leben und die Nachwirkung des Mannes, dessen Namen mit Nürnberg so eng verbunden ist, zusammenfassen. Hans Sachs (1494 – 1576) zählte zu den bekanntesten Dichtern des 16. Jahrhunderts und ist neben Albrecht Dürer (1471 – 1528) einer der beiden berühmten Söhne, die damals in der freien Reichsstadt lebten und wirkten.

Für Bürgerstädte wie Nürnberg und Augsburg war dies ein goldenes Zeitalter, sie waren „global player“, Handels- und Handwerksmetropolen. Von neuem Selbstbewusstsein und zunehmenden Wohlstand in Teilen des „dritten Standes“ zeugte auch die Zuwendung der Bürger zu den schönen Künsten. Die Kunst wurde freier und frei zugänglicher. So begannen sich im 15. Jahrhundert erstmals bürgerliche Dichter und Sänger zunftartig zusammenzuschließen, der Begriff „Meistersinger“ war geboren.

Hans Sachs, selber Sohn eines Schneidermeisters und sein Leben lang in seinem Beruf als Schuhmacher tätig, wurde – auch befördert durch den aufkommenden Buchdruck –  der berühmteste seiner Gattung. Neben 4000 sogenannten Meistergesängen werden ihm noch über 2000 weitere Werke unterschiedlichster Art zugeschrieben: Unter anderem sechs Prosawerke, in denen er, ein überzeugter Anhänger der Reformation, sich mit dieser Bewegung auseinandersetze, aber auch zahlreiche sogenannte „Fastnachtsspiele“, die als Stilmittel am Anfang eines bürgerlichen, weltlichen Theaters standen.

Seine Themen waren vielseitig, mal ernst, mal heiter, mal derb, mal philosophisch und lebensweise, alltagspraktisch oder einfach auch auf den richtigen Benimm ausgerichtet:

Ist wo ein Gast so unverschämt,
Vor der Herrschaft und anderen Gästen,
Daß er bei Tisch greift nach dem Besten,
Und sich der Schleckerbißlein fleißt,
Und dafür lahme Zoten reißt,
Dem höret man wohl zu und lacht,
Doch wird von jedem still gedacht:
O pfui! du unverschämte Sau!
Auch denkt im Hause Herr und Frau:
Der ist mit Unflat arg besessen,
Kann nichts als Saufen, nichts als Fressen,
Als wollt‘ es ihm entwischen immer;
Und lädt die Sau fortan dann nimmer.
Der Gäst gibts viel jenseits des Bachs
Und diesseits auch, so spricht Hans Sachs.

Aufgrund seiner Produktivität und seines Bekanntheitsgrades schon zu Lebzeiten wird Sachs oftmals als der erste bürgerliche Dichter bezeichnet. Auch wenn solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind – unbestritten ist, dass Kunst und Literatur durch Menschen wie Hans Sachs und die entsprechenden Verbreitungsmittel immer mehr auch zur „Volkssache“ wurden. Nach seinem Tod jedoch wurde der Meistersinger aus Nürnberg, der bis auf wenige Wanderjahre als Geselle sein Leben dort verbrachte, nach und nach vergessen. Die Wiederentdeckung durch Goethe, die Würdigung seiner Prosawerke durch Lessing, vor allem aber Richard Wagners Oper brachten den Nürnberger wieder ins Bewusstsein.

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Beim Neuen Museum Nürnberg erinnern Schriftzüge an Hans Sachs, Dürer, Hegel und andere, die Kunst und Geistesleben der Stadt prägten.

Doch die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten blieb leider auch nicht aus. In Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ wird ein idealtypisches, germanisches Mittelalter gefeiert und Sachs als braver Handwerker und obrigkeitstreuer Bürger stilisiert- mit dieser Oper eröffnen die Nationalsozialisten während ihres Reichparteitages 1935 das umgestaltete Nürnberger Opernhaus. Das Bild vom braven, mutigen deutschem Mann ist jedoch ebenso einseitig wie die Überzeichnung des Dichters als radikaler und revolutionärer Autor, als spätmittelalterliches Vorbild für den Klassenkampf.

Wie Sachs diese Vereinnahmungen empfunden hätte? Schwer zu sagen. Seine Schriften stehen für ihn ein – sie zeigen, dass dahinter nicht nur ein einfacher Schuhmacher, sondern ein gebildeter Kopf und ein kluges Menschenherz steckten. So zieht er in „Summa all meiner gedicht vom 1514. jar an bis ins 1567. jar“ eine anrührende Lebensbilanz:

wie mir das auch nach meinem leben
mein gedicht werden zeugnus geben;
wan die ganz sum meiner gedicht
hab ich zu eim bschluß zugericht
in meinem alter, als ich war
gleich alt zwei und sibenzig jar,
zwei monat und etliche tag.
darbei man wol abnemen mag,
das der spruch von gedichten mein
gar wol mag mein valete sein,
weil mich das alter hart vexiert,
mich druckt, beschwert und carceriert,
das ich zu ru mich billich setz
und meine gedicht laß zuletz
dem gutherzign gemeinen mon,
mit gots hülf sich beßer darvon.

Vergessen ist sein Name heute zwar nicht mehr, aber gelesen wird er wohl nur von ganz wenigen: Dies liegt an einer Sprache und Dichtung, die durchaus etwas aus der Zeit gefallen ist. Die auch Mühe und Geduld erfordert – doch wer sich eine Zeit lang mit seinen Texten beschäftigt, wird mit weit mehr belohnt als nur sehr guten Kalendersprüchen.

Verliebt, verlobt, verheiratet: In seiner Heimatstadt Nürnberg findet man bei einem Bummel durch die Altstadt noch manchen Hinweis auf den Meistersinger. Nicht besonders attraktiv ist heutzutage der Hans-Sachs-Platz, in dessen Zentrum eine Statue von Johann Konrad Krausser seit 1874 an den Meistersinger erinnert. In unmittelbarer Nähe stand einst die Nürnberger Hauptsynagoge, die 1938 abgetragen wurde, weil sie laut Julius Streicher das „schöne deutsche Stadtbild erheblich störte.“  Dass die eigentlichen Störenfriede jedoch die Faschisten an der Macht und ihre Gefolgsleute waren, hatte insbesondere auch für Nürnberg bittere Folgen: Die „Stadt der Reichsparteitage“ und der Nürnberger Gesetze, sie wurde bei den Luftangriffen der Alliierten im Altstadtbereich fast vollständig zerstört, darunter auch das Wohnhaus des Dichters unweit des Platzes.

Heute ist ein weiterer Anlaufpunkt in Nürnberg nicht nur dem Dichter, sondern im Grunde auch seiner Ehefrau Kunigunde, mit der er 41 Jahre verheiratet gewesen war, gewidmet: Der 1984 aufgebaute Hans-Sachs-Brunnen, ein großer, ausladender Figurenbrunnen in der Nürnberger Fußgängerzone. Er zeigt die Szenen einer Ehe nach dem Gedicht „Das bittersüße eh’lich‘ Leben.“: Vom reinsten Glück der Verliebten zur handfesten Beziehungskrise bis hin zum Abschiednehmen im Alter. Übrigens: Obwohl er seiner Kunigunde, die ihm zudem sieben Kinder gebar (die Hans Sachs alle überlebte), treu verbunden war, heiratete er nun ein Jahr nach ihrem Tod ein zweites Mal. Das hatte – für damalige Zeiten nicht ungewöhnlich – vor allem praktische Gründe: Sachs, mit 67 Jahren verwitwet und alle Kinder überlebt, brauchte jemand, der ihn versorgte. Und seiner zweiten Frau, einer 27-jährigen Witwe mit sechs Kindern, ging es ebenso.

Der von Bildhauer Jürgen Weber gestaltete Brunnen war zunächst stark umstritten. Tatsächlich sind die Szenen deftig und drastisch ausgestaltet, zarte Gemüter können sich durchaus daran stören. Mich erinnern manche Details des Kunstwerks eher an barocke Stilmittel, die mit dem Dreißigjährigen Krieg und den Erschütterungen, die für die Menschen damit einhergingen, aufkamen. Barocke Vanitasmotive statt spätmittelalterlicher Zurückhaltung. Gleichwohl: Jedes Mal, wenn ich nach Nürnberg komme, gibt es am „Ehekarussell“ etwas Neues für mich zu entdecken. Und Touristen wie Einheimische lassen sich von Gevatter Tod und Bruder Dekadenz eh nicht schrecken – der Platz ist ein wuseliger, lebendiger Aufenthaltsort, über den Hans Sachs seine behütende Dichterhand hält.

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Auf einem Herz aus Stein findet sich das Ehegedicht in ganzer Länge.

Vor allem passt das Kunstwerk aber auch zu den ziemlich direkten Worten von Hans Sachs über seine Kunigunde:

Das bittersüße ehlich Leben

Gott sei gelobet und geehrt,
der mir ein frumb Weib hat beschert,
Mit der ich zwei und zwanzig Jahr
gehaust hab, Gott gab länger gar
Wiewohl sich in mein ehling Leben
Hat Süß und Saures oft begeben
Gar wohl gemischt von Freud und Leid,
Erst auf, dann ab, ohn Unterscheid.
Sie hat mir nit stets kochet Feigen,
will schwankweis Dir ein Teil anzeigen.

Sie ist ein Himmel meiner Seel,
Sie ist auch oft mein Pein und Hell,
Sie ist mein Engel auserkoren
Ist oft mein Fegeteufel woren.
Sie ist mein Wünschelrut und Segen,
Ist oft mein Schauer und Platzregen,
Sie ist mein Mai und Rosenhag,
Ist oft mein Blitz und Donnerschlag,

Mein Frau ist oft mein Schimpf und Scherz,
Ist oft mein Jammer, Angst und Schmerz,
Sie ist mein Wunn und Augenweid,
Ist oft mein Traurn und Herzeleid,
Sie ist mein Freiheit und mein Wahl,
Ist oft mein Gfängnis und Notstall,

Sie ist mein Hoffnung und mein Trost,
Ist oft mein Zweifel, Hitz und Frost,
Mein Frau ist meine Zier und Lust,
Ist oft mein Graun und Suppenwust,
Ist oft mein königlicher Sal,
Ist oft mein Krankheit und Spital,

Mein Frau, die hilft mir treulich nähren,
thut mir auch oft das Mein verzehren,
Mein Frau, die ist mein Schild und Schutz,
ist oft mein Frevel, Poch und Trutz.
Sie ist mein Fried und Einigkeit
Und oft mein täglich Hebensstreit,

Sie ist mein Fürsprech und Erlediger
Ist oft mein Ankläger und Prediger,
Mein Frau ist mein getreuer Freund,
Oft worden auch mein größter Feind,
Mein Frau oft mietsam ist und gütig,
Sie ist auch zornig oft und wütig,
Sie ist mein Tugend und mein Laster,
Sie ist mein Wund und auch mein Pflaster,
Sie ist meines Herzens Aufenthalt,
Und machet mich doch grau und alt.

 

7 comments on “LITERARISCHE ORTE: Hans Sachs und die Szenen einer Ehe”

  1. Liebe Birgit,
    was für ein schöner Stadtrundgang auf den Spuren von Hans Sachs mit erlesenen Texten und wunderbaren Aufnahmen.
    Die Fastnachtsspiele und Schwänke mochte ich als Schüler sehr gerne, und alle paar Jahre wieder besuche in die Aufführungen der Hans-Sachs-Theaterspielgruppe in Sankta Katharina, einer der vormaligen Spielstätten der Meistersänger.
    Auch die Wagner-Oper habe ich mir einmal gegeben, und sie war musikalisch weniger schlimm als befürchtet. Zum Missbrauch durch die Nationalsozialisten zeigt das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände gerade die Ausstellung „Hitler.Macht.Oper“.
    Hans Sachs bearbeitete unter vielen weltlichen und christlichen Stoffen unter anderem auch „Das Gespräch Alexandri Magni mit dem Philosopho Diogeni“, die Legende von Diogenes von Sinope, der allen Gütern gegenüber gleichgültig war, und dies bekundete, indem er ein Faß zu seiner Wohnstätte machte.

    „… Alexander spricht: Was ist der Schatz? Zeig mir die Summ!
    Diogenes spricht: Der Schatz ist allein die Weisheit,
    welliche mich zu aller Zeit
    erlöset aus aller Anfechtung
    und mich tröstet in der Durchächtung.
    O Köng, weil ich die Weisheit hab,
    bedarf ich gar nicht deiner Gab.
    Drum weich! Halt mir nit auf die Sunn!“

    Ein sehr schöner Dialog ist auch „Das Gesprech der Philosophia mit eynem melancolischen, betrübten jüngling“, in dem Hans Sachs das Buch „Trost der Philosophie“ von Boethius nachbildete.

    „… Beschluß.

    Inn dem ich aufferwacht.
    Mit fleiß hertzlich bedacht,
    Wie offt melancoley
    Mit ihrer phantasey
    Manch mensch so hart thut plagen,
    Martren, fresen unnd nagen
    Offt mit kindischen sachen,
    Das er hernach muß lachen,
    Wenn er sich hindter-dencket,
    Wie er sich selb hab krencket
    Umb sunst mit viel ungemachs,
    Spricht zu Nürnberg Hans Sachs.“

    Besten Dank und herzliche Grüße
    Bernd

    1. Lieber Bernd,
      ganz herzlichen Dank für Deine Erweiterung meines Textes – Deine Sachs-Zitate zeigen noch mal eindrücklich, wie gebildet der Mann auch war. Ich finde das schon erstaunlich: Er musste ja wohl seinem Broterwerb immer nachgehen und hatte trotzdem wohl die Zeit und den Ehrgeiz zu lesen, zu schreiben, sich weiterzubilden. Insofern eine Ausnahmeerscheinung, meine ich. Ja, die Meistersinger habe ich mir auch mal angehört, auch andere Opern von Wagner – aber das ist einfach so gar nichts für mich. Von der Ausstellung wußte ich (https://www.tagesspiegel.de/kultur/der-nationalsozialismus-und-die-oper-meister-aus-deutschland/22916396.html), aber meine Tagesreisebegleitung war bei dem schönen Wetter nicht in einen Innenraum zu bewegen – wir haben einfach das Bummeln durch Nürnberg genossen. Daher hab ich mich auch nicht mehr vorher gemeldet, da das ziemlich absehbar war, dass ich mit Museumsvorschlägen nicht weit komme – ich bitte um Nachsicht! Herzlichst, Birgit

      1. Liebe Birgit,
        bei dieser Wetterlage ist ein Stadtbummel zweifellos vorzuziehen!
        Im Stadtbild bleibt Hans Sachs, wie Du gefunden hast, mit einigen schönen Stellen gegenwärtig. Sein beschuhtes Reimwerk lädt zu neuem Entdecken ein. Wenn ich mich recht erinnere an frühere Lektüren, liegen trotz der vielbändigen Gesammelten Werke noch nicht alle handschriftlichen Texte gedruckt vor.
        Auch gut beschuht geht nicht immer alles Gewünschte. Im Kalender hatte ich die Weltfreiwilligenkonferenz in Augsburg dieser Tage – schade; ich mag nachlesen …
        Schöne Grüße, Bernd

    1. Der andere Brunnen ist der Narrenschiffbrunnen, der die Holzschnitte von Dürer zu dem Buch von Brant aufgreift – auch ganz interessant. Dass so auffallende Skulpturen immer wieder umstritten sind, das kennen wir Augsburg gut – der „Lüpertz“-Streit schaffte es ja bundesweit in die Presse. Aber ich vermute, das ist überall so – über Kunst und Geschmack lässt sich halt herrlich streiten.

  2. Hallöchen! 🙂 Schöner Beitrag! In Nürnberg war ich leider noch nie, dieser Post liest sich einfach total gut und macht irgendwie Laune, bzw. neugierig :))) Also vielen dank dafür und generell für die Ablenkung :O :D….muss nämlich eigentlich gerade ein wenig recherchieren, über sportorthopädie köln und sowas :D….also hab auch du noch einen schönen abend! LG Leni;)

    1. Na, dann wird es aber Zeit für einen Städtetrip nach Nürnberg – die Stadt hat viel zu bieten und das fränkische Essen ist sehr lecker, das mögen auch Sportorthopäden 🙂
      Einen schönen Sonntag wünsche ich Dir, Brigit

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