KURZ&KNAPP: Das Leben der Männer

Eine Frage, die sich jeder einmal stellt, der über die Endlichkeit des Lebens reflektiert: Was bleibt? Sie prägt diese drei Romane großer amerikanischer Autoren.

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2018_Erlangen (2)„Als William Stoner sehr jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel einer falschen Religion, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegen sehen sollte. Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder Gnade noch Illusion war; vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung, einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.“

John Williams, „Stoner“

Was zählt, wenn man die Bilanz für sein Leben sieht, die Jahre in der Summe nimmt? Was ist, was bleibt, war es gut? Drei amerikanische Romanciers haben sich dieses zum Thema gemacht – bilanzierende Werke, sprachlich brillant und mit einem großen Schuss Melancholie ausgestattet. Und noch eine Parallele: Alle drei Romane handeln von Männern, deren Berufung weniger das Leben, sondern die Sprache ist – das Schreiben, das Lehren, das Lektorieren. Bei zweien möchte man am Ende sagen: Wenigstens hatten sie dies, hatten sie schon die Liebe nicht.

James Salter – dezente Lakonie

„Irgendwann wird einem klar, dass alles ein Traum ist und nur geschriebene Dinge die Möglichkeit haben, wirklich zu sein.“

Bezeichnend, was James Salter (Jahrgang 1925) seinem Roman „Alles, was ist“ als Motto voranstellt. Die ersten zehn Seiten des Buches branden an wie eine Bugwelle: Der Leser wird wie der junge Philip Bowman hineingerissen in eine Schlacht im Zweiten Weltkrieg im Pazifik. Alles, was folgt – die erste Liebe, das Werben, die Heirat, die Scheidung, der Aufstieg in einem Verlag, Reisen, weitere Geliebte, weitere Trennungen, Freundschaften, Todesfälle, Verluste – nimmt weit weniger Raum ein.

Jede Begegnung mit einer Frau zunächst voller Emotion, Bowman spricht schnell von Liebe – aber mehr und mehr perlen Emotionen von ihm ab, werden Trennungen beiläufiger, scheinen Enttäuschungen und Verluste keine Risse zu hinterlassen. Das Leben läuft so vor sich hin – oder ihm davon, je nach Perspektive. Und am Ende war es das. Und man bedauert diesen Mann, der doch mit allen Möglichkeiten ausgestattet war: Tja, wenn das nun alles war.

Salter erzählt von einem Leben, das von außen glamourös erscheint, voller Ereignisse, in einem lakonischen, beiläufigen, manchmal dezent zynischen Stil, der an John Cheever erinnert. Doch trotz des angefüllten Lebens – es ist am Ende leer. Weil: „Alles, was ist“ ist wenig, wenn man auf Distanz zum Leben bleibt – zum Leben, zu den Lieben, zu den Freunden. Bowman, der eigentlich abwesende Antiheld.

James Salter, „Alles was ist“, OA 2013, in deutscher Übersetzung beim Berlin-Verlag.

John Williams – stille Agonie

„Er hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war (…). Er fand ein ebenso grimmiges wie ironisches Vergnügen an der Möglichkeit, ihn habe jenes bisschen Bildung, das er sich erworben haben mochte, zu folgender Einsicht geführt: Letzten Endes war alles, selbst das Studium, das ihm dieses Wissen ermöglichte, sinnlos und vergeblich und gerann zu einem unabänderlichen Nichts.“

Stoner ist der vollkommene Gegenpart zu Salters Bowman: Ein stiller Mann, der, aus ärmlichen Verhältnissen kommend die Liebe zur Literatur entdeckt, sich ein Leben an der Universität erwählt und geradezu erkämpft, der weder so scheinbar abgeklärt noch zynisch ist wie Salters Held und sich beinahe naiv, still und „unschuldig“ den Verhältnissen in die Hand gibt. Steht Bowman für Eleganz und Glamour, viel Oberfläche, steht Stoner für Arbeit und Dienen, und das in der zweiten Reihe.

Aber er ist einer, der irgendwie mit zäher Kraft überlebt – auch gegen die Umstände: Eine gescheiterte, lieblose Ehe, die geliebte Tochter verfällt dem Alkohol, er selbst wird an der Universität angefeindet und in seiner Berufung beschnitten. Und dennoch behält Stoner Liebe, Mitgefühl, Verständnis und vor allem auch seine Würde. Nur einmal ist ihm im Leben das reinste Glück mit einer Frau vergönnt – Aber auch dies muss scheitern, die Verhältnisse, sie sind nicht so. Ein stiller Held, mit dem man mitleidet und mitlebt – bis zum Ende:

„Die Finger lockerten den Griff, und das Buch, das sie gehalten hatten, rutschte langsam und dann immer rascher über den reglosen Leib und fiel in die Stille des Zimmers.“

Der Roman „Stoner“ erschien 1965 und blieb ohne große Resonanz. Dass er wiederentdeckt wurde, ist eines der kleinen Wunder der Literatur. Stoner, für mich einer der traurigen Helden – ein Mann der Hingabe und der Hinnahme, einer, der sich in Würde in sein Schicksal begibt.

John Williams, „Stoner“, OA 1965, in deutscher Übersetzung bei dtv.

Wallace Stegner – gelassene Melancholie

„Ich stelle mir vor, sie wäre im Kindbett gestorben, unter den Händen jenes Arztes, bei dessen Erinnerung mich heute noch die Wut befällt und dessen Namen ich wohlweislich vergessen habe. Ich hätte diesen Kreißsaal als ein Nichts verlassen, vernichtet durch das blutige Etwas, das auf dem OP-Tisch blieb, aber ich hätte sie überlebt. Ich hätte weitergelebt und wahrscheinlich weitergeschrieben, denn das Schreiben war neben Sally das Einzige, was meinem Leben Sinn und Halt gab.“

In „Zeit der Geborgenheit“ erzählt Wallace Stegner ganz unaufgeregt und gelassen von zwei Ehepaaren, die über Jahrzehnte hinweg miteinander eng verbunden sind. Larry, der Erzähler aus der Ich-Perspektive, hat viel mit „Stoner“ gemeinsam: Er erarbeitet sich den Weg an die Universität, er kommt aus „kleinen“ Verhältnissen, er erobert sich die Literatur. Doch anders als „Stoner“ begegnet ihm das Glück – mit Sally, der Frau, mit der er sein Leben lang zusammenbleiben wird. Als Spiegel dient den Beiden das Ehepaar Sid und Charity – privilegiert, begütert, aber weniger in Liebe denn in Reibung aneinander gekettet. Als Charity im Sterben liegt, zieht der Erzähler auch seine Bilanz: Abgeklärt, weise und voller Dankbarkeit für das Glück, dem einen Menschen begegnet zu sein, der sein Leben zusammenhielt.

Wallace Stegner (1909-1993), unterrichtete unter anderem in Stanford, erhielt für seine Bücher den Pulitzer-Preis und den National Book Award und ist dennoch im deutschsprachigen Raum noch einer der weniger Bekannten der modernen amerikanischen Klassiker. Schade – ich schätze seinen ruhigen, gelassen Erzählstil sehr.

Wallace Stegner, „Zeit der Geborgenheit“, OA 1987, in deutscher Übersetzung bei dtv.

Drei Romane, drei Leben, eine Bilanz:

Jedes Buch für sich kann ich wärmstens empfehlen. Jedes bietet einen Anstoß dazu, nachzudenken, was das Leben alles ist. Was uns zufrieden macht, was uns streben lässt, was gut ist, was wichtig ist.
Für mich war jedoch nach James Salter und John Williams die Lektüre von Wallace Stegner der perfekte, tröstliche Abschluss. Denn woran Salters Held scheitert und was „Stoner“ nicht vergönnt ist, das zumindest erfährt der Erzähler in Wallace Stegners Roman:

„…einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.“

7 comments on “KURZ&KNAPP: Das Leben der Männer”

  1. „Stoner“ ist einer der Romane von denen, die ich in den letzten Jahren lesen durfte, der mich mit am meisten beeindruckt hat. Die beiden anderen kenne ich nicht. Umso mehr danke ich für die Hinweise. Sie kommen auf die Leseliste und rutschen gleich weit nach vorne.
    Liebe Grüße Peter

    1. Lieber Peter,
      ja, auch für mich eines der Bücher der vergangenen Jahre – eines unter den wenigen, die wirklich im Gedächtnis bleiben. Bin gespannt, ob du zu den beiden anderen kommst – Wallace Stegner ist einer, der sich mir mit seiner warmherzigen, ruhigen, klugen Art richtig ins Herz geschrieben hat.

  2. Ein anregender Vergleich, diese „Trilogie“, danke dafür Birgit. „Stoner“ war in der Tat eine eigenartige Lektüre. Ein sehr schön ausgewähltes Eingangs-Zitat bietet Denkstoff. Viele Grüße, Bernd

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