Bummeleien: Mit Astrid Lindgren am Bodensee

Die „friedens räume“ in Lindau sind eines der wenigen Museen in Deutschland, die sich ausschließlich dem Thema „Frieden“ widmen.

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Astrid Lindgrens Lebenslauf und eine Puppe aus ihrem Besitz erinnern an die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels.

„Sie, meine Freunde, haben Ihren Friedenspreis einer Kinderbuchautorin verliehen, und da werden Sie kaum weite politische Ausblicke oder Vorschläge zur Lösung internationaler Probleme erwarten. Ich möchte zu Ihnen über die Kinder sprechen. Über meine Sorge um sie und meine Hoffnung für sie.

Die jetzt Kinder sind, werden ja einst die Geschäfte unserer Welt übernehmen, sofern dann noch etwas von ihr übrig ist. Sie sind es, die über Krieg und Frieden bestimmen werden und darüber, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen. In einer, wo die Gewalt nur ständig weiterwächst, oder in einer, wo die Menschen in Frieden und Eintracht miteinander leben.“

Astrid Lindgren, 1978, bei ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche.

Als Astrid Lindgren 1978 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, da war ich selbst gerade zwölf Jahre alt und kannte von ihr allenfalls die Pippi Langstrumpf und den Michel von Lönneberga. Ich las als Kind begeistert ihre Bücher, im Sommer oft auch im Lindenhofpark bei Lindau, wenn uns der Familienausflug an das schwäbische Meer zog. Von ihrer politischen Seite jedoch hatte ich damals keine Ahnung.

Auch heute noch zieht es mich öfter in diesen wunderbaren Park, ein Gartendenkmal, in dem man gut zur Ruhe und Frieden kommen kann. Wer den Bodensee besucht, sollte dort einen Bummel nicht versäumen. Und inmitten dieses romantischen Geländes trifft man dann auch auf Astrid Lindgren, die politische und friedensbewegte Autorin – in einem ganz besonderen „Museum“.

Christiane Schlüter hat es ebenfalls besucht und stellt es hier vor:

Ganz im Südwesten Bayerns, dort, wo der Freistaat an den Bodensee stößt, liegt ein deutschlandweit einzigartiges Museum. Eigentlich ist es gar keines – oder aber es ist mehr als das. Denn die „friedens räume Lindau“ haben den Frieden nicht in Vitrinen gepackt, auch wenn es viel zu sehen gibt. Sie machen stattdessen die Friedenskultur mit allen Sinnen erlebbar. Und nirgendwo wären diese Räume besser angesiedelt als auf diesem Fleckchen Erde, wo gleich drei Staaten aneinanderstoßen: Österreich, die Schweiz und Deutschland – Letzteres noch dazu mit zwei Bundesländern.

Wer sich, von Nonnenhorn oder Lindau kommend, die Zeit für einen Besuch nimmt, gelangt durch eine mächtige Lindenallee in einen wunderschönen Garten-Park nach englischem Vorbild. Fast bescheiden sieht darin die Villa Lindenhof aus, in deren Ostflügel seit 1980 das Friedensmuseum untergebracht ist. In ihrem Inneren sind das Friedensthema und die originäre Bausubstanz eine auch ästhetisch höchst gelungene Verbindung eingegangen. In mediterranen Farben leuchten die alten Wandmalereien im pompejanischen Stil, die der einstige Hausherr hier anbringen ließ. Ideenreich, in klaren Formen und zuweilen auch verspielt fügen sich die interaktiven Stationen der Ausstellung in diese Kulisse ein. Und die hohen Fenster geben den Blick auf eine Sichtachse frei, die bis zum See hinunterreicht. In solch einer Idylle fällt es leicht, an den Frieden zu glauben, so scheint es.

Wunderschöner Hintergrund: die Wandmalereien im pompejanischen Stil.

Aber dem widerspricht die Ausstellung auf vielfältige Weise: Gar nicht einfach ist es mit dem Frieden, sagt sie. Und doch kann jeder bei sich selbst anfangen, ihn zu verwirklichen. Etwa über das Sprechen. Schenken wir anderen gute Worte, die das Positive hervorheben, dann hilft das dem Frieden. Denn Menschen mit gutem Selbstbewusstsein werden es nicht nötig haben, Streit zu suchen. Umgekehrt fördert es den Krieg im Kleinen, wenn nur negativ gesprochen wird – in Klatsch und Tratsch und verbaler Aggressivität. An zwei „Flüstersäulen“ kann jeder selbst ausprobieren, wie sich die beiden Sprechweisen anfühlen.

Die erste Flüstersäule steht im „Leseraum“, zusammen mit den Mutmachern – Vorbildern in Sachen Frieden, die anhand ihrer fotografierten Augenpartien zu erraten sind. Wer richtig rät, darf die betreffende Schublade öffnen und sieht neben dem Lebenslauf ein persönliches Andenken an den jeweiligen Mutmacher. Auch Mut machende Organisationen werden vorgestellt, darunter Pax Christi, dessen Augsburger Diözesanverband Trägerverein der friedens räume ist. Eine Arbeitsgruppe des Vereins hat um die Jahrtausendwende die heutige Ausstellung konzipiert, die dann unter Leitung der Konzeptkünstlerin Ruth Gschwendtner praktisch umgesetzt wurde.

Könnten wir diese Menschen lieben wie uns selbst? Im Hintergrund laden die Königsthrone und das rote Lippensofa zum Platznehmen und Weiterdenken ein.

Der nächste Raum, „Entscheidungsraum“ genannt, konfrontiert die Besucher mit ihren eigenen Positionen und vorgefassten Meinungen. Er lädt sie auf speziellen Sitzgruppen ein, sich „auseinanderzusetzen“, den Königsweg zum Frieden zu entwickeln oder sich darüber klarzuwerden, wie leicht man andere Menschen kategorisiert: Stempel drauf und fertig sind die Vorurteile.

Im „Werkraum“ gibt es viel zu erraten.

Durch eine Galerie mit bestürzenden Illustrationen von gedankenlos-gehässigen Kindersprüchen geht es in den „Werkraum“. Dort befand sich früher die Küche der Villa. Gearbeitet werden kann hier immer noch: An interaktiven Stationen erfahren Besucher vom Kind bis zum Erwachsenen, was auf der Welt in Sachen Frieden schon alles erreicht wurde und wie sie selbst zum Friedensbotschafter werden können.

An den friedens räumen wirken neben den Hauptamtlichen vor Ort und bei Pax Christi in Augsburg auch viele Ehrenamtliche mit, allein vier sind im Leitungsteam. Die Ehrenamtlichen übernehmen den Aufsichtsdienst und Führungen und kümmern sich bei den Veranstaltungen um das Drumherum. Über 40 Diskussionsabende, Lesungen, Konzerte, Filmabende und Seminare bieten die friedens räume jährlich an. Im Programmheft belegen zahlreiche Kooperationen die gute Vernetzung des Museums. Die Referentenliste ist hochkarätig, in manchen Jahren kommt sogar ein Friedensnobelpreisträger.

Nicht nur Idylle: Die Hörpulte bergen manche Überraschung.

Und der letzte Raum? Er ist dem Hören gewidmet und wurde von der Musikwissenschaftlerin Dr. Mirijam Streibl gestaltet. Über Musik und politische Reden kann sich Gewalt ebenso mitteilen wie Friedensvisionen. Es gibt Hörpulte für Erwachsene, für Kinder und Jugendliche. Überhaupt richten sich die friedens räume an jede Altersgruppe – mit einem museumspädagogischen Angebot, das von Schulen nicht nur aus der näheren Umgebung gern genutzt wird. „Wir wollen motivieren und zeigen, dass man auch selbst etwas tun kann“, erklärt Gertrud Fersch, Ehrenamtliche im Leitungsteam. Wer einmal hier war, kann übrigens getrost immer wiederkommen: Er wird zuverlässig Neues vorfinden. Denn wie die Friedenskultur, so entwickelt sich auch die Ausstellung in den friedens räumen immer weiter.

Text und Bilder von Christiane Schlüter

Christiane Schlüter ist Autorin und Journalistin. Sie verfasst Ratgeber, Sachbücher, Geschenkbücher, Memoirs und Reden und gibt Kurse in Autobiografie und Journalismus. Mehr Informationen über ihre Tätigkeiten gibt es hier: www.christiane-schlueter.de.

Mehr Informationen:

Internetseite der friedens räume

Ein Rundgang durch den Lindenhofpark

11 comments on “Bummeleien: Mit Astrid Lindgren am Bodensee”

  1. Liebe Birgit,
    diese Kinder, von denen Astrid Lindgrin sprach, das waren wie du schon selber geschrieben hast, zu diesem Zeitpunkt wir. Wenn ich mich in der Welt umschaue, dann habe ich das Gefühl, wir haben schlechte Arbeit geleistet. Überall bricht der Populismus und die Gewalt durch. Das haben wir zugelassen, die Generation, die in Frieden aufgewassen ist, sich nie aktiv im Krieg befand. Sind wir zu behütet aufgewachsen? Manchmal glaube ich das.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne, ja, das dachte ich mir auch, dass das ja wir sind. Und bestimmt hast du auch recht – zum Teil haben wir es uns zu bequem gemacht, zu einem anderen Teil lief ja alles ganz „rund“ und ruhig. Und momentan scheint so vieles zu kippen. Aber es gibt ja in unserer und den nachfolgenden Generationen viele Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzen – wie viele gerade auf die Straßen gehen! Das macht mir Hoffnung. Liebe Grüße, Birgit

      1. Darüber habe ich mich auch sehr gefreut, Birgit, noch mehr gefreut habe ich mich, dass man tatsächlich wie beim Hambacher Forst auch noch etwas bewirken kann. Damit hatte ich nicht gerechnet und es gibt mir Hoffnung!
        Liebe Grüße von Susanne

  2. Alles Neu! Das macht die nächste Generation, die wir mit Pipi-Langstrumpf-Büchern aufgezogen haben. „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Wenn ich mir die Lieder, die zum Beispiel in Chemnitz bei dem großen Konzert gegen Rechts gespielt wurden, anhöre, dann wartet der nettere Teil der Jugend nur darauf, dass uns alles um die Ohren fliegt. Ein bisschen die Stimmung wie 1914. Die langen Bärte passen auch dazu.

    1. Oha! Na, auch wenn das Konzert gegen rechts evt. fragwürdige Seiten hatte – mir ist es lieber, die Jugend geht dahin als für ein Konzert für rechts. Und da gibt es mittlerweile ja eine Menge davon. Und ich schätze mal, diese Jugend geht wegen Bier und Gegröle dahin und weiß auch nicht genau, für welchen Scheiß sie da einstehen.

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