BUMMELEIEN: Auf den Spuren des Schwaben, der Hollywood erfand

1884 kommt Karl Lämmle in New York an. Wenig später ist er Carl Laemmle und der Erfinder Hollywoods. Auf seinen Spuren im Museum für jüdische Geschichte.

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2018_Februar_04_02 (111)Es muss ein ungeheuerer Kulturschock gewesen sein, als der 17-jährige Karl Lämmle (1867 – 1939)  im Februar 1884 dem Dampfer „Neckar“ in New York entstieg: Der junge Mann war aufgewachsen in der schwäbischen Provinz und hatte bis dahin außer seiner Heimatstadt Laupheim und einigen anderen schwäbischen Orten noch wenig von der Welt gesehen. Doch wenige Jahre später war aus Karl Lämmle Carl Laemmle geworden, ein amerikanischer Staatsbürger und der einflußreichste Filmproduzent der USA. Mit sprichwörtlichem schwäbischen Ehrgeiz und einem Riecher für die damalige Zukunftsindustrie, den Film, hatte er bereits 1908 den größten Filmverleih der Staaten, eine eigene Produktionsfirma folgte, die später unter dem Namen „Universal Studios“ lange Zeit den Markt dominierte.

Laemmle setzte auf cleveres Marketing, war der Erfinder des „Filmstars“ (zuvor wurden die Schauspieler in Filmen nicht einmal namentlich aufgeführt), machte das Western- und Horror-Genre groß und war zudem einfach ein sehr guter Geschäftsmann. Weil in Kalifornien das Wetter mehr Drehtage ermöglichte und zugleich das Lohnniveau deutlich niedriger war als im Westen der USA, kaufte Laemmle eine Hühnerfarm bei Los Angeles für seine Universal City Studios: Hollywood war gegründet.

Zeit seines Lebens blieb Laemmle, der amerikanische Filmmogul, seiner Heimat jedoch eng verbunden. So besuchte er seinen Geburtsort mehrfach, spendete große Summen, insbesondere für die jüdische Gemeinde, stiftete der Stadt unter anderem ein Schwimmbad und eine Schule (beide bestehen noch). Mit seinem ihm wichtigsten Film veränderten sich jedoch, vor allem wegen der politischen Umstände, seine Beziehungen zur Heimat massiv.

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1927 in einem Neubaugebiet so ernannt, wurde 1933 die Carl-Laemmle-Straße in Laupheim von den Nationalsozialisten sofort wieder umfirmiert, nach einem sogenannten „Helden des Nationalsozialismus“.

1930 kam die Verfilmung des Bestsellers von Erich Maria Remarque, „Im Westen nichts Neues“, in die Kinos. Für Laemmle der wichtigste Film und der größte Erfolg, wurde der Streifen doch auch mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet. In Deutschland jedoch, in dem der Faschismus immer mehr um sich griff, veranlasste Goebbels eine heftige Kampagne gegen den Film. Die Angriffe gegen Laemmle nahmen kein Ende und als 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, wurde er auch in seiner Heimatstadt zur „persona non grata“. Eine nach ihm benannte Straße wurde flugs umbenannt, die Ehrenbürgerwürde war ihm aufgrund seines Judentums schon weitaus früher verweigert worden.

Laemmle jedoch half seinen jüdischen Landsleuten weiterhin, wo es nur ging. So stellte er unzählige Affidavits auf, um Menschen zur Flucht zu verhelfen und vor den Konzentrationslagern zu retten. Er hätte – obwohl seine Firma zu jener Zeit in finanzielle Bedrängnis gereit – wohl noch mehr getan, doch 1939 starb er an den Folgen mehrerer Herzinfarkte.

Heute erinnert an den Schwaben, der Hollywood erfand, eine Dauerausstellung, die im „Museum zur Geschichte von Christen und Juden“ in Schloß Großlaupheim zu sehen ist. Die jüdische Gemeinde Laupheims war zeitweise die größte des Königreichs Württemberg im 19. Jahrhundert. Das jüdische Leben hat in der Kleinstadt mit ihren heute rund 15.000 Einwohnern in der Kernstadt zahlreiche Spuren hinterlassen.

Ich selbst bin dort aufgewachsen – meine Großaltern lebten am „Judenberg“ gegenüber der jüdischen Friedhofsmauer. Viele der Orte, die ich in meiner Kindheit besuchte, hatten eine jüdische Geschichte, sei es das oben genannte Schwimmbad, das Kaufhaus und andere öffentlichen Gebäude. Beim Bäcker gab es noch „Berchers“, das als „Challah“ bekannte Sabbatbrot. Doch die jüdische Gemeinde war nach den dunkelsten deutschen Jahren praktisch ausgestorben, nach dem letzten von vier Transporten am 19. August 1942 hörte die jüdische Gemeinde in Laupheim auf zu existieren. 1933 zählte man in Laupheim noch 235 jüdische Einwohner, von diesen überlebten wohl nur zwei Menschen.

Ein Erinnerungsort, der das Wüten der Nationalsozialisten überstand, ist der historische Friedhof. In dessen Leichenhalle ist inwischen als Außenstelle des Museums eine sehr gut aufbereitete Ausstellung zu jüdischen Riten zu sehen. Unweit davon erinnert ein Gedenkstein an die Synagoge, die beim Novemberpogrom 1938 in Brand gesteckt wurde.

Wie das Zusammenleben von Juden und Christen über mehrere Jahrhunderte hinweg aussah und sich veränderte und welche tiefe Wunden der Nationalsozialismus riss, auch das ist im Laupheimer Museum zu sehen. Ein Part ist Personen gewidmet, die über Laupheim hinaus Geschichte, teils auch tragische Geschichte schrieben. So wird der bemerkenswerte Jugendstil-Künstler Friedrich Adler, der 1942 in Auschwitz ermordet wurde, vorgestellt, der Schriftsteller Siegfried Einstein und natürlich Gretel Bergmann, die Hochspringerin, die 1936 Chancen auf die Olympiamedaille gehabt hätte – wäre sie nicht jüdischer Herkunft gewesen.

Wie Carl Laemmle kam Gretel Bergmann in die USA, sie emigrierte 1937. 2017 verstarb sie, 103 Jahre alt geworden, in New York. In ihren letzten Lebensjahrzehnten war der Kontakt zu ihrer Heimatstadt, die sie 2003 noch einmal besuchte, wieder entstanden. Zeichen der Annährung und Versöhnung folgten.

Auch dank einiger engagierter Laupheimer Bürgerinnen und Bürger, die sich um das Andenken an die jüdischen Mitbürger bemühen, sind Kontakte zu den Nachfahren der Menschen, die aus der oberschwäbischen Kleinstadt flüchten mussten, entstanden. Und so gehört heute auch das Museum Laupheim zu einem Ort lebendiger Erinnerungskultur – verbunden mit der Hoffnung, dass Geschichte nicht vergessen wird.

Weitere Informationen:

Das Museum: http://museum-laupheim.de/

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Laupheim: Allemannia-judaica

Udo Bayer, mein ehemaliger Deutschlehrer, war der erste Biograph Carl Laemmles: https://saetzeundschaetze.com/2013/10/28/carl-laemmle/

Für Krimifans: Hier spielt Carl Laemmle eine Hauptrolle.

Oliver Hilmes über die Olympiade 1936: https://saetzeundschaetze.com/2016/08/05/oliver-hilmes-berlin-1936/

 

10 comments on “BUMMELEIEN: Auf den Spuren des Schwaben, der Hollywood erfand”

    1. Liebe Pega, so klein ist die Welt – da treffen sich zwei Oberschwäbinnen, die es nach Bayern verschlug, hier bei WordPress. Das hat doch auch was …
      Liebe Grüße, Birgit

  1. Danke für den Blick auf die großen Töchter und Söhne deiner Heimatstadt. Laupheim war mir bisher nur als Ort bekannt, an dem die aufständischen schwäbischen Bauern erschlagen wurden.

    1. Da bist du ja fast schon ein Einheimischer mit diesem Wissen – ich glaube, Laupheim ist jetzt in der WordPress-Sphäre nicht so häufig vertreten bzw. bekannt. Wenn du jetzt auch noch was über den Baltringer Haufen weißt, bekommst du einen Empfang beim Bürgermeister. 🙂

      1. Ich hab als Zivi versucht die „Bauernoper“ von Yaak Karsunke auf die Bühne zu bringen. Hat nicht geklappt, aber die Bauern, die bei Laupheim (von Ulrich von Hutten?) geschlagen wurden, die sind hängen geblieben. Jetzt kommt noch Herr Lämmle dazu. 😉

      2. Jetzt bin ich auf einen neuen Namen gestoßen – der Herr Karsunke sagt mir nichts, da muss ich erstmal nachforschen. Aber Respekt – solches Engagement für einen Zivi. Wolltest du das dort machen, wo du eingesetzt warst?

  2. Was für ein interessanter und persönlich gefärbter Artikel – ich finde diese Mischung sehr gut. Schau, ich kannte Carl Laemmle überhaupt nicht. Wo wären wir ohne ihn?!?

    1. Es hat auch lange gedauert, bis in meiner Heimatstadt ein Bezug zu Carl Laemmle wieder erstand – erst zu seinem 100-jährigen Geburtstag und einer Ausstellung in Stuttgart war sein Name in Deutschland wieder mal mehr zu lesen/hören.

  3. Nein, nicht wirklich. Ich war in einer evangelischen Bildungsstätte auf den kalten Hügeln des Hunsrücks. Irgendwas musst man da machen. Später kamen dann amerikanische Cruise Missiles gegen die man heftig agitieren konnte. War auch großes Theater. 🙂

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