Horst Moser: Kleinstadtidyll

„Kleinstadtidyll“ ist eine Mischung aus Krimi und Psychogramm. Spannend, rasant und authentisch.

One comment

2017_Davos (722)„Wenn man mit den Abgründen zu tun hat, lernt man viel über die Menschen. Gott hatte ihn mit dieser Gabe gesegnet. Er musste die Menschen nur beobachten, sie wirklich beobachten. Das Verhalten verrät so viel mehr als Worte, die ausgesprochen werden, als wären sie nur eine Ablenkung vom ganzen Rest, wie die Tintenwolke, die der Kalmar ausstößt, um sich unerkannt davonzumachen.“

Horst Moser, „Kleinstadtidyll“, Edition Raetia, 2018.

Die Gabe, Menschen zu beobachten, ihren Beweggründen auf den Grund zu gehen, ihr Verhalten nachvollziehbar zu schildern, also kurzum seine Figuren schlüssig zu entwickeln, ohne alles auszusprechen und dennoch keine Tintenwolken aufs Papier zu sprühen, die hat auch der Tiroler Autor Host Moser. „Kleinstadtidyll“ ist sein zweiter Roman beim Verlag „Edition Raetia“ nach „Etwas bleibt immer“.

Mit dem ersten Buch verbindet mich eine besondere Geschichte – Horst Moser hatte mir seinerzeit das Manuskript anvertraut mit der Bitte um kritische Prüfung. Die Story, eine Mischung aus Kriminalroman und Psychogram, fesselte mich, wenngleich ich auch die eine oder andere Wendung nicht ganz nachvollziehen konnte.

Und nun „Kleinstadtidyll“: Reifer, ausgereifter, mit weniger spektakulären Schauplätzen, weniger überraschenden Drehungen, aber mit einem noch besseren Gespür für die Entwicklung von Figuren. Im Mittelpunkt steht die 26-jährige Sophie, die aus ihrer Heimatstadt geflüchtet ist. Eine Kleinstadt in den Bergen, jeder kennt jeden, alles scheint überschau- und durchschaubar. Sophie führt ein unabhängiges, freies, wildes Leben, ohne festen Partner, ohne allzu ernstzunehmenden Job.

Doch eines Tages holt sie die Kleinstadt, sprich die Vergangenheit wieder ein: Ein anonymer Schreiber sendet ihr Emails, die auf ein dunkles Geheimnis in ihrer (gemeinsamen) Kindheit hinweisen. Zunächst ist sie versucht, das Ganze zu ignorieren. Doch mehr und mehr lässt sie sich von den Emails, die wie distanzierte Hilferufe klingen, einfangen. Und kehrt zurück in die Kleinstadt, um  das Rätsel zu lüften.

Je mehr die wilde Sophie eigene Kindheitserinnerungen wachruft, je mehr Fragen sie bei ihren Eltern, alten und neuen Bekannten in der kleinen Stadt stellt, je mehr eigentlich gesagt wird, desto größer wird die Mauer des Schweigens.

„Am Ende blieb alles Gerede, allmählich nahm das Interesse an dem Geschehen ab, bis nur mehr wenige davon sprachen, bis auch diese Geschichte auf dem Stapel landete, dem irgendwo im Verborgenen abgelegten Stapel der sich in der Stadt zugetragenen Geschichten. Ohne Folgen, ohne Konsequenz. Es war vorgefallen. Es wurde weggelegt. Schließlich lebte man in einer Gemeinschaft. Bevor man an das Schrecklichste glaubte, freundete man sich dann doch lieber mit dem Einfacheren an. Auch, um sich selbst zu schützen.“

Das Schrecklichste, das ist eine Gemengelage, wie sie in jedem Ort der Welt vorkommen könnte: Gierige Unternehmer, erpressbare Geistliche mit einem strafbaren Hang zu Kindern, unterdrückte Gelüste, ausgelebte Gemeinheiten. Horst Moser verwebt dies geschickt zu einer Mischung aus Kriminalroman und Entwicklungsgeschichte, erzählt aus mehreren Perspektiven. Sprachlich behutsam, wenn auch da und dort das Lektorat noch etwas hätte eingreifen können, um den einen oder anderen umständlicheren Ausdruck eleganter zu schleifen, um hier und dort zu straffen.

Trotz dieses minimalen Kritikpunktes: Die Geschichte ist stimmig und spannend. Und bietet ein versöhnliches Ende für die Hauptfigur Sophie, in die man sich gut hineinfühlen kann.

„Sie musste daran denken, wie sie vor wenigen Tagen hier vorbeigekommen war. (…) Hier kann man gar nicht anders, als sich eingeengt zu fühlen, hatte sie gedacht. Man bekommt einfach eine Identität verpasst. Familienname. Gesellschaftsstatus. Zuweisungen: Das hat er von seiner Mutter. Schau, ganz der Vater. Oder: Das hat er nicht von uns. Man hat gar keine Wahl, man wird zu dem, was andere von einem erwarten. Das hatte sie noch vor einigen Tagen gedacht. Jetzt spürte sie, dass das nur ein Teil der Wahrheit war. Es lag an einem selbst, was man daraus machte. Ob man sich dem unterwarf oder ob man sich stellte, dem Leben und dem, was es für einen bereithält.“

Informationen zum Buch: Kleinstadtidyll

Text und Fotografie auf dem Blog des Autoren: http://www.horstmoser.com/

1 comments on “Horst Moser: Kleinstadtidyll”

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.