BUMMELEIEN: Noch einmal die Schulbank drücken im Museum

Lesen lernt man in der Schule. Wie das früher war und wie es heute ist: Das zeigt das Bayerische Schulmuseum Ichenhausen.

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Wer kann’s noch lesen?

Lesen ist eine der wichtigsten Kulturtechniken. Und wo wird sie einem in der Regel vermittelt? Richtig, in der Schule. Die Autorin Christiane Schlüter, die regelmäßige Blogleser nun schon durch einige Beiträge kennen, hat neulich wieder einmal die Schulbank gedrückt – im sehenswerten Schulmuseum Ichenhausen in Bayern. Dazu gleich mehr in dieser Reportage.
Verbinden will ich damit noch eine kleine Ankündigung: Lesen können bedeutet auch, dass man in der Lage ist, seinen Horizont zu erweitern, über den Tellerrand hinauszuschauen. Das Korsett des reinen Literaturblogs mit Buchbesprechungen ist mir in letzter Zeit etwas zu eng geworden. Ich mag mich auch nicht dem Druck aussetzen, eine Neuerscheinung nach der anderen zu besprechen, die neuesten Verlagsprospekte durchzublättern, usw. usf.  Das Bloggen macht mir weiterhin Freude, aber ich will den Blog thematisch wieder mehr öffnen, mehr Bummeleien durch die Region und Streifzüge zulassen, mal auch von Erlebnissen außerhalb der Literatur berichten. Und ein Besuch im Schulmuseum passt da wunderbar dazu. Ich hoffe, ihr bleibt „Sätze&Schätze“ dennoch weiterhin gewogen!

Grantinger heißt der Hausmeister und er macht seinem Namen alle Ehre. Sein Kiosk für den Pausenverkauf ist gleich am Eingang aufgebaut – da schaut er im blauen Kittel über die Theke und grantelt gemütlich herum: über die Schüler, die einen Schokoriegel mit 50-Euro-Schein bezahlen wollen, über die Lehrer, die zu blöd zum Kopieren sind, über den Gesundheitswahn mancher Eltern, und und und …
Jeder kennt aus der eigenen Schulzeit solch einen Hausmeister, wie ihn hier der Kabarettist Han‘s  Klaffl spielt. So sind auch Erwachsene sofort „Back to school“ und mittendrin im Thema Schule, das jetzt im renovierten Bayerischen Schulmuseum Ichenhausen mit einer neuen Dauerausstellung völlig neu aufbereitet worden ist.

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Auch im Schulmuseum zu sehen: Wichtige Köpfe der Geistesgeschichte wie Homer, Sokrates, Platon und Aristoteles.

Wiedererkennen, Mitmachen, Sich-Hineinversetzen: Diese Vermittlungsweisen haben die zahllosen Schrifttafeln abgelöst, die bis zur Schließung der alten Dauerausstellung den Museumsbesuch zu einer quasi wissenschaftlichen Angelegenheit machten. Niemand will heute mehr lange Texte neben jedem Exponat lesen. Viel schöner ist es, in der Schulbuch-Vitrine eigene Bücher von damals wiederzuentdecken, an der Mitmachstation zum Thema Schreiben die altdeutsche Schrift kennenzulernen, im Mathezimmer mit dem Abakus zu rechnen oder im Physiksaal den Flaschenzug auszuprobieren. Denn das ist ein Anliegen der Ausstellung und der sie begleitenden Veranstaltungen: zu zeigen, wie sich die Schule zusammen mit den Kulturtechniken, den Wissenschaften und der Pädagogik immer weiterentwickelt hat – und wie sie damit ein Zeugnis vom Welt- und Menschenbild der jeweiligen Epoche ist.

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Unfrei und indoktriniert: Schülerdasein zur NS-Zeit.

Vom Faustkeil – ja, auch die Kenntnisse über seine Herstellung und Nutzung mussten in grauer Vorzeit an die jeweils nächste Generation weitergegeben werden – bis zum PC reicht das Instrumentarium. Hingucker sind die wandhohen Darstellungen der Wissensvermittlung: Die Besucher können mittelalterlichen Mönchen über die Schulter schauen und in der Dorfschule ein Selfie von sich machen, umgeben von einem streng blickenden Lehrer und furchtsam geduckten Kindern. Sie lernen die Protagonisten der Reformpädagogik kennen und erleben im bewusst bedrückend gehaltenen Abschnitt über die Schule in der NS-Zeit, wie Rassenkunde und Kriegsverherrlichung in die Köpfe der damaligen Schüler gepflanzt wurden. Und sie verlassen die Ausstellung zuletzt vor einem riesigen Wandbild, auf dem all das steht, was heute Ertrag der Schulzeit ist.

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Wird nicht verschwiegen: In der Schule gehörte früher leider meist auch die Angst vor dem Lehrer dazu.

Die Exponate und ihre Präsentation sprechen durch sich selbst. Sie werden unterstützt durch einführende Texte an den zurückhaltend farbigen Wänden. Die Gänge bieten jede Menge Platz für die Gruppen, die zu den Führungen für Kinder und für Erwachsene kommen. Viele Gruppen sind Stammgäste: Schon vor der renovierungsbedingten Schließung im Januar war die Besucherzahl des seit 1984 bestehenden Museums auf das Dreifache angewachsen, nachdem Johanna Haug 2015 die Organisation und Führung vor Ort übernommen und mehrere Sonderausstellungen initiiert hatte. Die soll es übrigens auch künftig geben.

Rund 650.000 Euro haben die Sanierung der Räume und die Neugestaltung der Ausstellung sowie die Einrichtung der Atelierräume im sogenannten Kindergartenbau gekostet. Die finanziellen Mittel stammen vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und wurden dem Bayerischen Nationalmuseum, dessen Zweigmuseum das Ichenhausener Schulmuseum ist, für die Runderneuerung zur Verfügung gestellt.

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Schulschürzen – gut gegen Markenwahn?

Viele der schönen alten Ausstellungsstücke stammen vom Verein der Freunde und Förderer des Bayerischen Schulmuseums Ichenhausen. Dessen Geschäftsführer Otto Imminger sammelt schulgeschichtlich Bedeutsames und hat einst auch, zusammen mit dem Bayerischen Nationalmuseum, das historische Klassenzimmer im Parterre des Schlosses eingerichtet. Hier können sich die Kinder von heute, angetan mit weißen Schulschürzen, in ihre Altersgenossen von früher hineinversetzen – Rohrstock inklusive, natürlich nur leicht aufgetupft. Wie anders wirkt dagegen das bunt bestuhlte Klassenzimmer im ersten Stock, in dem die museumspädagogischen Vertiefungen stattfinden. Aber nicht mit den Stühlen kippeln – sonst schimpft der Hausmeister Grantinger!

Text und Bilder von Christiane Schlüter

Christiane Schlüter ist Autorin und Journalistin. Sie verfasst Ratgeber, Sachbücher, Geschenkbücher, Memoirs und Reden und gibt Kurse in Autobiografie und Journalismus. Mehr Informationen über ihre Tätigkeiten gibt es hier: www.christiane-schlueter.de.

Informationen:

Bayerisches Schulmuseum Ichenhausen
Schlossplatz 3-5
89335 Ichenhausen
Tel. 08223/6189
schulmuseum@ichenhausen.de
www.schulmuseum-ichenhausen.de

Geöffnet Di bis So 10 – 17 Uhr
Kinder in Begleitung Erziehungsberechtigter haben freien Eintritt (außer Gruppen).

Wer die Kleinstadt Ichenhausen besucht, kann dort neben dem Bayerischen Schulmuseum noch mehr unternehmen: Ein Spaziergang durch den hübschen Ortskern ist empfehlenswert, daneben sind kulturhistorisch bedeutsam Synagoge und jüdischer Friedhof, die besichtigt werden können.
Mehr Infos: www.ichenhausen.de

 

17 comments on “BUMMELEIEN: Noch einmal die Schulbank drücken im Museum”

  1. Nö, Schulbank will ich echt nimmer. Aber mit Deinen Erweiterungsplänen bezüglich Deiner Bloginhalte bin ich sehr verstanden. Als Hobbyahnenforscherin kann ich den Text auf der Tafel übrigens leidlich gut lesen.

    1. Ich habs noch von meinen Großmüttern gelernt, die aus einer Mischung von Sütterlin und heute gängiger Schriftsprache ihre Geburtstags- und Weihnachtskarten verfassten.

  2. Ich gehe gerne mit dir Bummeln. 🙂 Zum Bücherlesen komme ich eh nicht mehr.
    Aber Sütterlin habe ich noch in der Dorfschule gelernt. Reformpädagogik hieß damals: die Lehrerdürfen nicht mehr Schüler schlagen – das durften nur noch der Direktor oder der Pfarrer.

  3. Schöne Schilderung der Museumspädagogik mit eindrucksvollen Aufnahmen.
    Im Nürnberger Schulmuseum der Uni Erlangen-Nürnberg gab es kürzlich eine Ausstellung über die 68er Schulzeit. Aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen nahm ich statt eines Blog-Beitrages einfach mal hitzefrei …
    Viele Grüße

    1. Das klingt interessant, wie das wohl in den 68ern war? Ich hatte in Baden-Württemberg Mitte der 80er noch einen Lehrer, der durfte laut Verdikt des Schulleiters mit seinem VW-Bus nicht auf dem Lehrerparkplatz parken, weil da ein Anti-AKW-Aufkleber zu sehen war.

      1. Lieber Bernd, danke für den interessanten Link. Ich komme zwar evt. am 13. Oktober nach Nürnberg, bin aber nicht alleine unterwegs. Ich müsste mal sehen, ob ein Ausstellungsbesuch klappt. Wobei das Museum – in dem ich noch nicht war – ja auch noch eine Ausstellung zur Inklusion zu bieten hat, interessiert mich auch. Falls es klappt, melde ich mich vorher nochmals. Viele Grüße, Birgit

  4. Sehr schön, dieses über den Tellerrandschauen! Ich folge gern den Bummeleien in Ecken, die ich sonst wahrscheinlich nie gesehen hätte. Sütterlin habe ich tatsächlich noch in der Schule gelernt. Geschlagen wurde in der Volksschule allerdings auch noch – nur die Jungen. Und das noch in den sechziger Jahren – unfassbar.
    Das Schulschürzenphoto ist klasse!

    1. Fein … dann bummele ich in nächster Zeit noch mehr, damit ihr armen Leute aus dem Ruhrgebiet mal den schönen Süden seht 🙂
      Ja. Gewalt an Schulen – das ist halt immer noch ein Thema, mittlerweile eben nicht mehr die körperlich ausgeübte, sondern die verbale, vor allem zwischen Schülern, wenn ich an diese ganzen Mobbingaktivitäten via Internet denke.

      1. Den Satz mit den armen Leuten überlese ich. 😉 Übrigens ist es sooooo grün – man glaubt es nicht. ich glaube, ich muss hier auch mal bummeln.
        Das Mobbing ist ein weites Feld. Und viele Lehrer unterschätzen das, fürchte ich.

      2. Du weißt doch, dass das einfach dazugehört, dass ich euren Pott immer gerne grau anstreiche – aber ich weiß schon, ihr habt auch ein paar Bäume. Einige davon dürfen sogar stehen bleiben 🙂

  5. Deine Bummelpläne finde ich sehr ansprechend, und ich bleibe Dir ganz sicher auch dabei gewogen! Wobei ich allerdings auch Deine Buchbesprechungen sehr geniesse. Ich denke, die richtige Mischung macht’s. Manchmal will man persönlicher und unmittelbarer schreiben, manchmal hat man missionarischen Eifer und möchte andere mit seiner Begeisterung anstecken. Ich find’s gut, wenn Du Dir mehrere Möglichkeiten offen lässt und bin sehr gespannt darauf, welche Richtung Dein Blog einschlagen wird.

    1. PS: Ich habe mich schon gewundert, ob dein Blog verschwunden ist … jetzt sehe ich gerade, dass ich Dir schon folge, aber die September-Beiträge sind offenbar nicht in meiner Timeline aufgetaucht. Da muss ich mal forschen…

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