Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit

IMG_4059wir haben die freiheit vervielfacht
uns selbst lebendig zu begraben

auf der hauswiese
daheim

Linda Vilhjálmsdóttir, „Freiheit“, aus dem Isländischen übertragen von Jón Thor Gíslason und  Wolfgang Schiffer, Elif Verlag, 2018

Was mich am meisten erstaunt und erschüttert an der derzeitigen politischen Lage ist, wie wenig vielen Menschen doch Freiheit als ein Wert zählt, den es zu erhalten und zu verteidigen gilt. Die Bilder aus Chemnitz brachten mich nicht nur wegen des blanken Hasses, der aus vielen Gesichtern, Gesten und Worten sprach, aus der Fassung. Sondern auch, weil so viele offenbar bereit sind, Rattenfängern hinterherzulaufen, die, gäbe man ihnen die Möglichkeit, alle unseren Freiheiten beschränken oder sogar vernichten würden: Die Pressefreiheit, die Freiheit der Gedanken, der Meinungen und Haltungen, die persönliche Freiheit.

Jetzt, da in Europa im Grunde eine gesellschaftliche Blütezeit herrschen könnte, da die Wirtschaft boomt und die letzten „eisernen“ politischen Systeme gekippt sind, scheint sich das Rad rückwärts zu drehen. Der Faschismus hebt überall sein schmutziges Haupt – weil er Menschen anspricht, die sich ausgeschlossen fühlen, denen täglich suggeriert wird, „Sicherheit und Ordnung“ seien gefährdet, die offenbar vor allem mit einem nicht zurechtkommen: Mit der Freiheit, die wir ergreifen könnten, wenn wir es nur wollten.

Und da bricht nach Jahren eine Isländerin die Zeit ihres literarischen Schweigens und legt einen schmalen Band vor, der auf mehreren Ebenen voller Wucht ist: Der Gedichtband „Freiheit“ von  Linda Vilhjálmsdóttir erhielt bereits nach seinem Erscheinen 2015 mehrere Literaturpreise. Wenig verwunderlich: Treffen diese auf den ersten Blick beinahe nüchternen Zeilen, die bar sind von jeder blumigen Metaphorik, mitten ins Mark. Wer jedoch meint, Lyrik könne nicht politisch sein, ohne in den Ton von Alltagsrhetorik oder plumper Agitation abzugleiten, der wird mit diesem schmalen Buch eines Besseren belehrt. Die sachliche, ruhige, ja fast karge Wortwahl ist jedoch eingebettet in ineinander verwobene Assoziationsketten, in bewusst gesetzte Wiederholungen, die zeigen, wie bewusst gewählt jedes Wort für sich ist, wie gut gedacht und kunstvoll gesetzt die einzelnen Sentenzen sind.

Einem einführenden Teil, der sich dem Elementaren widmet –

zwischen
himmel und erde
ist alles

wie es geschrieben steht

– folgen drei thematisch ins sich geschlossene Zyklen, die sich dem Alltagsleben, den Eindrücken einer Reise nach Israel und Palästina und der isländischen Situation nach der Finanzkrise, die das Land erschütterte, widmen. Im Grunde jedoch kreist alles um die eine Metaebene, um den Begriff der Freiheit. Die Lyrikerin setzt sich mit der selbstgewählten Konformität unserer Leben auseinander, sie geht den Zwängen religiöser und politischer Regeln auf die Spur, sie zeigt auf, wie sehr wir unsere Freiheit in der Freiheit des Konsums erschöpfen.

Manches muss man sich erschließen, manches ist gerade heraus formuliert:

ihm gefiel das thema meiner freundin
über den krieg der ständig in unseren köpfen wütet

hielt aber nicht viel von meinem freiheitsstoff
meinte freiheit an sich sei uninteressant

es spiele keine rolle ob die menschen frei seien
solange sie mit der freiheit nicht umgehen können

Man könnte meinen, um unsere Befähigung zur Freiheit sei es schlecht bestellt. Doch solange es Dichterinnen wie Linda Vilhjálmsdóttir gibt, die mit dem literarischen Finger sozusagen auf die Wunden zeigen, ist es mir wiederum nicht allzu bange. Schreiben, dichten, lesen: Das sind Akte der Freiheit. Nur dort werden sie unterdrückt, wo die politische Freiheit schon beendet ist.

Die Übertragung von „Freiheit“ ist einmal mehr eine Gemeinschaftsarbeit von Jón Thor Gíslason und  Wolfgang Schiffer, die bereits diesen beeindruckenden Gedichtband aus dem Isländischen übersetzt haben: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht wiederfinden können“.
Bei Wolfgang Schiffer kann man zudem mehr über Linda Vilhjálmsdóttir erfahren:
https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2018/03/28/europaeischer-dichter-der-freiheit/
Beide Gedichtbände erschienen im Elif Verlag, Verleger, Autor und Lyriker Dinçer Güçyeter hat einmal mehr eine passende Gestaltung für das Buch gefunden – ein Fenster zur Freiheit.

überglücklich
für einen augenblick
mit der korrigierten schuldenlage
der stabilität der wiedergeburt der hochhäuser
der ausgeglichenheit des staatshaushalts mit all den weltrekorden
und der erlösung der überlegenen

überglücklich und geschmeichelt
und nicht gewillt auch nur einen tag mit heiliger ruhe zu vergeuden

 

 

17 thoughts

  1. Liebe Birgit,
    ja, es ist nicht immer leicht, mit der Freiheit umzugehen. Sie birgt eine große Verantwortung, diese Freiheit von der wieder so häufig gesprochen wird. Und können wirklich viele Menschen mit der Freiheit umgehen?
    Ich bin in mancher Hinsicht sehr desillusioniert. Noch mit Entsetzen klingen die heutigen Nachrichten im mein Ohr! Geht es jetzt um Semantik? Wird der Mob nicht mehr als Mob bezeichnet um eine vermeintliche Ruhe im Land zu bewahren? Ein Mob bleibt ein Mob und das, was ich von Chemnitz gesehen habe, das war ein Mob.
    Seufz! (kam mir gerade laut aus der Seele)
    Ängstliche Grüße sendet dir Susanne

    1. Liebe Susanne,
      mir geht es genauso: Desillusioniert, was die Menschen anbelangt, die sich in eine Hysterie reinjagen lassen, überall kriminelle Flüchtlinge lauern sehen, ständig von Krise reden – obwohl die Zahlen alles widerlegen. Und Menschen in verantwortlichen Positionen, die diese Ängste schüren. Ein Mob ist ein Mob: Und das habe ich auch so gesehen. Wie das jetzt relativiert wird, ist bodenlos und regt mich auf. Mir machen die Rechten mehr Angst als alles andere, mir macht es Angst, dass man unsere Freiheiten beschneiden will, aber es macht mich auch wütend und widerborstig. Ich hoffe doch, dass die Mehrheit der Menschen am Ende die Vernunft wählt. Liebe Grüße Birgit

      1. Ja, Birgit, die Angst sollte bei uns dazu führen, aufzustehen und gegen die Rechten etwas zu unternehmen. Sehr einfach ist es nicht, denn es haben sich in den letzten Jahren eine Vielzahl an Rechten zusammengerottet. Ich hoffe, wir sind früh genug, es zu stoppen!
        Liebe Grüße von Susanne

  2. ich kann mich euren worten, liebe susanne und liebe birgit nur anschließen!
    mich erschreckt das alles gerade auch sehr, vor allem, wie immer wieder die tatsachen verdreht werden.

    danke, birgit, für die vorstellung des gedichtbandes – großartig!!

    ganz herzlich,
    diana

    1. Liebe Diana,
      zum zweiten Mal bin ich überrascht von dieser starken, dezidierten Lyrik, die aus Island kommt – Stimmen, die einfach auch Stimmungslagen, die uns beherrschen, so gut aufgreifen. Liebe Grüße, Birgit

  3. Danke liebe Birgit, für den hinführenden Text, der mir voll aus dem Herzen spricht. Wie unglaublich leicht ist es, vielen Menschen Lügen aufzutischen, sie zum Hinterherlaufen zu bewegen, ohne dass sie merken, dass es nur darum geht, auch ihnen ihre Freiheiten zu nehmen, wenn sie nicht auf Linie gehen. Das Buch hatte ich schon im Visier – und werde es mir holen. Isländische Dichter sind offensichtlich Genies 😉 Atomdichtung eben. LG, Bri

      1. Auch das – sie nennen die Art der Dichtung ja selbst so;) In nuce sozusagen bringen sie Dinge zur Sprache, die ich nicht mal in epischer Breite so auszudrücken fähig wäre 😉 LG

  4. Ich muss mal wieder Lyrik lesen. In schwierigen Zeiten war es schon immer so, dass Lyrik manchmal der einzige Weg war, etwas korrekt auszusprechen. (Meine Meinung). Danke für Deinen Text!

    1. Gerne. Und ich geb dir Recht – Lyrik kann etwas sehr tröstliches haben, etwas zum Schwelgen sein, aber auch Dinge so auf den Punkt bringen und ausdrücken, dass auch schwierige Fragen und komplexe Themen in der Verkürzung auf eine treffende Zeile ihren geeigneten Ausdruck finden.

  5. Nach Jahren des Ignorierens von Lyrik scheint dieses Buch ein Grung zu sein, sich mit dieser Form der Literatur wieder zu beschäftigen.

    1. Nimm Dir die Freiheit 🙂 Ihre Verse sind einerseits sehr zugänglich, aber dafür nicht platt oder einfach strukturiert – ich finde, das ist ein wunderbarer Band, der zum Nachdenken und Nachsinnen anregt.

  6. Als einer aus dem Übersetzer-Duo dieses Gedichtbandes muss und will ich mich natürlich zurückhalten – aber vielleicht darf ich doch sagen, wie sehr es mich freut, dass dieser lyrische Zyklus womöglich ein kleiner Baustein ist in der kraftvollen Diskussion darüber, was uns Freiheit bedeuten und wert sein muss! Für die Zusammenführung seiner poetischen Grundidee, seiner Aussage mit den erschreckenden aktuellen Ereignissen und den unzumutbaren Versuchen einer politischen Bagatellisierung, die zu Beginn der Übersetzungsarbeit allemal so noch nicht abzusehen waren, danke ich der Rezensentin Birgit Böllinger sehr herzlich!

  7. Ganz wichtig..ich fühle mich so verstanden. Danke liebe Birgit für diesen Beitrag. Ich habe „denen zum Trost….schon so gerne gelesen und freue mich auf das nächste Buch❤
    Wir brauchen diese isländische Kraft…mehr denn je. In Österreich wird es täglich dramatischer.
    Alles Liebe zu dir….Karin

  8. In Sachen Hermeneutik: Spitze!
    Aber anders als im Feuilleton der etablierten Medien erhoffe ich mir gerade bei „Freiheit“ in Blogs ganz einfach Empathie zu dem Thema und den Menschen, denen sie wichtig ist.

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