Vicki Baum: Hotel Berlin

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„Aber die deutsche Seele ist gotisch. Es ist eine verstrickte Seele voll von Dunkelheiten und Höllenvisionen, eine gepeinigte Seele, und sie liebt das Leiden. (…) Die deutsche Seele will Schmerzen erleiden und Schmerzen zufügen. Ach, was versteht ihr denn von Deutschland! Überorganisation nennt ihr es; Militarismus, tyrannisches Befehlen und blinden Gehorsam. Begreift ihr denn nicht: Der Deutsche will keine Freiheit, denn für ihn wäre sie Selbstzerstörung.“

Vicki Baum, „Hotel Berlin“, Originalausgabe 1943/44, wiedererschienen in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch durch Grete Dupont im Verlag Klaus Wagenbach, 2018.

Ja, man blinzle getrost mit den Augen: Auch das obige Zitat, auch das ist Vicki Baum. Was hier ein versoffener Schriftsteller, der „Staatsdichter“  der Nazi-Clique ausspricht, das klingt heute so fürchterlich aktuell, ein Jargon, ein Fabulieren, das einem leider bekannt vorkommt.

Die lange als Unterhaltungsschriftstellerin unterschätzte Österreicherin konnte anders, war anders als es viele der Klischees, die ihr bis heute anhaften, es vermuten lassen. Sie war in der Sprache oftmals leicht, aber nicht seicht. Und sie war vor allem auch mutig, kritisch, widerständig. Davon zeugt ihr Roman „Hotel Berlin“, den sie, die von den Nationalsozialisten ausgebürgert worden war, in ihrer neuen Heimat, in New York, bereits 1943 schrieb. Dort ist das Buch auch zuerst erschienen – und man merkt ihm an, wie sehr es Vicki Baum auch in Gedanken an die Menschen in der „alten“ Heimat geschrieben hat.

Im Grunde ist „Hotel Berlin“ eine Fortsetzung des Großstadtromans „Menschen im Hotel“: Einige der Charaktere kommen einem vertraut vor, einige der Szenen und Kulissen ebenso. Da tritt der ständige Hotelgast auf, ein abgehalfterter Arzt, der auf ein Telegramm wartet, eine Aufgabe, einen Sinn im Leben. Die exaltierte Diva, die plötzlich Herz entwickelt, der schmissige Leutnant, der nichts versteht. Doch es ist nicht das Berlin der Weimarer Republik mit seinem Tempo, seinem Takt, in dem dieses Buch spielt – sondern es ist das Berlin am Ende jener Jahre einer Diktatur, die Deutschland in den Abgrund riss.

Während auf die Stadt die Bomben der Alliierten fallen, ist das „Hotel Berlin“ Dreh- und Angelpunkt für Parteibonzen, Diplomaten auf dem Irrweg und Militärs, die von Pflicht- und falsch verstandenem Ehrgefühl geplagt werden. Es ist sozusagen das luxuriöse Herz der Finsternis. Und ausgerechnet in der Suite der Schauspielerin, die mit einem General liiert und von Hitler persönlich protegiert wird, flüchtet sich ein widerständiger Student, der der Gestapo buchstäblich vom Schafott hüpfte.

Wie sich der kapriziösen Lisa die Augen öffnen, wie sich zwischen diesem ungleichen Paar eine Liebesgeschichte entwickelt: Das ist der äußere Rahmen, den die Unterhaltungsschriftstellerin wählte. Das ist manchmal ein wenig rührselig, manchmal ein kleines bisschen kitschig, aber es ist auch anrührend. Man hofft und fiebert dann doch bis zum Ende, dass diese Lisa ihren Martin aus dem Hotel und somit aus den Fängen der Gestapo retten kann.

Dass das Ganze jedoch nicht zu einer Schmonzette in finsteren Zeiten missrät, das ist dem Geschick der Schriftstellerin mit ihrem guten Blick für Typen und Charaktere zu verdanken: Obwohl bereits seit 1931 in den USA, zeichnet Vicki Baum ein treffendes, konkretes Bild von den Verstrickungen, Irrungen und Wirrungen. Wie Nazibonzen versuchen, vom Krieg zu profitieren, wie der Antisemitismus funktioniert, die Ausgrenzung ganzer Menschengruppen, wie Korruption und Grausamkeit Hand in Hand gehen und auch, wie und aus welchen Motiven sich der militärische Widerstand gegen Hitler tatsächlich formierte: Es ist erstaunlich, was alles die Schriftstellerin selbst in Übersee von den inneren Vorgängen in Nazi-Deutschland gewusst haben muss. Und wie sie es schafft, dies alles in einen scheinbar literarisch leichtgewichtigen Text zu packen.

In ihrem 1946 geschriebenen Vorwort gibt Vicki Baum Auskunft über ihre Informationsquellen:

„Ich sammelte jedes Fetzchen Information, das ich mir über Deutschland verschaffen konnte; es ist überflüssig zu sagen, daß die meisten dieser Berichte auf verschlungenen Wegen zu mir kamen: durch Mitglieder verschiedener Widerstandsbewegungen; als Mitteilungen, die aus Deutschland herausgeschmuggelt wurden, in Briefen und Erzählungen deutscher Kriegsgefangener, in Gesprächen mit Menschen, die in Gestapokellern gefoltert, in Konzentrationslagern bis an den Rand des Todes gebracht und wie durch ein irgendein Wunder entkommen waren.“

Ein Liebesroman, der eine politische, eine menschliche Botschaft und die Vision von einer besseren Gesellschaft beinhaltet. Ihrem Helden Martin, dem Studenten aus dem Widerstand, legt sie dies in den Mund:

„Es wird Frieden sein, und die Gefängnistüren werden sich öffnen, und wir alle werden zu dem einfachen Geschäft zurückkehren, das Leben heißt. Die Bauern auf den Feldern, die Arbeiter in den Fabriken, die Studenten in den Universitäten, die Wissenschaftler in den Laboratorien, die Frauen, die Kinder und die alten Männer: Sie alle werden nichts anderes tun als leben. Keiner wird Angst haben, und keiner wird gepeinigt werden, und keiner wird hinter Stacheldraht getötet und verscharrt werden. Keiner wird sich mehr schämen müssen. Ich spreche jetzt nicht von dem Kampf, der vorhergehen wird. Es wird ein grausamer Kampf sein, aber voll Hoffnung. Ich spreche von der Zeit danach, wenn alles wieder gut sein wird.“

Bereits 1943 warnt Vicki Baum auch davor, sich auf „gefährliche Simplifizierungen“ einzulassen, so beispielsweise, alle Deutschen als bösartige Feinde abzutun. Aber sie findet auch deutliche Worte zu Schuld und Verantwortung:

„Ausschließlich schlechte Menschen sind ebenso selten wie ausschließlich gute, hier sowohl wie im Feindesland. (…) Die Schuld am Krieg lag und liegt bei den deutschen Führern, die ohne jeden Grund die ganze Welt in dieses entsetzliche Elend stürzten. Aber die Verantwortung für den vernichtenden Ausgang dieses Krieges liegt beim deutschen Volk, das weder den Mut noch den Wunsch hatte, diese Führer abzusetzen, solange es noch Zeit dazu war.“

Allein dieses Zitat sagt auch mehr als deutlich: Es wäre auch eine arge Simplifizierung, in Vicki Baum nur eine Romanschriftstellerin mit Unterhaltungswert zu sehen…

„Hotel Berlin“ erschien übrigens in einer schönen Taschenbuch-Reihe bei Wagenbach, in der sich alles um das Hotel, das zweite Zuhause vieler Reisender, dreht:
https://www.wagenbach.de/buecher/wat-taschenbuch.html

 

 

8 thoughts

    1. Oh schön – ich hab sonst noch keine Rezensionen über ihn gelesen. Hast du ihn besprochen? Muss ich gleich mal gucken 🙂
      Herzlichst, Birgit

  1. Danke für diese Vorstellung. Das erinnert mich daran, dass ich nach ‚Menschen im Hotel‘ noch mehr von ihr lesen wollte. Die aktuellen Bezüge finde ich mehr als bedrückend. LG

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