Joachim Ringelnatz – Schwebende Zukunft

Dieses luftglücklich leichte Gedicht von Joachim Ringelnatz konnte man erstmals im Band „Gedichte dreier Jahre“, erschienen 1932, lesen.

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Bildquelle: https://pixabay.com/de/users/blickpixel-52945/

Habt ihr einen Kummer in der Brust
Anfang August,
Seht euch einmal bewußt
An, was wir als Kinder übersahn.

Da schickt der Löwenzahn
Seinen Samen fort in die Luft.
Der ist so leicht wie Duft
Und sinnreich rund umgeben
Von Faserstrahlen, zart wie Spinneweben.

Und er reist hoch über euer Dach,
Von Winden, schon vom Hauch gepustet.
Wenn einer von euch hustet,
Wirkt das auf ihn wie Krach,
Und er entweicht.

Luftglücklich leicht.
Wird sich sanft wo in Erde betten.
Und im Nächstjahr stehn
Dort die fetten, goldigen Rosetten,
Kuhblumen, die wir als Kinder übersehn.

Zartheit und Freimut lenken
Wieder spät deren Samen Fahrt.

Flöge doch unser aller Zukunftsdenken
So frei aus und so zart.

Joachim Ringelnatz

14 comments on “Joachim Ringelnatz – Schwebende Zukunft”

  1. Hach ja, RIngelnatz hat schon was! Ich favorisiere ja den Bücherfreund.

    Der Bücherfreund

    Ob ich Biblio- was bin?
    Phile? „Freund von Büchern“ meinen Sie?
    Na, und ob ich das bin!
    Ha! und wie!

    Mir sind Bücher, was den anderen Leuten
    Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
    Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten.
    Meine Bücher — wie beliebt? Wieviel

    (…)

    🙂

  2. Liebe Birgit,
    meine Neurologin hat mich angehalten „Achtsamkeit“ zu praktizieren. So habe ich mir ein Hörbuch über die Achtsamkeit von Gill Hasson ausgeliehen. Nach den ersten Kapiteln habe ich den Eindruck, Achtsamkeit zu praktizieren, heisst weder die Vergangenheit zu reflektieren noch an die Zukunft zu denken sondern einzig in der Gegenwart zu leben.
    Wie habe ich mich da gefreut, vom Zukunftsdenken zu lesen. Danke für dieses Gedicht, das mir intelligenter erscheint als das ganze Konzept der Achtsamkeit. Aber — vielleicht urteile ich auch zu früh —- ich bin erst bei Kapitel drei (und bin schon gelangweilt).
    Einen schönen sonnigen Tag von Susanne

    1. Liebe Susanne,
      zur Achtsamkeit gehört ja auch, den Flug der Löwenzahnsamen überhaupt wahrzunehmen, zu beobachten, wie der Windhauch sie von der Erde hebt und über das Haus weht.
      Im WDR-Radio gibt es eine (Lieblings-)Sendung „Das philosophische Radio“. Per Podcast habe ich gestern die Sendung über das Thema „Gelassenheit“ gehört. Grundlage der Diskussion ist die stoische Philosophie gewesen, denn die Stoiker haben sich vor allem in einer gelassenen Haltung geübt. Und gelten so als weitläufige Vorläufer unserer gerade so allgegegenwärtigen Achtsamkeitsbewegung. Vielleicht magst du dort einmal nachhören: https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/philosophisches-radio/yves-bossart-gelassenheit-100.html
      Liebe Grüße, Claudia

      1. Liebe Claudia,
        da hast du allerdings recht! Für mich als Zeichnerin ist es so selbstverständlich den Löwenzahnsamen zu beobachten, dass ich vergessen habe, dass nicht jeder Mensch sich darin verlieren kann.
        Danke für den Podcast-Tip. Ich höre ausgesprochen gerne Poscasts und habe gerade Vorgestern mein Zitat am Sonntag eingeplant und auf den Podcast Forschergeit hingewiesen. Den höre ich auch sehr gerne 🙂
        Achtsame und auch gelassene liebe Grüße von Susanne

      2. Liebe Susanne,
        ich denke auch, dass es für dich als Zeichnerin – bei Fotografen habe ich solch einen genauen Blick auch schon beobachtet – ganz „normal“ ist, in Ruhe (und Stille) etwas zu betrachten, um deine Zeichnungen mit diesen vielen kleinen genau beobachteten Details so lebendig und anschaulich zu gestalten. Genau davon leben deine Zeichnungen ja. Auch beim Lesen eines Gedichtes brauchen wir ja solch eine innerliche Stille, um uns auf das Gedicht einlassen zu können. Und ich glaube, damit sind wir der Achtsamkeit tatsächlich schon ein gutes Stück nahe gekommen. Auch dir ein ruhiges, stilles und achtsames Wochenende, Claudia

      3. Vielleicht braucht es tatsächlich bei allen Dingen im Leben eine innere Stille und vor allem Zufriedenheit mit sich selber. Vielleicht ist auch diese Zufriedenheit des Rätsels Lösung. Nur, wenn wir zufrieden mit uns sind, können wir da auch mit unserer Umwelt sein.
        Liebe Grüße und einen schönen Sonntag von Susanne

    2. Wenn ich euer Gespräch jetzt so nachlese, das von Dir und Claudia, dann meine ich auch, dass ihr kein Geld für ein teures Achtsamkeitsseminar ausgeben müsst, sondern die Essenz schon begriffen habt: Einfach den Augenblick der Zufriedenheit genießen.

  3. Liebe Birgit,
    ich musste bei den Anfangszeilen gleich ganz beschwingt vom tollen Reim weiterlesen: „Habt ihr einen Kummer in der Brust Anfang August“. Und dann die Zeile: „Luftglücklich leicht“. So schön – und ganz ringelnatzerisch.
    Vielen Dank für dieses luftig leichte vom Windhauch (und nicht vom Husten!) bewegte Gedicht, Claudia

  4. oh, der herr ringelnatz, der wusste umzugehn mit klang und sang und leichtem schwung hoch übers schwere kopfgedankenfach hinaus ins blaue himmelshaus hinein, in unbeschwertes jetzt-hier-sein … ein schönes gedicht!
    danke, liebe birgit, hatte heut auch schon an ihn gedacht …
    liebste pegagrüße <3

  5. Da bringst du mich auf eine gute Idee. Ich könnte auch mal wieder Ringelnatz lesen. Ich bin durch folgendes Gedicht zu Ringelnatz gekommen:

    Und auf einmal merkst du äußerlich:
    Wieviel Kummer zu dir kam,
    Wieviel Freundschaft leise von dir wich,
    Alles Lachen von dir nahm.
    Fragst verwundert in die Tage.
    Doch die Tage hallen leer.
    Dann verkümmert Deine Klage …
    Du fragst niemanden mehr.
    Lernst es endlich, dich zu fügen,
    Von den Sorgen gezähmt.
    Willst dich selber nicht belügen
    Und erstickst, was dich grämt.
    Sinnlos, arm erscheint das Leben dir,
    Längst zu lang ausgedehnt. – – –
    Und auf einmal – -: Steht es neben dir,
    An dich angelehnt – –
    Was?
    Das, was du so lang ersehnt.

    Ich finde das einfach immer wieder schön.
    LG Kerstin

    1. Das ist auch so wunderschön! Ich mag einfach seine Vielseitigkeit. Lieben Dank fürs Veröffentlichen des Gedichtes hier, Birgit

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