Maria Leitner: Amerikanische Abenteuer

Als Journalistin schreckte Maria Leitner vor nichts zurück: Sie verdingte sich als Billiglohn-Arbeiterin in den USA und gelangte gar auf die Teufelsinsel.

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Mahnmal in Saint-Laurent-du-Maroni. Bildquelle: https://pixabay.com/de/ketten-gef%C3%A4ngnis-skulptur-913081/

„It pays to advertise“ (Reklame lohnt). Das ist der Wahlspruch der amerikanischen Bourgeoisie. Mit vollkommener Konsequenz wird er ausgeführt. „Amerika ist Gottes eigenes Land.“ Hier zu leben ist ein außerordentlicher Vorzug, wofür man ewig dankbar sein muss. (Nicht nur Gott, sondern auch der Bourgeois.) In jeder Form wird den Arbeitern versichert, dass ihnen kein anderes Land der Welt solche „Chancen“ bietet, dass hier der Weg allen Tüchtigen offen steht. Wie sieht es in Wirklichkeit aus? Eine neue Regierungsstatistik besagt, dass 76 Prozent aller Einwohner der Vereinigten Staaten vollkommen mittellos sterben. Die Elendsviertel in den amerikanischen Großstädten müssten jeden denkenden Menschen zu der Frage zwingen: Wieso ist das in dem reichen Amerika, in dem „Paradies“ möglich? Die Statistiken sind da, die Elendsviertel sind sichtbar, aber sie werden überstrahlt von der Reklame.

Maria Leitner, Zitat aus: „Weißer Abschaum. Aus dem amerikanischen Arbeiterparadies“, erschienen in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung Berlin, 1929.

Die Journalistin und Schriftstellerin Maria Leitner kannte das Elend der amerikanischen Arbeiter aus eigener Erfahrung mehr als genug. Sie wusste, wie es ist, vor „einer Madam“ im Stellungsbüro zu sitzen und zu hoffen, dass die Befragung gut für einen ausgeht. Sie kannte die Sorgen der Emigranten mit zwei, drei Jobs. Leute, die sich kaum über Wasser halten können, von denen aber in der „alten“ Heimat angenommen wird, sie lebten im Wohlstand und angenehm. Sie kannte die dunklen, ungeheizten Hinterzimmer für die „Dienstboten“, die Erniedrigungen durch die Arbeitgeberin, das Hoffen und Bangen in drittklassigen Künstleragenturen. Sie kannte das alles aus eigener Anschauung:

„Als Arbeitssuchende oder Stubenmädchen, Weberin oder Zigarettenarbeiterin erprobte sie in über 80 Stellungen zwischen 1925 und 1928 den amerikanischen Alltag“, so Helga W. Schwarz im Nachwort zu „Amerikanische Abenteuer“.

Helga W. Schwarz dagegen kennt wohl Maria Leitner wie niemand sonst: Die 1938 in Chemnitz geborene Ingenieurin kaufte sich 1962 für eine Zugfahrt „Eine Frau reist durch die Welt“, ein Reportagenroman Maria Leitners, der 1932 erstmals erschienen und später in einem Verlag der DDR neu aufgelegt wurde. Die Chemnitzerin war begeistert von dem Mut dieser Frau, die allein, auf sich gestellt, nicht nur in Nordamerika jobbte, sondern auch als Journalistin für den Ullstein Verlag in den europäischen Kolonien  in Teilen Südamerikas, unter anderem in Guayana und der berüchtigten Teufelsinsel), unterwegs war. Mit diesen Berichten, die zwischen 1925 und 1931 entstanden, gelang Leitner „der Durchbruch als Journalistin in Deutschland“.

Das Schicksal der 1892 im kroatischen Varaždin, damals zu Österreich-Ungarn gehörend, geborenen Leitner, die 1942 auf der Flucht vor den Nationalsozialistin in Marseille entkräftet starb, ließ Helga W. Schwarz nicht mehr los: Jahrzehntelang erforschte sie, unterstützt von ihrem Ehemann Wilfried, das wechselvolle und abenteuerliche Leben dieser Frau, die als linke, sozialkritische Autorin immer wieder aus den Ländern, in denen sie lebte, flüchten musste und denn weiter so wachsam und kritisch durch die Welt wanderte. Helga W. und Wilfried Schwarz zeichnen für die beim AvivA-Verlag erschienen Bände mit Arbeiten Maria Leitners verantwortlich. Gemeinsam sind sie zudem Herausgeber des 2017 in erweiterter Fassung veröffentlichten Sammelbandes „Abenteuer Amerika“ mit Originaltexten von 1925 bis 1935.

Die Reportagen aus Nord- und Südamerika, in denen Leitner mit kritischem Blick von der sklavenähnlichen Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Kolonien und  dem Elend der Gefangenen auf der Teufelsinsel (ihr berühmtester Häftling war Alfred Dreyfus) berichtet, sind in diesem Buch als Originaltexte, oftmals ergänzt durch Faksimiles der jeweiligen Zeitungsausgaben, enthalten. Bereichert wird dies noch durch den Abenteuerroman „Wehr dich, Akato!“. Der Text, der zunächst in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung erschien und aufgrund des Verbots der Zeitung nicht weiter veröffentlicht werden konnte, war lange nur als Fragment bekannt. Dass er nun erstmals in vollständiger Fassung vorliegt, auch dies ist der unermüdlichen Forschung von Helga W. Schwarz zu verdanken.

Ein Vergleich mit den „rasenden“ Reportern jener Zeit, Egon Erwin Kisch und Albert Londres, der 1923 ebenfalls über die Zustände in Guyana berichtet hatte, drängt sich förmlich auf: Wie ihre beiden männlichen Kollegen war Maria Leitner bei der Berichterstattung die Außensicht nie genug, sie schlüpfte in Rollen, um aus eigener Erfahrung berichten zu können, um vor allem das Leben derjenigen, die unter den politischen und wirtschaftlichen Zuständen dieser Zeit zu leiden hatten hatten, selbst zu spüren. Dabei sind ihre Reportagen jedoch nicht nur sozial- und kolonialkritisch, sondern durch Fakten untermauert und ergänzt. Sie zeigt auf, wie der Kolonialismus und wirtschaftliche Ausbeutung zusammenhängen:

„Einer der wichtigsten Naturschätze in Südamerika ist das Petroleum. Man kann die Rolle des „flüssigen Goldes“ in allen Unruhen nicht übersehen.
In Peru besitzen die Amerikaner 81 Prozent der Petroleumfelder, in Venezuela 40 Prozent, in Kolumbien sogar 100 Prozent“, schreibt sie 1931 für das Magazin „Uhu“ aus Südamerika. „Auf einem Atlas war die Petroleumerzeugung der Welt grafisch dargestellt. Die Vereinigten Staaten führten bei weitem. Im Jahre 1929 haben sie 68 Prozent der gesamten Weltproduktion geliefert; Venezuela, das an zweiter Stelle steht, 9,4 Prozent; Sowjetrussland, an dritter Stelle, 6,6 Prozent. Auch beim Verbrauch des Petroleums führen die Staaten. 60 Prozent des Weltbedarfs wird von ihnen in Anspruch genommen.“

Die prozentualen Anteile haben sich zwar inzwischen verändert – doch in der Darstellung vom Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Ausbeutung und politischer Instabilität sind die Texte von Maria Leitner noch immer aktuell. Mit ihrem genauen Blick und ihrem analytischen Denken wäre Maria Leitner wohl auch heute eine unbequeme Kritikerin der „Globalisierung“.

Maria Leitner, „Amerikanische Abenteuer“, herausgegeben von Helga und Wilfried Schwarz, NORA Verlagsgemeinschaft, Berlin, 2017, ISBN 978-3-86557-421-3, 22,00 Euro.

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