Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin

Ein Debütroman, der überzeugend von einer nicht allzu fern erscheinenden Zukunft erzählt: Eine Welt, in der „Performance“ und Anpassung alles ist.

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Er befindet sich bereits dich über dem Fall Spot™, als er zu einer weiteren Figur ansetzt, er scheint seine Höhe völlig überschätzt zu haben. Man hört den Knall erst Sekunden, nachdem er bereits am Boden liegt, sein Körper verdreht, der Kopf blutend. Aston verharrt in einer Totalen.
– Zoom! Zoom!, ruft ein Crewmitglied aus dem Hintergrund.
Roma hat zu schreien begonnen. Aston schwenkt auf sie um. Sie hat die Hände vors Gesicht geschlagen, aber als sie die Kamera sieht, nimmt sie sie herunter.
(…)
Sie wirkt kontrolliert und professionell.
– Was für eine Tragödie, sagt sie noch einmal. Es ist klar, dass wir die „Entdeckungen“ für heute abbrechen. Bitte zeigt seinen Loved Ones eure Anteilnahme. Wir haben ein Trauerforum auf unserer Website eingerichtet. Ich habe den ersten Eintrag gepostet. Der Junge hieß Win, Win Müller.
Hier bricht der Mitschnitt des Livefeeds ab. Das Forum auf der Casting Queens™-Website hat bereits über dreihunderttausend Einträge mit Beileidsbekundungen und Inspirational Pictures.

Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin, Hanser Berlin, 2018

Man würde meinen, eine Gesellschaft wie die unsere böte alle Möglichkeiten, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten. Doch Wohlstand alleine macht offensichtlich nicht frei. Statt Individualität herrscht Konformismus vor. Wir unterwerfen uns den Mechanismen von Social Media, die unsere „Wünsche“ mitdiktieren. Dutzende von Fernsehshows nach dem Motto „Deutschland sucht den Superstar“ kitzeln zugleich den Wunsch der Menschen, etwas „Besonderes“ zu sein und sorgen doch nur für allgemeine Verflachung. Statt Vielfalt Monotonie in der Konsumentenwüste. Der Mensch wird zum Konsumenten, aber Konsumenten wiederum können nur Leistungsträger sein – wer da nicht reinpasst, fällt durch das Netz.

Ins Abgrundtiefe fallen, ohne Netz und doppelten Boden, um aus den „Peripherien“ in die „Stadt“ zu kommen – das nehmen in diesem grandiosen Debütroman junge Menschen freiwillig in Kauf. Selbst die Todesgefahr kann sie nicht schrecken: denn das Hochhausspringen, das Tausende von Menschen digital mitverfolgen, ist für viele der einzige Weg in die Elite der Gesellschaft, die eben in der Stadt lebt.

Julia von Lucadou zeichnet in dieser Dystopie das Bild einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Performance alles gilt. Gespiegelt an zwei jungen Frauen, deren Schicksal diametral verläuft: Hitomi, die Ich-Erzählerin, das ist die Überangepasste, die nichts mehr fürchtet als den sozialen Abstieg. Sie hat den ersten Schritt geschafft in „der Stadt“ – ein Job als Psychologin, eine eigene Wohnung, scheinbare Sicherheit. Ihr neuer Auftrag scheint der Sprung auf der Karriereleiter zu sein. Sie soll eine berühmte Hochhausspringerin, Riva, Star unter den Sportlern, wieder auf Kurs bringen. Denn unerklärlicherweise weigert sich Riva von einem Tag auf den anderen, zu trainieren. Hito beobachtet ihre „Klientin“ (die davon nichts weiß) rund um die Uhr durch die in Rivas Wohnung installierten Kameras, sie analysiert ihr Gegenüber, versucht über den Partner Rivas zu intervenieren, untersucht ihr Tagebuch:

„In den ersten drei Jahren der App-Nutzung entsprechen Rivas Einträge dem Bild, das sie auch nach außen hin vermittelte. Doch danach verändern sie sich drastisch, die Texte werden notizenhaft und unzugänglicher. Riva erscheint weniger ausgeglichen, aufbrausender, nicht mehr so zielorientiert. Ihr Leistungswille, ihre Selbstdisziplin und Freude am Wettbewerb gingen zurück. Statt Beschreibungen ihres Trainingsfortschritts erstellte sie immer häufiger durchnummerierte Listen mutmaßlicher Erinnerungen, deren Zweck nicht erkennbar ist.“

Was für Hito zunächst ein großer Erfolg zu werden scheint, hat seinen Preis: Es gelingt ihr nicht, Zugang zu Riva zu finden, ein psychologisches Experiment mündet gar in einer Katastrophe aus Sicht der Leistungsträger. Unter Dauerbeobachtung durch ihren Vorgesetzten „Master“ stehend, der jede ihre Leistungen beurteilt, bricht sich der Stress zunehmend psychosomatisch Bahn, geraten Hitos ganzes Leben und ihre Ansichten ins Wanken. Spannend erzählt die Autorin von der entgegengesetzten Entwicklung der beiden jungen Frauen, die sich dann tatsächlich nur einmal begegnen – die eine wählt den Ausstieg aus der schönen neuen Welt, die andere muss mit ihrem Abstieg fertig werden, konsequent in ihrer Sozialisierung jedoch bis zum bitteren und für den Leser überraschenden Ende.

Julia von Lucadou, promovierte Filmwissenschaftlerin, ist mit „Die Hochhausspringerin“ ein Debüt gelungen, das zu fesseln vermag: Eine gut durchdachte Geschichte, die Figuren psychologisch schlüssig, eine spannende Erzählung. Die Filmerfahrung der Autorin macht sich positiv bemerkbar: Manche Szenen sind so plastisch beschrieben, die entsprechenden Bilder ruft das innere Auge sofort hervor. Aber auch stilistisch überzeugend für eine Leserin wie mich, die sich mit der oft von Technik überfrachteten Sprache des Sciene Fiction-Genres schwer tut. Vor allem jedoch scheint das dystopische Weltbild, das Julia von Lucadou hier zeichnet, so bestürzend und greifbar nah.

Die Anerkennung, die Clemens Setz dem Buch zollt, ist gerechtfertigt:

„Ein strahlender Roman über die fürsorgliche Umzingelung, in die sich die ganze Welt verwandelt hat.“

 

 

12 comments on “Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin”

  1. klingt sehr spannend! und greifbar nah ist die thematik auf jeden fall, bestürzend auch – das spüre ich schon beim lesen deiner rezension …
    lieben gruß,
    pega

    1. Liebe Pega,
      ja, ich fand das sehr konsequent weitergezeichnet – so wie wir heute leben, ist so eine Zukunft durchaus vorstellbar. Liebe Grüße, Birgit

      1. habs auf meiner wunschliste. gerade solch eng vom „jetzt“ ausgehendes weiterzeichnen interessiert mich sehr. das war zum beispiel auch etwas, was mich bei der lektüre von oryx und crake von m. atwood fasziniert hat, das szenario, das atwood da entwickelt, fand ich auch gar nicht so abwegig.
        lieben gruß „von nebenan“,
        pega

  2. Liebe Birgit,
    Schon dein Titelbild löst beim Betrachten weiche Knie und Schwindel aus. Wie furchtbar dann, wenn nur noch solche extremen Tätigkeiten zählen, um sich aus der Masse hervorzuheben! Wenn nur solche Tätigkeiten zählen, um als Individuum , um etwas zu gelten. In einer erbarmungslosen Leistungsgesellschaft mit totaler Überwachung. Ein super Lesetipp also für einen Roman, der ja tatsächlich nur wenig weg ist von unseren gesellschaftlichen Entwicklungen und Zwängen.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,
      da ich nicht schwindelfrei bin, hätte ich, wäre ich ein Kind aus den Peripherien, in dieser Gesellschaft null Chance.
      Der Roman hat mich wirklich gepackt, weil da so vieles drin steckt: Auch diese ganze „Wohlfühlblase“, in die man sich in den sozialen Medien einlullen könnte – Food porn, Katzenbilder, Urlaubsfotos, toller Job – und wo wir uns alle freiwillig einer Art sozialer Kontrolle unterwerfen.
      Das könnte eben zu so einem Szenario führen, wie es die Autorin schildert. Herzlichst, Birgit

      1. Und ein bisschen – das ist mir noch später eingefallen – erinnert die Story ja auch an Andreas Reckwitz´ Überlegungen zur Notwendigkeit, sich, gerade auch mit Blick auf die sozialen Medien, durch ganz besondere Fähigkeiten zu indivudalisieren. Da birgt natürlich Hochausspringen wesentlich mehr Potenzial als Katzenbilder :-). Der Roman steht jedenfalls ganz oben auf meiner Leseliste.

      2. Stimmt, das Buch von Reckwitz gibt quasi den theoretischen Hintergrund – wobei ich mich durch die „Gesellschaft der Singularitäten“ etwas gequält habe (sprachlich), aber nicht mal da ist man individuell 🙂 Wahre Individualität erreicht man wohl nur noch, wenn man mit Reckwitz in der einen und Katze in der anderen Hand vom Hochhaus springt und das als Livestream teilt :-). Oder so was in der Art.

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